Nr. 51/2008 vom 18.12.2008

Kollektives Erinnern

Zahlreiche spanische RomanautorInnen haben sich in den vergangenen Jahren des Spanischen Bürgerkriegs angenommen: zeitgenössische Literatur als Katharsis der tabuisierten Vergangenheit.

Von Jochen Kelter

Durch den Pakt des Schweigens, den die politischen Kräfte nach Ende des Franco-Faschismus 1976 schlossen, wurde der Krieg, der Spanien vierzig Jahre lang im Würgegriff gehalten hatte, fast völlig tabuisiert. Die spanische Gegenwartsliteratur scheint ihre Vitalität nicht zuletzt aus diesem kollektiven Erinnern gegen die seinerzeit verhängte offizielle Version der Geschichte zu ziehen.

Aktuelle Beispiele sind die beiden 2007 erschienenen (oder wieder verlegten) Romane von Maria Barbal und Mercè Rodoreda. In «Wie ein Stein im Geröll» (1985) schildert Maria Barbal das Leben einer ungebildeten Bäuerin in den katalonischen Bergen, deren Mann von den Falangisten getötet wird. Ebenfalls von einem Frauenschicksal berichtet Rodoredas Roman «Auf der Placa del Diamant», der 1962 im Genfer Exil geschrieben und veröffentlicht wurde, in Vergessenheit geriet und letztes Jahr als Taschenbuch neu aufgelegt wurde. Hier geht es um eine Frau in Barcelona, deren Mann ein Hasardeur und Macho ist und als republikanischer Milizionär an der Front umkommt. Der grosse Abstand zum republikanischen Spanien vor siebzig Jahren wird deutlich. Beide Frauen, die auf dem Land wie jene in der Stadt, begreifen die Geschehnisse um sie herum nicht, sie sind fremdbestimmt, weil unwissend. Es ist vielleicht kein Zufall, dass diese beiden von Frauen beschriebenen Frauenschicksale in Katalonien geschrieben worden sind.

Barcelona in den fünfziger Jahren

Schon zuvor hatte Rafael Chirbes mit seiner zwischen 1998 und 2004 auf Deutsch erschienenen Romantrilogie aus dem Nachkriegsspanien aufhorchen lassen. Deren mittlerer, «Der Fall von Madrid», zeichnet, ausgehend vom Todestag Francos im Jahr 1975, über drei Generationen ein Sittenbild Spaniens seit 1936, aus dem man mehr erfährt als aus jedem Geschichtsbuch, nämlich den Zustand der Menschen.

Zu erwähnen ist auch der Galicier Manuel Rivas, der in «Der Bleistift des Zimmermanns» den Falangisten Herbal seine Erinnerungen aus dem Bürgerkrieg erzählen lässt und damit die Geschichte des Häftlings Daniel Da Barca, dem er aus persönlichem Hass auf dessen Odyssee durch halb Spanien folgt.

Im ebenfalls 2007 auf Deutsch erschienenen Buch «Die Stimmen des Flusses» schildert Jaume Cabré das Schicksal einer Gruppe von Menschen anhand eines Tagebuchs, das eine Lehrerin sechzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs im Pyrenäendorf Taona hinter der Schultafel entdeckt.

Carlos Ruiz Zafón wiederum beschwört in seinem 2005 auf Deutsch erschienenen «Der Schatten des Windes» eine Kindheit und Jugend im grauarmen Barcelona der fünfziger Jahre, in dem sich Angst und Tristesse sogar auf die aufkeimende Liebe des jugendlichen Protagonisten legen. Auch Jorge Semprún hat 2003 mit «Zwanzig Jahre und ein Tag» einen Roman über die faschistische Vergangenheit vorgelegt, der in der Mitte der fünfziger Jahre auf dem Landgut einer herrschaftlichen Familie spielt. Letztlich handelt es sich dabei doch eher um erotische Altherrenfantasien als um Zeitzeugenschaft. Das allerdings ist in der zeitgenössischen spanischen Literatur, die sich mit dem Thema des Bürgerkriegs befasst, die Ausnahme.

Literarische Schachzüge

Mein Favorit ist indessen «Soldaten von Salamis» (2001) von Javier Cercas. Ein Journalist stösst auf ein Vorkommnis aus den letzten Tagen des Bürgerkriegs: Rafael Sánchez Maza, der Chefideologe der Falange, fällt zusammen mit weiteren Parteigrössen nahe der französischen Grenze den Republikanern in die Hände. Alle werden erschossen, er aber entkommt. Den Mann, der ihn nicht erschossen hat, findet er schliesslich in einem französischen Altersheim. Und nun gelingt Cercas ein genialer Schachzug, mit dem er Mazas Überzeugung, die Zivilisation werde am Ende immer von Soldaten verteidigt, in ihr substanzielles Gegenteil verkehrt. Der internierte Republikaner, der Maza zuvor laufen liess, erobert später zusammen mit anderen Ausländern, französischen Fremdenlegionären wie er, also sozusagen mit einer antifaschistischen Internationale, den ersten Stützpunkt der Faschisten in Afrika zurück und hisst dort die Trikolore.

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