Nr. 03/2009 vom 15.01.2009

«Sie war kein Friedensengel»

Vor neunzig Jahren wurde die deutsche Kommunistin Rosa Luxemburg in Berlin ermordet. Ein Gespräch mit dem Autor Dietmar Dath über die Aktualität ihres Denkens in einer schwer durchschaubaren Gegenwart.

Interview: Dominik Gross

WOZ: Ihr politischer Essay «Maschinenwinter» kreist um Ikonen der Linken: Lenin, Luxemburg, Marx. Jetzt haben Sie ein Buch über Rosa Luxemburg geschrieben. Betreiben Sie altlinken Personenkult?

Dietmar Dath: Personenkult ist doof, das weiss jeder. Lassen Sie mich hier trotzdem schnell ein Plädoyer dafür einschieben. Es ist doch so: Die Linke braucht Köpfe immer dringender als die Rechte. Das linke Programm lautet: «Wir finden uns nicht damit ab, wie es ist, sondern wir wollen das Bestmögliche für die Menschen rausholen» - und dafür braucht es Gehirn. Dieses ist leider nicht gleichmässig verteilt. Ich glaube aber, dass unsere Welt sehr viel mehr Köpfe hat, als die Pessimisten befürchten. Kopfarbeit ist Begriffsarbeit, und die kann man von Rosa Luxemburg lernen.

An welche Art der Begriffsarbeit denken Sie?

Es geht um das Verhältnis von Theorie und Praxis. Luxemburg findet eine wunderbare Balance zwischen dem, was auf der Strasse passiert, wo sie an die Massen denkt, und einem langfristigen Programm.

Dieses langfristige Programm wäre dann die sozialistische Revolution - davon allerdings hat Luxemburg ihre Genossen vom rechten Flügel in der europäischen Sozialdemokratie nie überzeugen können ...

Nein, Luxemburg wurde in ihrem endlosen Bemühen, in Deutschland die SPD trotzdem zusammenzuhalten, zunehmend verworren und spitzfindig. Die Tragik ihrer Streitkultur war eine typisch intellektuelle: Sie sieht, dass die Leute in der SPD nicht denken können. Also bringt sie es ihnen bei, gewinnt den Streit und verliert die Politik. Das heisst: Sie wies ihren Gegnern nach, dass die Gründe für deren Politik untauglich sind. Und die machten dann erst recht das, wofür es keine vernünftige Begründung gab. Dies war 1914 so, als die SPD-Abgeordneten im Reichstag trotz heftigen Widerstands der SPD-Linken den Kriegskrediten zustimmten und damit die Panzer ins Rollen brachten.

Was passierte eigentlich in jener Mordnacht vom 15. Januar 1919, in der Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht umgebracht wurden?

Das ist doch vollkommen egal. Politisch dafür verantwortlich war die SPD. Und das ist historisch viel interessanter als die Frage, ob Franz Schlupke oder Hans Wummel sie letzten Endes getötet haben. Waldemar Pabst (siehe weiter unten) ist 1970 als neunzigjähriger, reicher Mann in der BRD gestorben, satt und zufrieden als Waffenhändler und Mitglied der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands, ohne dass gegen ihn je Anklage erhoben worden wäre. Daraus lernt man was über die BRD, nicht über Herrn Pabst.

Wer war Rosa Luxemburg denn eigentlich?

Sie war auf jeden Fall nicht der sentimentale Friedensengel, als der sie im linken Kitsch gerne dargestellt wird. Offenbar konnte sie unglaublich dreckig lachen: Sie sagte einmal zu einem Reformisten, der in der Krise nicht die Revolution anstrebte, sondern ein staatliches Rettungspaket, das Geld direkt in Schulen, Spitäler und so weiter pumpt: «Wir stehen beide am Start, lieber Herr Schippel, nur, Sie stehen verkehrt rum!» Eine solche Ironie wünsche ich mir auch heute wieder für die Linke.

Wie ist Luxemburg als Kind einer jüdisch-polnischen Kaufmannsfamilie zur «Masse» gekommen - ein Begriff, der in ihrem Denken eine sehr zentrale Rolle einnimmt?

Der grosse Offenbarungsmoment war für sie der Aufstand in Russischpolen von 1905. Sie sah in dieser Generalprobe der Russischen Revolution auch eine bewaffnete Love Parade, nicht nur eine politische Manifestation. Diese spontane Masseneruption beeindruckte sie. Allerdings war Luxemburg nie ein Sponti. Ihr Denken, das ja mit orthodox-marxistischen Wirtschaftsanalysen angefangen hat, kreiste seit 1905 um diesen Gedanken: Was können die Leute alles leisten, wenn sie die Schnauze voll haben? Man muss aber bei grossen dynamischen Denkern nicht nur wissen, was sie denken, sondern auch, wogegen sie es in Stellung bringen.

