Nr. 03/2009 vom 15.01.2009

Ein fleissiger Traum

Die USA suchen den Fussballstar - und finden Jorge Flores. Doch im US-amerikanischen Fussball ist noch immer einiges im Argen.

Von Lennart Laberenz, Los Angeles

Sie nennen ihn tatsächlich «Sueño», Traum. Jorge Flores, so heisst der Traum ausserhalb des Trainingsplatzes, ist gerade neunzehn Jahre alt geworden. Er ist Linksfüsser, schnell und duckt sich immer ein wenig in den Sprint. Sein Teamkollege Claudio Suárez, eine Legende des mexikanischen Fussballs, ruft - er will den Ball in die Mitte, damit Sueño links steil gehen kann. Aber mit dem Flügelspiel ist das so eine Sache bei Chivas USA, der Fussballmannschaft aus Los Angeles. Also kehrt Sueño wieder um, läuft nach hinten links und schabt an seinen grünen Fussballschuhen.

Jorge Flores’ Weg zu Chivas USA ist so eigentümlich wie die Geschichte des Vereins. Eine Geschichte, die es so vielleicht nur in den Vereinigten Staaten gibt. Die US-amerikanische Major League Soccer (MLS) kam auf die Idee, ein Fernsehcasting zu veranstalten - eine monatelange Show, mit der ein neues Fussballtalent gesucht und in den Spielbetrieb eingebunden werden sollte. Die Liga denkt sich solche Dinge aus, weil das gut ist für das Marketing und den Bekanntheitsgrad. Und weil die Castingshow auf einem spanischsprachigen TV-Kanal lief, sprachen sie das Team von Chivas an. «Sueño MLS» hiess die Sendung. Aus 2000 Kandidaten suchte sie den Besten. Jorge Flores hatte Glück, er durfte vorspielen. Und er war gut. Er kam weiter und gewann.

Ziegen in den USA

Den Fussballverein Chivas USA gründeten die Besitzer des mexikanischen Fussballvereins Club Deportivo de Guadalajara, der auch als «Chivas», Ziegen, bekannt ist, im Jahr 2004 als Ableger für die MLS. Eine tüchtige Geschäftsidee: Fussball entstammte in den USA vor allem der gebildeten, weissen Mittelschicht aus dem geschützten Vorortamerika. Die Geburtswehen des Fussballs in den USA waren deutlich andere als in Europa. In den USA stand dem Fussball nicht der bürgerliche Adel Pate, und das Spiel etablierte sich auch weitab der Industriearbeiterschaft. Fussball war beinahe Protest, ein Gegenbild zur wettbewerbsfixierten und individualistischen Welt, ein antiheroischer Sport. So gab es Jugendligen, in denen Tore nicht gezählt wurden, um keinen emotionalen Stress zu schaffen. Mitunter war auch das Kopfballspiel verboten: Den Sprösslingen sollte die Bildung des Schulmorgens nicht am Nachmittag wieder verloren gehen.

Kicken ist elitär. Die Kinder in eine Jugendmannschaft zu schicken, kostet leicht 2500 Dollar im Jahr, schätzt Dennis te Kloese, der holländische Fussballdirektor von Chivas USA. Bis heute ist der Sport bei vielen «richtigen Amerikanern», also den Biertrinkern von der American-Football-Tribüne in Hut und Stiefeln, etwa so beliebt wie das Zuschauen beim Trocknen von Farbe. Deshalb ist Fussball in den USA bis heute Streitball der kulturellen Auseinandersetzung zwischen den bildungs- und reisefreudigen DemokratInnen einerseits und ihren antimodernen WidersacherInnen der republikanischen Fraktion andererseits, wie es Franklin Foer in seinem Buch «How Soccer Explains the World» beschreibt.

