Nr. 50/2008 vom 11.12.2008

Der Judenbub und die Hure

Aharon Appelfelds Roman ist ein aussergewöhnlicher Beitrag an die Erinnerungsliteratur zum Holocaust - und das verstörende Porträt einer bedingungslosen Liebe.

Von Anna Wegelin

Wir befinden uns in einer Zeit, in der uns die Auf- und Verarbeitung des Holocaust auf Schritt und Tritt begegnen: sei es mit der Einweihung der Synagoge in Lörrach, siebzig Jahre nachdem sie in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 zerstört wurde, sei es mit Romanen, die der Nachkriegsgeneration den Zugang zu diesem unerhörten Verbrechen vielleicht am ehesten gewähren.

Zu den herausragenden aktuellen Büchern zum Holocaust zählt «Der Anfang von etwas Schönem» der israelischen Schriftstellerin Lizzie Doron (geboren 1953), eine temperamentvolle Auseinandersetzung mit dem Schicksal der «Kinder des Holocaust». Ganz anders im Ton, aber ebenso eindringlich liest sich der neu auf Deutsch erschienene Roman «Blumen der Finsternis» (2006 im hebräischen Original erschienen) ihres älteren, ebenfalls mit internationalen Preisen bedachten Landsmanns Aharon Appelfeld. Er beschreibt eine jüdische Kindheit im Zweiten Weltkrieg, die auch seine Lebensgeschichte prägt. Appelfeld, 1932 in Czernowitz geboren, das heute in der Ukraine liegt, ist acht Jahre alt, als rumänische Antisemiten seine Mutter töten. Gemeinsam mit seinem Vater wird er nach Transnistrien verschleppt. Es gelingt ihm zu fliehen, und er hält sich in den Wäldern versteckt, bis er 1944 Küchenjunge bei den sowjetischen Truppen wird. Über Italien erreicht er mit anderen Flüchtlingen 1946 Palästina.

Bedrohte Symbiose

Zum Roman: Eine unbenannte, von den deutschen Nazis besetzte Stadt irgendwo in Südosteuropa. Hugo, elf Jahre alt, ist der Sohn des jüdischen Apothekerehepaars Mansfeld und lebt im Ghetto. Sein Vater Hans, ein schweigsamer Mensch, der «die Wirklichkeit nicht schöner machen wollte, als sie war», ist deportiert worden. Seine Mutter Julia, eine herzensgute Frau, die Bedürftigen hilft, flieht mit ihrem Jungen durch die Kanalisation an den Stadtrand. Hier gibt sie ihn in die Obhut ihrer Jugendfreundin Mariana Podgorski, die sie über die Jahre mit Kleidern und Lebensmittel versorgt hat und die in einem Freudenhaus lebt und arbeitet. Hugos Mutter zieht weiter ins nahe gelegene Dorf, um sich dort zu verstecken. «Das war der Schnitt, aber Hugo spürte ihn nicht.»

Hugo bezieht die Abstellkammer neben Marianas rosarotem Zimmer, das ihn an einen Damenfriseursalon erinnert. Er verbringt die Tage und Nächte im ungeheizten Bretterverschlag. Sein Schlaflager in dem Durcheinander von Röcken, Korsetts und Strümpfen sind ein paar dreckige Schaffelle. Fast anderthalb Jahre lang harrt er hier aus, weint stille Tränen der Verlassenheit, träumt von den Skiferien mit seinen Eltern in den Karpaten, lauscht den seltsamen Geräuschen im Zimmer nebenan und beginnt allmählich, seine Erinnerungen, Gedanken und Fantasien in ein leeres Buch zu schreiben. «Seit er sich erinnern konnte, hatte er versucht, Sätze zu zerlegen und Wörter zu verstehen», heisst es an einer Stelle. «Diese Versuche machten ihn nicht froh.» Aber er kann nicht anders, muss festhalten, was mit ihm und um ihn herum geschieht, um damit zurande zu kommen: seine Mutter, die ihm nicht erklären kann oder will, weshalb ihresgleichen verfolgt wird; die trinksüchtige Mariana, die ihn abwechselnd «Süsser» und «mein Welpe» nennt und von sich selbst in der dritten Person spricht.

Während die Jahreszeiten und die Freier kommen und gehen, werden Mutter und Vater für Hugo immer mehr zu «flüchtigen Schatten». Die abgeschottete Welt bei Mariana dagegen wird immer realer. Hugo richtet seine ganze Aufmerksamkeit auf sie, schutzlos ist er ihren manisch-depressiven Stimmungsschwankungen ausgesetzt. Er wartet sehnsüchtig auf den Moment, in dem sie ihm Milch und belegte Brote bringt, ihm in ihrem Badzimmer den Rücken schrubbt oder ihn zu sich ins Bett nimmt. Oft wartet er stundenlang vergeblich auf sie. Immer wieder wird ihre Symbiose bedroht. Doch sie überdauert jede Gefahr von aussen. Und als schliesslich die Sowjets nach dem Abzug der deutschen Truppen kommen, ist der Judenbub in die Geheimnisse der geschlechtlichen Liebe eingeweiht.

Die Frage nach dem Irrsinn

In «Blumen der Finsternis» führt Appelfeld zwei willkürlich Verfolgte  - den Juden und die Hure - schicksalhaft zueinander: auf der einen Seite der wohlerzogene, gebildete und sanftmütige Hugo, der von einem Tag auf den anderen seine Mutter und sein Zuhause verliert, auf der anderen Seite die temperamentvolle Ukrainerin Mariana, die als Kind regelmässig vom Vater verprügelt wurde, mit vierzehn dem Alkohol erliegt, seither als Prostituierte arbeitet und dafür vom Volk mit Steinen beworfen wird.

Je besser wir die beiden Hauptfiguren kennenlernen, desto näher rücken sie uns: der etwas zu verhaltene Junge und seine etwas zu melodramatische Geliebte. Wir schwingen mit Marianas emotionalen Berg- und Talfahrten mit, wenn ihre Freier sie malträtieren und sie ihre Pein im Kognak ertränkt; wir lassen uns von ihrem unbändigen Lebenswillen mitreissen. Wir tauchen mit Hugo in eine Gedanken- und Gefühlswelt von Kindheitserinnerungen, Albträumen und (Flucht-)Fantasien und versinken in Marianas wärmendem Körper.

Ein zentrales Thema im Roman ist die Frage nach jenem Irrsinn, den die «neue Vernunft» des Nationalsozialismus in die Welt gebracht hat: Warum werden Menschen verfolgt, die nichts verbrochen haben? Darauf gibt Appelfeld keine Antwort. Doch setzt er den (biblischen) Gott beziehungsweise dessen Negierung ein. Er spielt für Mariana jenen Part, den Karl Marx als das «Opium des Volkes» bezeichnet hat: Nur ihr Glaube bewahrt sie vor dem Selbstmord.

Im Schlussbild sind Hugo Mansfeld und die anderen Flüchtlinge um ein wärmendes Feuer in seiner Heimatstadt versammelt. Mariana ist tot. Eine kleine Frau, die unentwegt Brot und Kaffee unter den Bedürftigen verteilt, gemahnt ihn, er dürfe nicht auf seine Eltern warten: «Wir müssen von hier weggehen, zusammen, so kann einer auf den anderen aufpassen.»

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