Nr. 48/2008 vom 27.11.2008

Bei einem Cocktail

Warum Solidarität ein Fremdwort geblieben ist. Und die Wirtschaft noch immer besprochen wird wie das Wetter, selbst wenn es mehr als ein Unwetter ist.

Von Marlene Streeruwitz, New York

Das Obama Special ist ein Hotdog und kostet 99 Cent. Das Depression Special ist eine Pizzaschnitte nur mit Käse und kostet auch 99 Cent.

Am Dienstag. Beim Christie’s Preview für den South American Sale schaute niemand die Bilder an. Rund um die Cocktailbars wurde diskutiert, ob man die Autoindustrie retten soll. Oder nicht. Und weil das bei Christie’s die Reichen und Vielleicht-schon-nicht-mehr-so-Reichen waren, war man allgemein gegen die Rettung. Ein Konkurs würde die Autoindustrie nämlich von allen Arbeitsverträgen mit den Gewerkschaften und allen Versorgungspflichten der Pensionsfonds befreien.

Jeder und jede redete da Kapitalistenspeak aus der Ära von Ronald Reagan. Diese Sprache kennt keine Rücksicht auf sich selbst. Die Person, die spricht, kann ihre eigene Situation in dieser Sprache gar nicht beschreiben. Immer muss die Beschreibung einer persönlichen Situation über die Befindlichkeit eines «Amerikanischseins» laufen.

Das klingt, als gäbe es eine Gesellschaft, auf die da Bezug genommen werden kann, und als könne sich jeder und jede als Mitglied dieser Gesellschaft sehen. Aber genau das ist nicht der Fall. Wenn da so gesagt wird, dass «in the bigger frame of things», gesamthaft betrachtet, jemand ohnehin noch gut weggekommen ist, dann hört sich das so an, wie wir das etwa vom Verhalten misshandelter Frauen kennen, die sich selbst die Schuld an allem geben müssen und nie gelernt haben, für sich selbst Würde und Zukunft zu verlangen.

Auslagerung der Konflikte

Jetzt. In diesem Taumeln und Fallen der Lebensentwürfe kommt heraus, dass niemand einen Anspruch stellt. Offenkundig sieht sich niemand berechtigt, Ansprüche zu stellen. Niemand kann das System ändern oder mitreden, aber alle nehmen die Schuld auf sich.

Aus dieser Rhetorik der Selbstbeschuldigung heraus ist dann auch verständlich, warum der Begriff der Solidarität nicht einmal verstanden werden kann. Leere Blicke begegnen der sozialstaatlich sozialisierten Europäerin, wenn sie diesen Begriff einbringen will. Die Wirtschaft müsse sich nur stabilisieren, ist dann die Antwort. Die Wirtschaft wird besprochen wie das Wetter, das nun leider ein Unwetter ist. Aber irgendwann wird die Sonne wieder scheinen. Und dann wollen alle mit ihrem Platz an dieser Sonne rechnen können.

Dabei hätten die Kunstwerke aus Südamerika, die da an den Wänden hingen und niemand ansah, eine besondere Bedeutung bekommen können. Es war eine wirtschaftliche Krisensituation, die in den 1890er Jahren dazu führte, dass die Eliten - allen voran die republikanische Parteielite - auf die dringlichen Probleme der Wählerschaft reagieren mussten. Eine dritte Partei hatte sich im Mittelwesten gebildet, und es drohte die Möglichkeit, dass die politische Macht auf die People’s Party übertragen werden könnte.

Um die Macht nicht zu verlieren und weiterhin überhöhte Einfuhrzölle und das strikte Festhalten am Goldstandard zum Wohl der Wall-Street-Mandarine diktieren zu können, musste die Wählerschaft abgelenkt werden. Es musste davon abgelenkt werden, dass die Eliten ungeheure Vermögen anhäufen konnten, während die Farmerinnen und Mittelständler in Not und Elend lebten.

Täglich neu gedrillt

In den 1890er Jahren wurde der aggressive amerikanische Patriotismus erfunden und den Wählern anstelle von Reformen verfüttert. Damals wurde Südamerika zur Austragungslandschaft der inneren Konflikte US-Amerikas gemacht. Mit allen Folgen der internationalen Politik. Damals wurden jene Schritte in der Wirtschaft unternommen, die dann endgültig zur Weltwirtschaftskrise führten. Damals wurde die Privatheit des US-amerikanischen Bürgers gegen die Sicherheitsfragen eines militärischen Patriotismus eingetauscht. Die Identität des Amerikanischseins wurde völlig neu erfunden und durchgesetzt.

Und heute. Bei einem solchen Cocktail in der 5th Avenue. Da reden sie alle genau so, wie es nun seit langem gelernt ist. Die Logik des Geldes ist die Grundlage des Fühlens geworden. Und das wird täglich neu gelernt und gedrillt. Die Unterhaltungsindustrie der letzten fünfzehn Jahre hat dieses Zurichten in seiner Selbstverständlichkeit noch einmal auf die Spitze getrieben. In jedem Programm laufen Shows, die davon handeln, dass jemand diszipliniert werden muss oder sich selbst disziplinieren soll.