Und wogegen hat Luxemburg ihr Denken in Stellung gebracht?

Gegen das Theoriegewichse in der SPD - die Marxisten dort haben Marx nur noch dazu benutzt, um aus seinen Tabellen abzulesen, dass die Zeit für die Revolution noch nicht reif sei. Dagegen sagt Luxemburg: Das Richtige passiert, wenn es die Menschen machen. Theorie hat sie als etwas Dienendes verstanden. Und darin ist sie Lenin eigentlich näher als irgendein anderer Mensch jener Zeit.

Inwiefern?

Weil die grosse Stärke von Lenin nicht Wissen, sondern Tun war. Unter den sozialistischen Klassikern ist für mich Lenin heute der interessanteste. Ich wollte aber doch mal wissen: Wie lautet die gescheiteste Leninkritik? Und die findet sich, wenn auch eher in Skizzenform, vor allem bei Rosa Luxemburg.

Was hat sie zu Lenin zu sagen?

Lenin, sagt sie, vertraut zu stark auf administrative Massnahmen. Er spaltet Kompromissbündnisse zu schnell; er denkt zu zentralistisch. Am Ende des Ersten Weltkriegs allerdings hatte erst mal Lenin recht und nicht Luxemburg: In Deutschland scheiterte die Revolution von 1918, es kam die Weimarer Republik, dann der Nationalsozialismus. Lenin musste nicht faseln, weil er die rechten Sozialdemokraten früh losgeworden war.

Waren Luxemburg und der Spartakusbund also zu basisdemokratisch für die Revolution?

Nein, zu langsam. Es wurde nicht zu viel diskutiert, sondern zu spät organisiert. Diese Verfahrensfragen stellen sich natürlich heute so nicht mehr; Demokratie im Sinne von «Einholen möglichst vieler Meinungen» steckt heute schon in den Maschinen - im Internet zum Beispiel. Da wäre eher die Frage interessant, wie die Redezeit und der Rederaum sinnvoll zu begrenzen sind, damit nicht alles ein einziger Datenbrei wird.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang Luxemburgs radikale Demokratie?

Die heisst, dass so viele Menschen wie möglich so viel wie möglich selber darüber bestimmen können sollen, wie ihr Leben verläuft - und wie sehr dies möglich ist, sollen sie gemeinsam herausfinden. Die einzige Schranke dabei ist der Stand der Produktivkräfte: Wenn wir auf dem offenen Meer in einem Boot sitzen, wo es nur noch eine Flasche Wasser gibt, wird als Wasserverteiler ein einziger gewählt, dem wir trauen. Wenn alle darüber bestimmen können, wirds schlicht verschüttet. Hingegen soll an einer Quelle überhaupt niemand bestimmen, wer ran kann - die fliesst ja. Die «Masse» als Heiland setzt voraus, dass die Waffen der Linken automatisch Waffen von Mehrheiten gegen Minderheiten sind. Das ist ein Irrtum. Was ist besser: wenn sehr viele Lastwagenchauffeure streiken oder wenn es die richtigen tun?

Natürlich möglichst viele.

Nein! Im Gegenteil. Wenn die richtigen fünfzig streiken, an der anfälligsten Stelle des Systems, dann krachts. Es gibt ja diesen berühmten Leninsatz: «Weniger ist besser.» Das ist viel sinnvoller, als wenn 25 000 Gewerkschafter mit IG-Metall- oder Unia-Mützen und Trillerpfeifen sich irgendwo hinstellen und dann dort stehen bleiben. Rosa Luxemburg hätte denen Beine gemacht.

Was würden Sie denn mit Luxemburgs berühmtem Satz «Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden» heute anstellen?

Es gibt Vermutungen, dass er ursprünglich länger war - ich würde ihn ergänzen: «Freiheit ist die Freiheit des Andersdenkenden, sich zu äussern.» Auf die Freiheit des Grossgrundbesitzers, Boden zu besitzen, auf diejenige der Kirche, keine Steuern zu zahlen, oder auf die Freiheit der Aktionäre, Privateigentum an Produktionsmitteln zu besitzen, hat Rosa Luxemburg nichts gegeben.

Für Rosa Luxemburg gab es keine Alternative zum Sozialismus. Gibt es eine für Sie?

Die Alternative zum Sozialismus ist das Faustrecht. Wer nicht glaubt, dass es möglich ist, gemeinsam Regeln zu finden, die die Unfreiheit auf ein erträgliches Minimum reduzieren, der soll ehrlich sagen, wofür er ist: für das Recht des Stärkeren. Die einzige Alternative zum Sozialismus ist Conan, der Barbar.

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