Nr. 51/2008 vom 18.12.2008

Im Namen des Marktes

Internationale LandwirtschaftsexpertInnen suchten vergangenen Freitag an der ETH nach Rezepten, um die Welternährung zu sichern. Die Betroffenen und ihre Sicht scheint es dafür nicht zu brauchen.

Von Franziska Meister

Die Probleme sind dringend genug: Über zwei Drittel aller Menschen müssen mit weniger als zehn US-Dollar pro Tag auskommen. Das bedeutet, dass sie zwischen fünfzig und achtzig Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben müssen. «Bis 2050 wird die Weltbevölkerung auf neun Milliarden anwachsen», prognostizierte Anne-Marie Izac von der Beratungsgruppe für Internationale Agrarforschung (CGIAR) an der Konferenz zur Nahrungsmittelsicherung an der ETH Zürich. «Der Bedarf an Nahrungsmitteln wird sich entsprechend mehr als verdoppeln», behauptete sie. Und rief in Erinnerung, dass eine weitere Ausdehnung landwirtschaftlicher Nutzflächen mit extrem hohen Umweltkosten verbunden ist.

Welche Lösungsansätze zu diskutieren sind, hatten die OrganisatorInnen der Konferenz – das North South Centre der ETH und die Syngenta Foundation – bereits im Programm umrissen. Die Stichworte lauteten: gross angelegte Investitionen in die Agrarforschung, Produktivitätssteigerung und Nachhaltigkeit. Entsprechend war die Auswahl der Referierenden. Es dominierten hochrangige Personen aus internationalen Organisationen und wissenschaftlichen Institutionen.

Der westliche Blick

Die Ursachen der Probleme sucht man in den Entwicklungsländern, der Fokus ruht auf Afrika: Wasserknappheit und ineffizienter Wassergebrauch, veraltetes, sortenarmes Saatgut, ausgelaugte Böden. «Die Kleinbauern brauchen Zugang zu neuen landwirtschaftlichen Technologien», sagt Per Pinstrup-Andersen, Professor am College für Landwirtschaft und Life Sciences an der Cornell University in den USA, im Gespräch am Rand der Konferenz. «Was wir entwickeln, erreicht die Kleinbauern gar nicht», klagte Anne-Marie Izac von der CGIAR, deren einzelne Zentren Saatgut sammeln und daraus neue Sorten für Entwicklungsländer züchten.

«Wir brauchen mehr Dünger», appellierte auch der einzige indigene Vertreter afrikanischer Interessen an die versammelte ExpertInnenrunde. André Bationo aus Ghana ist Direktor der Allianz für eine grüne Revolution in Afrika. Er machte darauf aufmerksam, dass Düngemittel schwer erhältlich und ihre Preise seit 2007 förmlich explodiert sind, während die Böden südlich der Sahara immer weniger hergeben: In den vergangenen fünfzehn Jahren hat die Zahl der Hungerleidenden um fünfzehn Prozent zugenommen. «Das ist ein Überlebenskampf – wir müssen ihnen helfen», kommentiert Pinstrup-Andersen. «Auch wenn ich grundsätzlich dagegen bin, Dünger zu subventionieren – kurzfristig ist das notwendig. Und immer noch besser, als Lebensmittel zu senden.»

Dabei haben die ExpertInnen aus den industrialisierten Ländern längerfristig weniger die Subsistenzsicherung von afrikanischen KleinbäuerInnen im Fokus als deren Einbindung in den Markt. So sind die Staaten südlich der Sahara zwar aktuell in der Lage, ihre Nachfrage nach Mais – dem wichtigsten Hauptnahrungsmittel dort – selbst zu decken. ExpertInnen aus dem Umfeld von CGIAR allerdings betonten etwas ganz anderes: die Möglichkeit, die Maisproduktion für den Export zu steigern – für den wachsenden Bedarf an Viehfutter und Agrotreibstoffen auf dem Weltmarkt. Deshalb ist ihnen auch die Durchsetzung des globalen Freihandels so wichtig.

