Nr. 03/2009 vom 15.01.2009

Ferraris für den Staat

Peter Spuhler, Waggonbauer und Unternehmer des Jahres, mag staatliche Kunden: ein Augenschein bei seiner Zweitfirma Aebi, die rote Wunderfahrzeuge für Gemeinden und Bauern herstellt, bezahlte Pausen streicht und ältere Arbeiter frühpensioniert.

Von Dinu Gautier

Das rot lackierte Wunderding Terratrac der Firma Aebi hat einen Spitznamen: Alpenferrari. Es sieht aus wie die Kreuzung zwischen einem überdimensionierten Mars-Pathfinder und einem Traktor. Was es für Wunder vollbringt? «Mit diesem Fahrzeug können Sie an Hängen mit bis zu siebzig Prozent Steigung fahren - auch parallel zum Hang», sagt Roger Kollbrunner, Geschäftsführer der Burgdorfer Traditionsfirma. Bevor der Terratrac kippe, rutsche er ab. Das sei dem tief und genau im Zentrum des Fahrzeuges gelegenen Schwerpunkt zu verdanken.

Der 39-jährige Kollbrunner wirkt jünger als er ist. Man könnte ihn sich gut als Rennfahrer vorstellen, der sich ans Steuer eines Alpenferraris setzt, um halsbrecherische Rennen im Hochgebirge zu veranstalten. Doch Kollbrunner ist lieber Unternehmer. Und als solcher hat er einen mächtigen Verbündeten: den SVP-Nationalrat Peter Spuhler. Als dieser noch bei den Grasshoppers Zürich Eishockey spielte, sass Kollbrunners Vater im Vorstand des Klubs. Kollbrunner junior lernte das Familienunternehmen Aebi im Jahr 2005 als Berater kennen und erkannte dessen Potenzial. Die alten Beziehungen spielten da noch immer, Spuhler sah sich den Betrieb an und sagt heute dazu: «Die Technologie, die Traditionsmarke und der Werkplatz Schweiz hatten und haben ihren Sexappeal.» Spuhler erwarb im Jahr 2006 56 Prozent der Aebi-Aktien und wurde Verwaltungsratspräsident, Kollbrunner übernahm 20 Prozent und wurde CEO.

Es wird ausgelagert ...

Roger Kollbrunner führt durch ein etwa achtzigjähriges Firmengebäude, das auch schon bessere Zeiten gesehen hat. Es ist etwas eng geworden hier in unmittelbarer Nähe des Burgdorfer Bahnhofs. Ein gedeckter Übergang verbindet Aebi-Gebäude dies- und jenseits der Strasse. Im Gebäude auf jener Strassenseite, wo Kollbrunner sein asketisch anmutendes Büro hat, ist auch die Metallverarbeitung untergebracht. In relativ geringer Stückzahl werden hier diverse Teile hergestellt, wie etwa Zahnräder und Gewinde, die in die Geländefahrzeuge eingebaut werden. «Präzisionsarbeit, die nicht nach Asien ausgelagert werden kann», sagt Kollbrunner. Ausgelagert hat er die Abteilung dennoch - zwar nicht physisch, aber organisatorisch: Im September 2008 wurde sie an die Aargauer Estech Gruppe verkauft, die laut Kollbrunner dank weiterer Standorte flexibler auf Auslastungsschwankungen reagieren könne. Die Estech beschäftige alle Arbeiter weiterhin am gleichen Ort und zahle die gleichen Löhne wie früher, betont Kollbrunner. Dass Estech dies nicht unbedingt freiwillig tut, sagt er nicht. Aebi ist Mitglied des Branchenverbandes Swissmem und damit dem Gesamtarbeitsvertrag unterstellt, Estech hingegen nicht. Durch die Übernahme ist Estech aber verpflichtet, die GAV-Bedingungen ein Jahr lang weiterzuerfüllen. Was danach passiert, wird sich zeigen.

Peter Spuhler ist kürzlich zum Unternehmer des Jahres gewählt worden. Begriffe wie «Werkplatz Schweiz» und «Unternehmertum» versucht er so häufig wie möglich in öffentliche Äusserungen einzubauen. Kollbrunner steht ihm diesbezüglich in nichts nach. Der Titel «Unternehmer» erfüllt ihn offensichtlich mit Stolz. Und als Unternehmer gilt es, Dinge zu unternehmen, zu verändern. «Restrukturierung» heisst das dann offiziell.

In einer Halle auf der anderen Seite der Strasse montieren zwei Arbeiter gerade einen Terratrac der neusten Generation - von Hand. Auf einer Holzpalette stehen Motoren in Kisten. Sie kommen aus Japan. Zwanzig Arbeitsstunden dauert die Endmontage des Fahrzeugs, das stolze 120 000 Franken kosten wird. Das ist nicht gerade billig, und dennoch: Die Auftragsbücher seien voll, sagt Kollbrunner. Man produziere hier ein Nischenprodukt, und zwar eines von höchster Qualität. Verkauft würden jährlich rund 450 Terratracs. Wirtschaftskrise? «Die kennen wir erst aus der Zeitung.»

Vierzig Prozent der KäuferInnen sind BergbäuerInnen aus dem Alpenraum, viele davon staatlich subventioniert. Sechzig Prozent sind Gemeinden und öffentliche Einrichtungen aus der halben Welt, die zwar keine Alpen, aber auch steile Hänge haben. Mit Terratracs werden beispielsweise Deiche in den Niederlanden oder Autobahnböschungen in Osteuropa gemäht.