Ob das America’s Top Model ist, das sich nicht sexy genug vor dem Fotografen herumgewälzt hat. Ob das die Burschen in der Dating Show sind, die wieder das Bier den Mädchen vorgezogen haben und an sich arbeiten sollen. Ob das Hausfrauen sind, die ihr Gewicht in den Griff bekommen sollen. Ob das in Übertragungen von Gerichtsprozessen dazu führt, dass über das Mass der Strafe Telefonabstimmungen stattfinden und die Bestrafung durch das Telefonvolk immer deutlich höher ausfällt als die vom Gericht. Ob das die Möglichkeit ist, in Direktübertragungen aus den Gefängnissen an der Erniedrigung, Folterung und Vernichtung von Personen teilzunehmen, um sich dann in der Reaktion des sadistischen Kinds freuen zu können, dass es jemand anderen getroffen hat: Am Ende muss jeder und jede sich zu diesem Ideal zurichten und dann aber trotzdem selbst schuld an allem bleiben.

Der Blick auf sich selbst

Change is possible. Aus der Logik der Totalität des herrschenden Denkens wäre es vorstellbar, dass eine Person wie Barack Obama verstehen kann, was geändert werden sollte. Was ein solcher und von langer Zeit gelernter Patriotismus ja verwehrt, ist, einen Raum zu schaffen, aus dem heraus ein Blick auf sich selbst möglich ist. Im geschlossenen System der Eliten, das sich in den Universitäten spiegelt, wird ein solcher Blick auf sich selbst ja als gefährlich aufgefasst. Höchstens der Blick einer beschreibenden Soziologie ist da zugelassen. Der kritische Blick der europäisch-philosophischen Tradition kann sich gar nicht mehr ausdrücken. Das amerikanische Englisch selbst sorgt dafür, dass komplexe Zusammenhänge nicht darstellbar werden.

Die kritische Selbstschau, die überhaupt einen Istzustand beschreibbar macht, können dann nur die leisten, die aus dem System der Eliten ausgeschlossen sind, aber die Sprachen der Eliten erlernt haben. Mitgliedern von Minderheiten widerfährt dieser Ausschluss automatisch. Sie können also diesen Blick auf die Gesellschaft und sich selbst entwickeln und sich ein Bewusstsein davon verschaffen. In diesem Vorgang war Barack Obama Hillary Clinton weit überlegen, auch wenn er zur Beschreibung seiner Situation und seiner Schlüsse daraus eine christliche Rhetorik heranziehen musste. Das bisschen Frauenpower, das Frau Clinton aus ihrer Situation ableitete: Bewusstsein war das nicht.

Die Bilder von der Rede Obamas in Chicago. Am Abend seines Wahlsiegs. Der weisshaarige, aristokratisch aussehende weisse Mann, Prototyp der Eliten, die in Washington und auf Wall Street an der Macht waren: Dieser Mann war da der Zweite. Er war der auf die Bühne Geholte und nicht der, der auf die Bühne holt.

Ein Obama macht noch keinen Elitenwechsel. Je mehr von seinem Team für das Weisse Haus bekannt wird, umso deutlicher wird, wie sehr diese alten Eliten sich auch für ihn unumgänglich machten. Aber immerhin war es ihm möglich, zu sagen, dass Amerika nicht foltere. Alle anderen KandidatInnen mussten sich immer der Rhetorik der inneren Sicherheit anschliessen, die dieser verinnerlichte Patriotismus mitbedingt. Der nun wiederum den Leuten aufträgt, alles hinzunehmen, nichts zu erwarten und die Reichen die Reichen sein zu lassen. Als wäre das ein Naturgesetz und Geld eine Naturkraft.

Gestaltung. Die Erfindung von Gesellschaft: Das ist wohl verlernt. Das Wohl der Schwachen wird weiterhin den Charities überlassen bleiben. Wenn aber nun die, die da - vermeintlich gesellschaftlich - gaben, selbst nichts mehr haben? Oder jedenfalls nicht so viel? Und wenn die Rechnung ja doch so geht, dass der Wert der Person nur darin gemessen wird, wie viel sie hat?

Zynisch bis zum Ende

Ich hoffe sehr, dass der zukünftige Präsident recht haben wird und dass die USA nicht foltern. Und dass die Folgerung aus diesem Satz eine Wiedereinführung des Begriffs der Solidarität bedeuten könnte.

Die Kriege, die bisher ablenken sollten, wurden aus genau demselben Grund und genauso zynisch begonnen, wie etwa 1895 der Konflikt mit England über Venezuela vom Zaun gebrochen wurde. Patriotismus als Ersatz für eine kluge und gerechte Politik. Etwas, das ja nie zum Vorteil des Geldes ausgehen kann. Diese Kriege erfüllen ihre Rolle nicht mehr. Dieses Mittel ist aufs Zynischste verbraucht. Was also tun.

Ach ja. Der Kapitalismus als geschlossenes System lehrt natürlich gleich, wie es gehen kann. Log on to «The nonprofits guide to surviving a downturn».

Eine Freundin aus Berlin fragt mich, wie es ist, mitten im Zusammenbruch einer Weltmacht dabei zu sein. Nun. Es gibt die Auswahl zwischen dem Obama Special und dem Depression Special. Und ich bin froh zu hören, dass das Obama Special weit voraus ist. Good luck and take care.

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