Nr. 04/2009 vom 22.01.2009

Gleichmacherei und Randale

Heldenhafte Einzelspieler oder eine Mannschaft im Dienst des Volkes? Der Münchner Historiker Rudolf Oswald befasst sich in seiner Dissertation mit der Ideologie der Volksgemeinschaft im deutschen Fussball im letzten Jahrhundert - ein Gespräch.

Interview: René Martens

WOZ: In der jüngeren deutschen Vergangenheit ist der Begriff der «Volksgemeinschaft» sehr zentral. Warum wurde dazu im Zusammenhang mit der Geschichte des Fussballs bisher nicht ausführlich geforscht?

Rudolf Oswald: Als sich die Zeitgeschichte mit Fussball im Nationalsozialismus zu beschäftigen begann, stand zunächst im Mittelpunkt, welche Rollen Funktionäre und auch einzelne Stars gespielt haben. Vergleichbares gilt auch für andere Bereiche der Zeitgeschichte: Am Anfang steht immer die Frage der persönlichen Verstrickung, der persönlichen Schuld im Vordergrund, erst später richtet sich das Augenmerk auf strukturelle Zusammenhänge.

Ihr Untersuchungszeitraum beginnt aber bereits 1919 . . .

. . . aus zwei Gründen. Nach der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg formierte sich die bürgerliche Sportkultur ideologisch neu. Als Ableger des kulturpessimistischen Gegenmodells zu Parlamentarismus und Pluralismus entstand die Idee von der Fussballmannschaft beziehungsweise des Sportvereins als «Volksgemeinschaft im Kleinen». Vor 1914 hatte die Position dominiert, Körperertüchtigung sei zweckfrei, nunmehr sollte sie aber als «Wehrersatz» und der «Volksgesundung» dienen. Ausserdem etablierte sich der Fussball erst nach dem Ersten Weltkrieg als Massenkultur. Der einstmals bürgerliche Sport gewann Anhänger aus der Arbeiterschaft.

Sie schreiben, dass in der Weimarer Republik auch die Konkurrenten des bürgerlichen Sports die Volksgemeinschaftsideologe verinnerlicht und gepredigt haben.

Ich greife da auf eine These von Erich Geldbach zurück, der in den späten siebziger Jahren zum protestantischen Sport geforscht hat. Er hat den Begriff von der «Strategie des Doublettierens» geprägt. Ob es nun Arbeitersportler, konfessionelle oder jüdische Sportler waren, ob Sport der katholischen Glaubensgemeinschaft, dem Sozialismus oder auch dem Zionismus dienen sollte: Körperliche Betätigung wurde vor allem als Dienst am Ganzen aufgefasst. Man wollte zwar etwas Eigenes formulieren, aber im Grunde war die Sportsprache, das Denken über Sport weitgehend schon in festen Bahnen, geprägt von der Tradition des Turnvaters Friedrich Ludwig Jahn, von Sprach- und Denkfiguren des bürgerlichen Lagers im 19. Jahrhundert. So überlebten viele rückwärtsgewandte Motive in der Ideologie des sich selber als fortschrittlich verstehenden Arbeitersports.

Ist der Volksgemeinschaftsgedanke also direktes Resultat der deutschen Ideengeschichte und der Enttäuschung über die Niederlage im Ersten Weltkrieg? Oder hat sich die Fussballideologie anderswo ähnlich entwickelt?

Das ist ganz gewiss eine spezifisch deutsche Entwicklung. Man kann in den zwanziger Jahren Vergleiche ziehen zum mittel- und osteuropäischen Fussball mit seinen Zentren Wien, Prag und Budapest. Dort ging es nicht darum, das Individuum völlig der Mannschaft unterzuordnen. Der grosse österreichische Journalist Willy Meisl etwa sprach davon, eine Mannschaft zu formen wie ein Konzertorchester, bei dem die einzelnen Instrumente harmonisieren, aber nicht verschwinden sollen. Das ist eine ganze andere Sichtweise. Das hängt auch damit zusammen, dass die Vordenker aus diesen Zentren wie Willy Meisl und sein Bruder Hugo, der als Trainer und später als Funktionär eine wichtige Rolle spielte, eher dem liberalen Bürgertum entstammten.

Gab es entsprechende Vordenker in Deutschland überhaupt?

Die grossen Figuren, die das Spiel interpretierten, gab es nicht. Man zog viel aus geschichtsphilosophischen Werken, zum Beispiel aus Oswald Spenglers «Untergang des Abendlandes» von 1918, wo ja auch die Kommerzialisierung für den Untergang einer Kultur steht. Das kulturpessimistische Gedankengut, das spätestens ab 1918 en vogue war, ging einher mit der Ideologie des Amateurismus, die später teilweise antisemitisch aufgeladen wurde. Otto Nerz, der erste Trainer der deutschen Nationalmannschaft, schrieb 1943, «die Juden und ihre Hörigen» seien vor 1933 verantwortlich gewesen für die «Tendenz zum Berufsfussball».

Einige zeittypische Begebenheiten, die Sie beschreiben, waren bisher kaum bekannt, etwa, dass es speziell in der Weimarer Republik, aber auch in der NS-Zeit regelmässig schwere Ausschreitungen gegen Schiedsrichter oder gegnerische Spieler gab. Die damaligen Randalierer als Vorläufer der modernen Hooligans?