Ist es Strategie, dass Spuhler - Mitglied einer staatskritischen Partei - in ein Unternehmen investiert, dessen Kunden zu einem grossen Teil der Öffentlichkeit gehören? Etwa, um von der Konjunktur weniger abhängig zu sein? Spuhlers Stammfirma, die Eisenbahnbauerin Stadler Rail, verkauft ja auch einen Grossteil an die öffentliche Hand. «An eine solche Strategie habe ich noch nie gedacht», sagt Spuhler dazu. Kollbrunner: «Natürlich verkaufen wir viel an Gemeinden, aber es gibt ja auch den Trend, dass diese den Strassenunterhalt in private Unternehmen auslagern.» Diese würden eher in einen Terratrac investieren, statt fünf Angestellte bei Schnee mit der Schaufel auszuschicken, sagt der Mann, der an der ETH studiert hat und sich später in Frankreich zum Manager ausbilden liess. Und die Rezession werde man wohl mit Verzögerung zu spüren bekommen: «Nehmen Gemeinden weniger Steuern ein, werden auch sie weniger kauflustig.»

Draussen liegt Schnee, das freut den Aebi-Geschäftsführer: «Bei Schneefall in Mitteleuropa steigert sich der Umsatz der Aebi-Schmidt-Gruppe um mehrere Hunderttausend Franken - täglich.» Viele Gemeinden setzen den Terratrac zum Salzen und Schneeräumen ein und verbrauchen Teile wie etwa Schürfleisten, die sich zwischen Stahlpflug und dem Boden abnutzen. Aebi ist also nicht nur in der Produktion, sondern auch als Dienstleister aktiv. Unter anderem deshalb hat Peter Spuhler 2007 die süddeutsche Firma Schmidt dazugekauft, die über ein gutes internationales Verkaufs- und Servicenetz verfügt.

... und frühpensioniert

«Aebis Mitarbeiterbestand haben wir seit der Übernahme um etwa zehn Prozent heruntergefahren», sagt Kollbrunner, «durch normale Austritte und freiwillige Frühpensionierungen.» Früher habe man die Leute immer behalten - trotz schrumpfenden Markts. «Sozial gesehen war das sehr edel. Aber da muss man aufpassen: Wenn man nicht mehr zahlen kann, hat bald gar keiner einen Job mehr.» Bei der Übernahme der Firma vor drei Jahren hatte Peter Spuhler dem «Bund» übrigens noch gesagt, es sei weder ein Arbeitsplatzabbau noch eine Verschiebung von Unternehmenseinheiten geplant (siehe weiter unten).

Auf dem Firmengelände und während der Arbeitszeit ist es schwierig, die Arbeiter zu den neuen Besitzern zu befragen. Einem älteren Arbeiter sind ein paar Worte zu entlocken: «So einen wie mich braucht es hier nicht mehr.» Früher, da habe man die Besitzer noch gekannt, da habe man ganz genau gewusst, woran man sei. «Das hier ist kein Taubenschlag», habe man ihm bei seiner Anstellung vor über dreissig Jahren gesagt. «‹Hier herrscht kein Kommen und Gehen, dafür sorgen wir gut für dich.› Heute ist alles anders geworden - aber nicht nur bei Aebi, sondern überall», sagt der Mann mit resigniertem Ton. Bald wird er frühpensioniert. «Halbfreiwillig», wie er sagt.

«Früher hatten bei Aebi Patrons wie aus dem Bilderbuch das Sagen. Das war echte soziale Marktwirtschaft», sagt auch Unia-Gewerkschafter Nadaw Penner. Kollbrunner hingegen, der habe nicht sehr viel von Sozialpartnerschaft gehalten, als er gekommen sei. «Aber», sagt Penner mit einem Schmunzeln, «wir sind erfolgreich daran, ihn etwas zu erziehen.»

«Noch nie so viel Arbeit»

So seien die Frühpensionierungen vorbildlich ausgestaltet und keine billige Lösung. Dass hingegen die letzte Lohnerhöhung von zwei Prozent dadurch, dass eine tägliche Pause von zwölf Minuten nicht mehr zur Arbeitszeit gerechnet wird, gleich wieder aufgehoben worden ist, findet Penner nicht gerade grosszügig in Zeiten von schwarzen Zahlen: «Herrn Spuhler hätte man auch zum Knauser des Jahres wählen können.»

Nach Arbeitsende im Städtchen ist es einfacher, mit Arbeitern zu reden. Einer erinnert sich gerne an die Zeiten, als Aebi noch der Familie Aebi gehörte: «Als es einmal fast keine Aufträge gab, hat uns der Direktor zu sich bestellt: ‹Ihr müsst nicht meinen, dass wir auch nur einen Einzigen entlassen. Ihr wart dabei, als es gut lief, und jetzt, in schlechteren Zeiten, stehen wir auch zu euch›, sagte er zu uns.» Seit Spuhler und Kollbrunner da seien, habe es Phasen von Missstimmung gegeben, etwa weil die Kommunikation aus der Chefetage mitunter nicht sehr klar sei und so viele Gerüchte entstünden. «Es hiess immer, wir wollten grösser werden. Und plötzlich haben sie entschieden, die Metallfertigung an Estech zu verkaufen.» Aber die neuen Zeiten hätten auch ihre positiven Seiten: «Es gab noch nie so viel Arbeit, und sie haben es geschafft, neue Märkte zu erschliessen.»

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