Nr. 03/2009 vom 15.01.2009

So fühlt sich Endlosigkeit an

Unter dem Titel «Verhandlungssache Mexiko Stadt» vereint ein Sammelband unerwartete Annäherungen an das Phänomen der Megacity.

Von Valentin Schönherr

Derart gross, wie man immer meint, ist Mexiko-Stadt gar nicht. Mit seinen 1500 Quadratkilometern nimmt es trotz des andauernden Zuzugs nicht einmal doppelt so viel Fläche ein wie Berlin. Das liegt wohl daran, dass die ländlichen Zonen der Stadt immer weiter zurückgedrängt werden und die meisten der rund zwanzig Millionen EinwohnerInnen sehr dicht beieinander leben.

Dass Mexiko-Stadt als gigantisch wahrgenommen wird, hat andere Gründe als die pure Ausdehnung. Der Dauersmog lässt nur selten den Horizont erkennen. Von wenigen Vierteln abgesehen, prägen keine Hochhäuser oder Erhebungen die Silhouette, stattdessen dominieren über weite Strecken die immer gleichen halbhohen Häuser. Überfüllte Verkehrsmittel und -wege, zugestellte Strassen, das Übermass an Bildern, Geräuschen und Gerüchen - so fühlt sich Endlosigkeit an, Unfassbarkeit, Überforderung. Die Annäherung an diese «megacity» kann nur gelingen, wenn man sich mit dem Fragmentarischen abfindet. «Verhandlungssache Mexiko Stadt», ein neuer stadtsoziologischer Sammelband, setzt diese Einsicht konsequent um: Die Einzelbeiträge greifen stets in spezifische Stadtregionen aus (der historische Überblickstext wirkt bezeichnenderweise etwas hilflos), oder sie untersuchen Sachthemen wie Sicherheit, Müll, Geschlecht, finden Spuren des bewaffneten Widerstands und testen die Tacostände auf der Strasse.

Leben auf engstem Raum

Die erste Einzeluntersuchung begibt sich an den Stadtrand, wo sich in den letzten Jahren ein Skandal erster Güte abgespielt hat. 1992 ist eine zentrale Bestimmung der Revolutionsverfassung von 1917 abgeschafft worden: Die Unverkäuflichkeitsgarantie der gemeindeeigenen Agrarflächen, der «ejidos». Seither dürfen diese privat erworben, aber nur zu landwirtschaftlichen Zwecken genutzt werden. Grosse Bodenspekulanten und Immobilienkonzerne allerdings haben Ejido-Land in der Nähe von Mexiko-Stadt aufgekauft und darauf Riesensiedlungen errichtet, die nur einem Prinzip gehorchen: maximalem Profit.

Auf engstem Raum stehen dort jeweils einige Tausend standardisierte Reihenhäuschen, Legebatterien ähnlich, mit miserabler bautechnischer Ausstattung, ohne Anbindung an den öffentlichen Verkehr, ohne Infrastruktur für Freizeit und Versorgung. Die BewohnerInnen haben kein Recht, Umbauten vorzunehmen oder ein kleines Ladengeschäft zu eröffnen; das ihnen zugedachte Einkaufszentrum liegt entfernungs- und preismässig oft ausserhalb der Reichweite. Hier wohnt nur, wer keine Alternative hat, aber das sind viele.

Beiträge wie dieser bringen die bekannten Bilder stark ins Wanken. Es mag sich in anderen Vierteln, insbesondere in der Altstadt, mehr Eigensinn bewahrt haben; von kundigen Autorinnen und Autoren wird man unter viele Verkaufsschirme und in einige Hinterzimmer geführt, die von Menschen belebt sind, die sich nicht unterkriegen lassen. Die rohe, lebensfeindliche Welt dieser Vorstadthöllen wird man trotzdem nicht vergessen können. Und man gerät ins Zweifeln, ob der Titel «Verhandlungssache» gerechtfertigt ist. Auch viele andere Geschichten dieser Stadt erzählen eher von autoritären Setzungen als von ausgehandelten Lebensverhältnissen.

Die Stadt als imaginärer Raum

Das notwendig Fragmentarische wird zur Einseitigkeit, wenn man sich die Lücken verdeutlicht, die das Buch offenlässt: kaum ein Wort zur Wahrnehmung der Stadt von aussen. Sträfliche Missachtung oder Diskreditierung aller Wohn- und Lebensformen, die nicht der Unter- oder unteren Mittelschicht zugehören. Zu eindimensionale Ablehnung aller Bemühungen, die historische Bausubstanz zu erhalten. Hier wurden Themen verschenkt, denen eine kritische Analyse gutgetan hätte.

Die Fülle des Gebotenen hilft dennoch weiter, zumal die stadtteil- und architektursoziologischen Studien durch Reportagen, Essays, Fotosequenzen (leider etwas klein) und sogar einen überraschenden Comic ergänzt werden. Ein Lesebuch also, das mit Erfolg unsere Vorstellung der unendlichen Stadt Mexico City verändert.

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