Der Hooliganismus der siebziger und frühen achtziger Jahre ist etwas anderes. Der Krawall der zwanziger Jahre war unorganisiert, immer vom Geschehen auf dem Platz abhängig und immer an das Stadion gebunden. Ab 1919 traten im Fussball gewalttätige Massen in Erscheinung: Die Konflikte zwischen Stadt und Vorstadt oder Vorstadt und Dorf wurden in die Stadien getragen, wo fortan die lokale Ehre Wochenende für Wochenende verteidigt wurde, oft mit Gewalt.

Hatte diese Art des Vereinsfanatismus auch einen gewissen subversiven Charakter?

Absolut. Dieser Fanatismus war für jede Institution, für jedes politische Regime unberechenbar. Fangruppen gingen mit einer bestimmten Erwartungshaltung ins Stadion. Wurde diese durch das Ergebnis erfüllt, konnte man auf die Fans bauen. Wurden sie nicht erfüllt, musste ein Regime wie das nationalsozialistische, das ja sehr auf Repräsentanz, auf Darstellung basierte, mit dem Schlimmsten rechnen. Interessanterweise schlug sich das nie in der allgemeinen Rezeption nieder: Die Beurteilung solcher Ereignisse blieb den Fachzeitschriften und den Sportteilen in den Tageszeitungen vorbehalten. Deshalb wurde die Forschung wahrscheinlich auch kaum aufmerksam auf diese Art der Subversion im «Dritten Reich».

Im Nationalsozialismus kam ein Starkult auf, der kaum zur Ideologie der Gleichmacherei passte, aber dem Regime, das Helden brauchte, gelegen kam. Kann man sagen, dass der Volksgemeinschaftsgedanke in der Fussballideologie der Weimarer Republik ausgeprägter war als in der Nazizeit?

Das ist eine durchaus zulässige Zuspitzung. Dieser typisch kulturpessimistische Volksgemeinschaftsgedanke - Unterordnung des Individuums, Zurückstellung der eigenen Interessen, Dienst am Volk als das eigentliche Ideal des Sports - hatte Hochkonjunktur in den zwanziger Jahren. Zu einem grossen Teil wird er im «Dritten Reich» ausgehebelt, nicht durch das Gedankengut der Nationalsozialisten, sondern durch die NS-Funktionsträger, vor allem auf der kommunalen Ebene. Diese verfolgten mit dem Sport Absichten, die dem Volksgemeinschaftsgedanken widersprachen, liessen sich zum Beispiel mit Fussballern fotografieren, um selber in einem positiven Licht dazustehen.

Sie haben 1964 als Endpunkt Ihrer Untersuchung gewählt. Sind gewisse Motive der Volksgemeinschaftsideologie nicht dennoch bis in die heutige Zeit lebendig geblieben?

Das ist bei solchen diskursiven Prozessen gar nicht anders möglich. Man muss sich nur die Figur des ehemaligen Bundestrainers Sepp Herberger anschauen, der sich auch aus dem Ruhestand immer wieder zu Wort meldete und in den siebziger Jahren durchaus noch Versatzstücke dieser Ideologie bemühte. Die erleben immer wieder eine Renaissance.

Zum Beispiel?

Nehmen wir die WM 2006 in Deutschland: In der Selbstdarstellung einiger Spieler war wieder dieses fast zwanghafte Kleinreden der eigenen Leistung zugunsten des Mannschaftsgedankens auszumachen. Die Volksgemeinschaftsideologie stirbt 1964 sicherlich nicht aus, aber es gibt zwei entscheidende Faktoren, die sie nachhaltig schwächen: die Einführung der Bundesliga und damit die endgültige Akzeptanz des Professionalismus sowie die Berufung Helmut Schöns zum Bundestrainer - ein Ideengeber, der eine völlig andere Auffassung des Fussballs vertrat. Er stellte das Individuum in den Mittelpunkt und rückte von diesem ideologischen Mannschaftsgedanken ab. Gerade die Position des Bundestrainers darf man in Deutschland nicht unterschätzen.

Heute wird vor allem die Kommerzialisierung kritisiert. In Ihrem Buch stehen die entsprechenden Entwicklungen allerdings immer für Fortschritt. Muss man die Kommerzialisierung ganz anders betrachten?

Das würde ich fast ganz unterschreiben. Es griffe zu kurz, nur auf die heutigen negativen Auswirkungen zu fokussieren. Die Einführung der Bundesliga bewirkte eine Liberalisierung - nun durften sich die Spieler Berufsfussballer nennen, auch wenn das vorher schon Realität war. Dass aber im Laufe der neunziger Jahre die Gehälter in Höhen getrieben wurden, die jeder Beschreibung spotten, steht aber auf einem anderen Blatt.

Sind Sie selbst einem Verein zugeneigt?

Ich bin Anhänger des 1860 München . . .

. . . der im Buch aber nicht vorkommt, obwohl Sie an der Uni München studiert haben und in Bayern leben.

Das stimmt, die Schwerpunkte liegen unter anderem in den Regionen Frankfurt, Mannheim und Leipzig. Zu Beginn meiner Arbeit habe ich zuerst den TSV 1860 und den FC Bayern sowie die beiden grossen Vereine in Franken, den 1. FC Nürnberg und Greuther Fürth, angeschrieben und um Einsicht in die Vereinsakten gebeten. Die entsprechende Bereitschaft war bei den genannten Vereinen nicht vorhanden.

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