Einzig Per Pinstrup-Andersen, der wohl ausgewiesenste Fachmann für Agrarwirtschaft und Ernährungspolitik, mahnte die ExpertInnenrunde: «Wir subventionieren unseren aktuellen Lebensstandard auf Kosten der Entwicklungsländer – das ist nicht fair. Es wird Zeit, dass wir für die tatsächlichen Kosten unseres Konsums aufkommen.» Aber auch er betrachtet gross angelegte Investitionen in die regionale Infrastruktur und den Ausbau des (Binnen-)Marktes in Afrika als absolut vordringlich. Auf dass die angestrebten Produktivitätssteigerungen tatsächlich verwirklicht und hernach auch in den Markt eingespeist werden können.

Jede Methode ist recht

Gleichzeitig ist Nachhaltigkeit in aller Munde. Aber ist die Rede von einer ökologischen Landwirtschaft, welche die Biodiversität respektiert, mehr als ein Lippenbekenntnis? «Es wäre ganz in meinem Sinn, wenn die biologische Landwirtschaft weltweit zum Hauptproduktionssystem werden würde», sagt Pinstrup-Andersen. «Aber solange wir in Europa und den USA es nicht schaffen, unsere extrem enge Definition von Biolandwirtschaft zu erweitern», also die Kriterien zu verwässern, «wird sie für immer eine Nischenproduktion für jene fünf Prozent der Weltbevölkerung bleiben, die sich Bioprodukte überhaupt leisten können.»

Für die geforderte Produktivitätssteigerung seien schlicht nicht genug natürlich vorkommende Nährstoffe vorhanden, insbesondere fehle es an Phosphor und Kalium, erklärt Pinstrup-Andersen seine Position. Deshalb auch die Notwendigkeit, chemische Dünger einzusetzen, wo zu wenig organisches Material vorhanden sei. «Wir sollten von der einheimischen Produktionsweise ausgehen und sie mit jenen Methoden verbinden, die im Hinblick auf eine Produktivitätssteigerung am aussichtsreichsten ist.»

Das schliesst auch Gentechnik mit ein – selbst wenn davon in den Referaten nie die Rede war. Nicht etwa, weil die AgrarforscherInnen erkannt hätten, dass sich mit gentechnisch veränderten Pflanzen die notwendige Ertragssteigerung nicht erzielen lässt, wie dies bereits der Welternährungsbericht vor einem halben Jahr festgehalten hat. «Gentechnik gehört mittlerweile zum festen Bestandteil wissenschaftlicher Methoden, die landwirtschaftliche Probleme zu lösen versuchen», behauptet Pinstrup-Andersen. «Sie braucht nicht länger speziell erwähnt zu werden.»

Gentech-Pflanzen hätten seiner Meinung nach schon längst einen Siegeszug um die Welt angetreten, wären da nicht die nichtstaatlichen Organisationen, die enormen Druck auf die Regierungen ausüben, um das zu verhindern.

Verantwortung delegiert

Einig sind sich die westlichen AgrarexpertInnen auch in ihrer Kritik an den Regierungen der Entwicklungsländer. «Sie tragen die Verantwortung für den massiven Hunger und die Armut in ihren Ländern – und nicht wir in Europa», sagt etwa Pinstrup-Andersen. So seien bereits während der Nahrungsmittelkrise die afrikanischen Regierungen ausschliesslich darauf bedacht gewesen, die protestierenden Massen in den Städten zu besänftigen. «Die Landbevölkerung hungerte schon vorher – jetzt hungert sie noch mehr, und die Regierungen scheint das nicht zu kümmern.»

Mangelndes Engagement wirft er ihnen auch in jenen Bereichen vor, in denen gemäss der westlichen ExpertInnenrunde die Investitionen am dringlichsten sind: ländliche Infrastruktur und Agrarforschung. «Die Verantwortung liegt bei ihnen», sagt Pinstrup-Andersen. «Wenn die afrikanischen Regierungen nicht wollen, dass Syngenta, Monsanto und andere Grosskonzerne so grosse Macht im Saatgutmarkt ausüben, dann müssen sie dazu übergehen, selber in die Agrarforschung zu investieren.»

Die Konferenz an der ETH hat vor allem gezeigt, was der Kanon westlicher AgrarexpertInnen zu Fragen der globalen Ernährungssicherung sagt. Das ist vielleicht die mächtigste Perspektive. Aber ist es auch die richtige?

Siehe auch das WOZ-Dossier Gentechnologie.