Nr. 48/2008 vom 27.11.2008

«Meister des Universums»

Wie erlebt ein Banker die Finanzkrise? Wer ist schuld am ganzen Desaster? Und sind BankerInnen gieriger als andere? Ein Vermögensverwalter, der anonym bleiben möchte, erzählt.

Aufgezeichnet von Rachel Vogt

«Hier in der Vermögensverwaltung gibt es grundsätzlich zwei Gruppen von Bankern: jene, die gescheit schwatzen und je nach Kursverlauf eine andere Meinung haben. Und jene, die fassungslos in den Bildschirm starren. Niemand in unserer Branche hat etwas Vergleichbares erlebt. Es ist alles schlimmer gekommen, als es die Pessimisten geglaubt haben.

Keine Angst!

Was war passiert? Mitte 2007, als erste Anzeichen von Stress im Finanzsystem zu beobachten waren, hatten die Optimisten klar die Oberhand. Denn jedes Mal, wenn die Börsenkurse um zehn Prozent fielen, erholten sie sich rasch wieder - was als Hinweis darauf genommen wurde, dass es so schlimm ja gar nicht sein könne. Aussagen etwa vom US-amerikanischen Finanzminister Henry Paulson nährten die Überzeugung, dass die Pessimisten einfach zu pessimistisch waren. In den letzten zwei Monaten des Jahres 2007 fielen die Kurse dann schon etwas stärker, aber eigentlich war das ja gut für unsere Kunden, die Anleger: Sie konnten tiefer dazukaufen. So zumindest der Gedankengang der Optimisten. Interessanterweise hörte man 2000 (als sich das Platzen der Internetblase abzeichnete) dieselben Argumente.

Im Januar 2008 wurde langsam klar, dass sich die Aussichten nicht verbesserten: An der Börse verzeichnete man den schlechtesten Januar seit über siebzig Jahren. Grund für Einzelne, ihre Zuversicht zu zügeln. Doch die Optimisten hatten ein noch besseres Argument als Ende 2007, denn die Kurse lagen nun nochmals deutlich tiefer. Anfang 2008 war die Stimmung deshalb recht locker in unserem Büro. Nicht mehr ganz so locker waren die Kunden: Die Anlageberater wurden mit Anfragen überhäuft, was nun zu tun sei. Zum Glück gehört unser Chef zu den vorsichtigeren Anlegern, weshalb wir Aktien verkaufen mussten. Verschiedene alte Hasen, die zu wissen meinten, was vorging, weigerten sich, solch ‹negative Signale› auszusenden und die Kunden zu ‹verängstigen›. Heute haben die ein Problem. Einzelne mussten gehen, aber das ist die Ausnahme. Denn auch in schlechten Zeiten benötigt man Anlageberater, die die Händchen der Kunden halten. Ob sie gute Ratschläge gegeben haben oder nicht.

Flau bis fatalistisch

Langsam wird auch den Letzten klar, dass eine furchtbare Zeit auf den Finanzsektor zukommt und die Krise sich hinziehen wird. Die Stimmung im Büro ist flau bis fatalistisch, in den schlechten Momenten herrscht Fassungslosigkeit. Ich habe zwar noch niemand sagen hören, dass er sich um seine Zukunft sorge. Aber im Hinterkopf wird bei vielen die Angst sitzen - schliesslich verdienen wir alle zu viel. Und wo sparen die Banken? Natürlich beim Personal. Bei den täglichen Früchtekörben für das Personal. Einstellungsstopps sind die Regel geworden. Einzelne Institute streichen bereits zehn Prozent der Stellen, es sind diejenigen, die in den letzten Jahren stark gewachsen sind. Manche sprechen von einer Überkapazität im Finanzbereich von bis zu fünfzig Prozent. Klar ist: Im langfristigen Vergleich hat der Finanzsektor viel zu viel verdient. Das muss nun abgearbeitet werden. Mit Verlusten. Bis wir irgendwann wieder auf eine gesunde Grösse geschrumpft sind.

Besonders die Investmentbanker, die die Meister des Universums waren, haben es jetzt schwer. Bei den Private Bankern, denen Bescheidenheit in Auftritt und Fähigkeiten nachgesagt wird, kommt manchmal ein bisschen Schadenfreude auf. Dennoch: Irgendwann, im nächsten Boom, kommen die Investmentbanker wieder aus ihren Löchern. Und mit ihnen die Hedgefonds-Manager, die im Moment besonders unter Druck sind. Dann geht das Spiel von vorn los. Und dann wird es wieder einige von ihnen geben, die Hunderte von Millionen Dollar pro Jahr verdienen.

Auch wenn in einem Jahr, in dem die Aktienkurse um vierzig Prozent purzeln, keine Euphorie aufkommt: Man kann sich Mut zureden. Das Ab gehört eben genauso zur Börse wie das Auf. Und sonst hilft Galgenhumor. Was man auch sagen muss: Die Situation ist für Ökonomen enorm spannend.

Finden das die Kunden auch? Tendenziell nicht. Denn sie zahlen Gebühren, damit die Bank ihr Vermögen anlegt, und die Banken verdienten unheimlich gut damit. Wenn sich nun das Vermögen der Kunden nicht vergrössert, sondern verkleinert, dann kommt die Wut: ‹Aber Sie sind doch der Profi! Hätte man das nicht kommen sehen müssen?!› Doch sie waren Teil des Spiels: Sie legten riskant an, waren wild auf strukturierte Produkte, hatten den schnellen Gewinn vor Augen. Den gibt es nicht mehr. Pech gehabt.

Auf die Frage eines Freundes, ob wir Banker uns denn nicht schämten nach diesem Desaster, kann ich nur sagen: Nein. Lange ging ja alles gut, haben alle gut verdient. Und wenn alle Aktien kaufen, obwohl sie zu teuer sind, ist man blöd, wenn man es nicht auch tut: Die ‹greater fool theory› besagt, dass man so lange Aktien kaufen muss, wie man daran glaubt, einen noch grösseren Idioten zu finden, der einem die überteuerte Aktie zu einem späteren Zeitpunkt zu einem höheren Preis abkauft. ‹Junger Mann›, wurde der Spekulant André Kostolany an seinem ersten Börsentag belehrt, ‹ich will Ihnen alles über die Börse verraten: Es kommt darauf an, ob es mehr Idioten als Papiere gibt - oder mehr Papiere als Idioten. Das ist alles.›

Der grosse Zirkus

Doch nicht nur die Anleger und die Banken haben gut verdient. Auch die Analysten, Berater und Prognostiker, die Nachfahren der Seher und Vogelschauer. Sie alle lagen zwar meist spektakulär falsch. Aber mit ihren vermeintlich unfehlbaren wissenschaftlichen Analysen haben sie lange prima gelebt. Auch die Notenbanker und Journalisten machten mit im grossen Zirkus. Die wenigen, die bereits 2004 warnten, dass da etwas faul sei, wurden jahrelang ignoriert - zum Glück ja auch, denn 2004 bis 2007 konnte man viel, viel Geld verdienen. So viele sind schuld am Desaster.

Und wie stehts mit der Gier? Banker sind nicht gieriger als die anderen Professionen, nur gab es eben in den guten Jahren derart viel Geld zu verteilen - und dann nimmt jeder so viel, wie er kann. Aber so ist das System. Wir beginnen erst zu begreifen, was eine Herde von Finanzspezialisten anrichten kann. Nicht, dass sich in der Geschichte nicht genügend Beispiele für ihre Verwüstungen fänden, aber was kann Geschichte gegen Optimismus und die Aussicht auf schnellen Reichtum ausrichten?»