Nr. 50/2008 vom 11.12.2008

Die Verwüster

Der eine hat seine Bank ruiniert, der andere die politischen Institutionen attackiert. Jacques Neirynck sieht im «Blospel-Komplex» eine Gefahr für das demokratische System der Schweiz.

Von Helen Brügger

Marcel Ospel? «Kein Bankier, sondern ein Spieler», schreibt Jacques Neirynck in seinem vor wenigen Tagen erschienenen Buch «L’homme qui est allé trop loin» (Marcel Ospel - der Mann, der zu weit ging). Christoph Blocher? «Kein Staatsmann, sondern ein Bandenchef.» CVP-Politiker Jacques Neirynck, ratsältester Nationalrat, ist bekannt dafür, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es um die Demokratie geht. Und darum ist es ihm, sagt der emeritierte Professor der ETH Lausanne, diese Woche gleich zweimal gegangen. Beim Rettungspaket für die UBS ebenso wie bei der Wahl des Nachfolgers von Bundesrat Schmid.

In nur vier Wochen hat Neirynck sein jüngstes Buch geschrieben. Was waren seine Gründe? «Ich wollte damit Einfluss auf die parlamentarische Debatte der Dezembersession ausüben», sagt der streitbare Neirynck. Es sei im Parlament verteilt worden, und die Reaktionen der französischsprachigen ParlamentarierInnen seien durchwegs lobend. Denn das Buch mit seinen knapp hundert Seiten ist kein Pamphlet, sondern eine minutiös recherchierte Analyse der Parallelen zwischen dem Swissair-Grounding im Oktober 2001 und dem Beinahebankrott der UBS im Oktober 2008. Im Zentrum zweimal der gleiche Mann: Marcel Ospel, sein «grenzenloser Ehrgeiz» und sein «Kampf um die Macht um jeden Preis».

Marcel Ospel ist der Mann, der als UBS-Chef alle Rettungsmassnahmen für die Swissair verhindert hat, und er ist der Mann, der aus der UBS eine der drei grössten Banken weltweit machen wollte und sie damit ins Verderben gestürzt hat. Doch Marcel Ospel hat nicht allein gehandelt. Laut Neirynck gehört zu ihm eine zweite Figur, die wie Ospel die letzten zehn Jahre der Geschichte der Eidgenossenschaft geprägt hat: Ospels Freund Christoph Blocher. «Der Basler und der Zürcher, die sich so sehr gleichen, haben einen verderblichen Pakt geschlossen: Während der eine seine Bank ruinierte und die politischen Kampagnen des Zweiten finanzierte, hat der andere die politischen Institutionen verwüstet.»

«Mich überraschen die Parallelen zwischen den beiden Männern», sagt Neirynck: «Beide stammen aus bescheidenen Verhältnissen, haben sich hochgearbeitet, um ein Versagen ihrer Väter und Demütigungen ihrer Kindheit zu rächen, und beide haben auf dem Höhepunkt ihrer Macht ohne jede Einsicht bis zur Selbstzerstörung weitergespielt, bis sie ins Verderben stürzten.» Für Neirynck könnte es sich dabei um einen «Blospel-Komplex» handeln, die Beziehung des erfolgreichen Sohns zum gescheiterten Vater, der eigentlich eher die Psychiatrie beschäftigen müsste als das Parlament.

Denn im Zentrum von Neiryncks Besorgnis steht nicht die Machtgier der «Blospels», sondern die Eidgenossenschaft und ihr Parlament. Ein Parlament, das nicht über die seit Monaten vorhersehbaren Schwierigkeiten der UBS informiert wurde, das von den Diskussionen und Entscheiden um das Rettungspaket ausgeschlossen blieb, das letzten Montag über bereits ausbezahlte Rettungssummen debattierte und am Mittwoch - hier zieht Neirynck gegenüber der WOZ wieder die Parallele zur Politik und geht über die Analyse in seinem Buch hinaus - gleich noch ein weiteres Mal entmündigt werden sollte, zumindest nach dem Plan der SVP. «Das Parlament wählt die Bundesräte, es segnet nicht einfach den von einer Partei aufgezwungenen Kandidaten ab.» Neirynck war nicht bereit, für einen SVP-Kandidaten zu stimmen, «der uns von der SVP diktiert wird». Das Parlament dürfe nicht auf seine Rechte verzichten, dürfe nicht zulassen, dass man an seiner Stelle entscheide, weil es sonst das Spiel der «Totengräber der Demokratie» mitspiele.

Doch zurück zum Buch: Die Schweiz kennt die in Frankreich gängige Form des «livre événement» nicht, des Buches, das direkt auf Ereignisse hin geschrieben und dazu bestimmt ist, sie zu beeinflussen. Neiryncks spannend geschriebenes Buch ist ein solches «livre événement» und schliesst auch mit einer Reihe von Vorschlägen ab, die von der Wiedereinführung der Unterscheidung zwischen Investmentbank und Geschäftsbank über Vorschriften zur Verantwortung von Verwaltungsräten, einen besseren Ausgleich zwischen Finanzplatz und Wirtschaftsplatz bis zu Massnahmen zur Stärkung von Parlament und Bundesrat gehen. «Das Wichtigste für mich ist aber, die totale Transparenz darüber zu schaffen, was bei der UBS zwischen Januar und Juli 2007 geschehen ist». Denn zu diesem Zeitpunkt habe die Credit Suisse bereits begonnen, sich von den hochriskanten Positionen in den USA zurückzuziehen, während Ospel selbstherrlich weitergemacht habe, wofür er zur Verantwortung gezogen werden müsse. Hier liegt laut Neirynck eine der wichtigen Aufgaben des Parlaments, «wenn es sich weiterhin ernst nehmen will».

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