Offenkundig ist, dass sich die soziale Topografie des Sports mit den ZuwanderInnen verändert hat. Immer mehr LateinamerikanerInnen geben dem Fussball auch in den verstreuten Vierteln von Los Angeles ein Zuhause. Laut offiziellen Zahlen sind etwa 26 Prozent aller KalifornierInnen nicht in den USA geboren, davon sind die MexikanerInnen mit 44 Prozent die grösste Gruppe. Nach konservativen Schätzungen leben zudem rund zwölf Millionen MigrantInnen illegal in Kalifornien, ebenfalls meist aus Mexiko. So löst Fussball - in vielen lateinamerikanischen Ländern Nationalsportart - langsam Football und vor allem Baseball ab. Und obwohl sich der Lebensstandard vieler MexikanerInnen in Los Angeles nur unwesentlich verbessert hat: Ein Markt sind sie dennoch.

Carson City ist ein Viertel, wo ein Golfplatz einige sehr verwahrloste Strassen und ein paar Wohnwagensiedlungen von der konturlosen Welt der schäbigen Einkaufsstrasse trennt - Wohnviertel, die wie zusammengepferchte Springfields aus der «Simpsons»-Serie aussehen. Weiter hinten stehen Ölraffinerien. Auf dem Campus der California State University gibt es eine umfassende Sportanlage: das Stadion von Chivas mit rund 27 000 Sitzplätzen, eine grosse Tennisanlage, ein Velodrom und mehr. Vor allem kann alles umgebaut werden: Statt Tennis gibt es dann Boxen, statt Fussball Konzerte oder Motocross. Alles, was Geld einbringt.

«Uns geht es darum, mit diesem Verein eine Identität aufzubauen.» Dennis te Kloese ist 36 Jahre alt und kommt aus der Jugendabteilung von Ajax Amsterdam. Te Kloese wünscht sich eine Nachwuchsarbeit, wie sie kein anderer Verein in den USA hat. Wer bei Chivas USA seinen siebenjährigen Sohn unterbringen will, zahlt nur zwischen 800 und 1000 Dollar im Jahr, so will man die Latinos einbinden. Sportlich hat sich der Verein mittlerweile stabilisiert, aus dem nach mexikanischem Vorbild gebauten Chivas ist ein multinationaler Betrieb geworden. Als zu Beginn bei Chivas USA nur Mexikaner spielten, war es das schlechteste Team der Liga. Mittlerweile ist hier auch ein kubanischer Flüchtling beschäftigt, ein Argentinier, ein paar Brasilianer, ein Jamaikaner, ein Rumäne und etliche Amerikaner - und der Walliser Raphaël Wicky, der frühere Schweizer Nationalspieler.

Wie eine Amateurliga

An Geld fehle es den Teams, sagen te Kloese und Wicky übereinstimmend. Jede Mannschaft hat eine Obergrenze für Personalkosten von insgesamt 2,2 Millionen Dollar. Das ist bei manch europäischem Verein der Durchschnittsverdienst eines einzelnen Spielers. Aber es gibt auch hausgemachte Probleme, starre Regeln: So dürfen Vereine Jugendspieler nur innerhalb eines Radius von 75 Meilen registrieren. Die Profispieler gehören der Liga und werden zwischen den Vereinen getauscht und verschoben, wie es gerade passt. «Der Spieler ist hier die ärmste Sau», sagt Wicky. Er führt das nicht weiter aus, aber man hört, dass er etwas Mühe mit dem US-System hat, wo man von einem Tag auf den anderen ohne Arbeit dastehen kann. Aber: «Vielleicht sind die Jungs hier deshalb nicht so abgehoben. Es geht nicht nur um neue Autos und dicke Uhren.» Raphaël Wicky kommt der Fussball hier manchmal vor wie eine Amateurliga, in der die Spieler noch nebenbei arbeiten. «Aber», sagt Wicky, «die sind heiss. Man merkt, dass die noch etwas erreichen wollen. Manchmal rennen die schon fast zu viel.»

Wenn der Verkehr einigermassen fliesst, fährt Jorge Flores, in Anaheim geboren und im mexikanischen Bundesstaat Guanajuato aufgewachsen, etwas mehr als eine halbe Stunde zum Training. Er wirkt jünger als neunzehn, mit schmaler Statur und heller Stimme. Natürlich erwärmte er sich für die Chivas, als er mit fünfzehn Jahren in die USA zurückkehrte, auch wenn er in Mexiko die Pumas aus der Hauptstadt verehrte. Dann kam die Sache mit der Fernsehsendung. «Ein Onkel hatte mir davon erzählt, und ich bin hingefahren.» Jetzt gehört er zur Mannschaft.

«Das gibt es in Europa nicht, dass ein Spieler erst mit siebzehn Jahren entdeckt wird», meint Wicky. Zwar hatte Jorge Flores schon in der Highschool in Anaheim und später in der Coast Soccer League gespielt, aber an professionellen Fussball hatte er nicht gedacht, eher an ein Architekturstudium. «Es ist sicher ungewöhnlich, so in die Liga zu kommen», sagt Flores selber. Nach der Castingshow hat er sich an die erste Mannschaft herangearbeitet, über das U19- und das Reserveteam. In dieser Saison hatte er bereits fünf Einsätze in der ersten Liga. Dennoch spricht er nachdenklich und mit Understatement, auch wenn gelegentlich noch die Freude des kleinen Jungen aufblitzt - zum Beispiel wenn er von seinem ersten Ligator, kurz nach seiner Debüteinwechslung, spricht. Das war gegen die Metrostars in New York.

Flanken, Flanken, Flanken

«Jorge ist ein guter Junge, er arbeitet ernsthaft und hat sich sehr verbessert», sagt te Kloese. Der Fussballdirektor mit der breiten Stirn und den mit Gel nach hinten gekämmten Haaren ist nüchtern, beinahe sarkastisch. Er lacht nicht einmal über seine eigenen Witze, und es bleibt der Eindruck zurück, dass er Flores nicht zu viele Flausen in den Kopf setzen will. «Er ist fleissig», sagt te Kloese. Und schnelle Linksfüsser gibt es nicht allzu viele.

Der «Traum» hat sich mittlerweile auch in der U20-Auswahl der US-Nationalmannschaft bewährt, hat auf Turnieren in Irland, Portugal und England gespielt und Tore geschossen. Da ist es wieder, das kurze Blitzen auf Jorges heller Gesichtshaut. Europa habe er schon immer einmal kennenlernen wollen. Und sogar Cristiano Ronaldo sei noch einmal aus seinem Auto ausgestiegen, um ein Foto mit Flores zu machen. «Aber er hat noch viel vor sich», sagt te Kloese, «bei der Ballannahme muss er sich verbessern, Taktik lernen.» «Flanken!», wird ihm Claudio Suárez nach einem Spiel der Reserve noch sagen, «Sueño, du musst an deinen Flanken arbeiten.»

Am Abend sitzt der «Traum» dann auf der Bank. Das Spiel gegen die Kansas City Wizards ist knifflig - beide Mannschaften müssen gewinnen, um ihre Chance für die Play-offs zu wahren. Nach der Nationalhymne Mexikos beginnen beide Mannschaften nervös, alles drängt in die Mitte, die Chivas gehen mit zwei Toren in Führung, ehe die Wizards in der zweiten Halbzeit den Anschlusstreffer erzielen. Links aussen, wo Sueños Position ist, spielt Panchito Mendoza in seinem hundertsten MLS-Einsatz, Mendoza ist erst 23 Jahre alt und macht ein gehörig schlechtes Spiel. Flores wird trotzdem nicht eingewechselt.

«Das Finale findet dieses Jahr in unserem Stadion statt», sagt er am nächsten Tag in einem Starbucks-Café in Anaheim. «Wer weiss, mit der Unterstützung unserer Fans könnten wir vielleicht für eine Überraschung gut sein.» Es ist Sonntag, die Sonne scheint, und im nahen Pearsons Park treffen sich viele mexikanische Familien. Sie flanieren, küssen sich in der Sonne, essen Eis auf bunten Decken. Hier hat auch Jorge Flores nach der Schule häufig gespielt. Mitten im Park steht ein Baseballstadion, mit dunklen Tribünen. Auf der Höhe der First Base ist heute ein Fussballtor aufgebaut, die verblasste Kreidelinie des Baseballfelds läuft geradewegs durch die Pfosten. Es wirkt, als würden die Markierungen miteinander ringen. Gleich wird der Schiedsrichter ein Spiel anpfeifen.

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