Manuel Stahlberger: «Es hät gäli Bagger und roti»

Nr. 4 –

Der Musiker, Texter, Zeichner und demnächst Preisträger des Salzburger Stiers ist ein stiller Beobachter, der nicht laut poltert, sondern kleine Dinge und nicht so wichtige Menschen beschreibt - zu hören auch auf der aktuellen CD «Rägebogesiedlig».


Wenn Manuel Stahlberger im Mai als «Fixstern der Ostschweizer Kleinkunst» mit dem Salzburger Stier geehrt werden wird, reiht er sich in die «Hall of Fame» ein, die von Joachim Rittmeyer bis Massimo Rocchi und von Stiller Has bis zu Linard Bardill reicht. Das Feld der Kleinkunst ist links wie rechts von Untiefen und Abgründen gesäumt, die man tunlichst umgehen sollte, will man mehr als bloss nett unterhalten. Ein frommer Vorsatz, wenn man das Publikum aus Uz-, Zuch- und Mägenwil in ihren Schulaulen und Mehrzweckräumen unterhalten soll. Allzu schnell ist der Witzknebel gezogen oder aufs Gaspedal gedrückt, damit die lokale Kulturgruppe und deren ZuschauerInnen zufrieden sind.

Doch laute Auftritte sind Stahlbergers Sache nicht. Wenn der St. Galler in seiner Duoformation Stahlbergerheuss auf der Bühne steht, bewegen sich in erster Linie die von Stefan Heuss zusammengezimmerten Klangmaschinen. Stahlberger steht oder sitzt mit seiner Ukulele auf der Bühne und trägt Lieder vor, die vom Mann auf dem Kran, einem Architekturfotografen oder dem George Clooney von Altstätten erzählen. Heuss setzt dazu krachende, knackende oder rumpelnde Geräte in Gang, die merkwürdige Klänge aus Brockenhausware entlocken. Natürlich ist es lustig, den zwei Typen mit ihren Höllenmaschinen zuzuschauen, doch zum Grölen ist es nicht. Dass die Auftritte des Duos so zurückhaltend ausfallen, liegt nicht zuletzt an ihrer Langsamkeit: Bevor die Maschinen Töne ausspucken, müssen sie zuerst eingestellt und zum Laufen gebracht werden, wobei oft ziemlich viel Zeit verstreicht. In einer Welt, wo Mittagspausen mehr mit Sitzungen als mit Essen zu tun haben, eine Wohltat.

Stotternde Maschinen

Wie irritierend diese Langsamkeit sein kann, wurde dem Fernsehpublikum kürzlich in Kurt Aeschbachers gleichnamiger Sendung vorgeführt. Der immer gut gelaunte Dauerunterhalter hatte die beiden zu sich in die Sendung eingeladen. Neugierig betrachtete Aeschbacher ihre Höllendinger, liess sich einige der Gerätschaften demonstrieren und plapperte und plapperte. Echte Interviewfragen waren in diesen zehn Sendeminuten Mangelware. Bemühten sich Stahlberger und Heuss um einigermassen kluge Antworten, ergänzte Aeschbacher die Sätze gleich selbst. Dass er den anlaufenden Maschinen ins Wort fiel, merkte er wohl gar nicht.

Am Küchentisch in seiner St. Galler Wohnung meint Stahlberger zum TV-Auftritt: «Ich habe meine Probleme, wenn ich im Fernsehen auftreten muss. Das passiert ja nicht alle Tage, vielleicht fehlt mir etwas die Übung. Die wollen Showblöcke, und alles muss wahnsinnig rasch gehen.» Wir nippen an Stahlbergers Geheimtipp, heissem Süssmost mit Glühwein-Tee-Mischung. Es ist einer dieser nebligen Wintertage, wo man aus dem Fenster blickt und gerade mal das nächste Haus in Umrissen erkennt. Eigentlich böte Stahlbergers Wohnung einen schönen Blick über den Kessel von St. Gallen, wo er spätestens seit dem Erscheinen der Comicreihe «Herr Mäder» im Kulturmagazin «Saiten» stadtbekannt geworden ist.

Herr Mäder, das ist ein äusserlich recht langweiliger Schnauz- und Brillenträger, eine Person, der man durchaus in St. Gallen begegnen könnte. Arbeitslos wahrscheinlich und häufig unterwegs mit einer älteren Dame im Rollstuhl, Frau Hufenus, die ständig an ihm und der Welt herumkrittelt. Herr Mäder ist selten Held, sondern eher Beobachter, dem wilde Dinge passieren, meist jedoch nur in seinen Tag- und Nachtträumen, in die er abgleitet. Herr Mäder bewegt sich gerne im städtischen Raum, den Stahlberger detailgetreu und zugleich mit viel Fantasie zeichnerisch umsetzt: das Shoppingparadies Neumarkt, die Hauptpost, das Kloster, das Vadian-Denkmal; Orte, die den Lesenden vertraut sind.

Das St. Gallen Stahlbergers präsentiert sich mal spiessig und langweilig, dann wieder voll versteckter Lebensfreude und Vorstellungskraft. Wenn Herr Mäder in der Stadt unterwegs ist, tauchen auch immer Menschen auf, manchmal so viele, dass man sich im Suchbilderbuch «Wo ist Walter?» wähnt. Dargestellt sind die BewohnerInnen der Stadt, die Menschen, die täglich in der gebauten Realität zu leben haben und sie mit ihren Tätigkeiten ausfüllen. «St. Gallen ist wohl genau so gross, dass es keine wirklichen Probleme hat, sondern sich welche ausdenkt. Plötzlich werden die Punks am Bahnhof zum Ärgernis, und dann folgen tonnenweise Leserbriefe.»

Die St. GallerInnen würden sich halt anscheinend am sichersten fühlen, wenn abends niemand mehr auf der Strasse ist - eine fürchterliche Vorstellung für Stahlberger. Es passe ins Bild, dass St.?Gallen zur sichersten und saubersten Stadt in der Bodenseeregion werden möchte und dass der öffentliche Raum mit etlichen Videokameras überwacht werde. Trotz allem sei er gerne hier zu Hause, treffe Menschen oder gehe einfach spazieren. «Ich bin ja auch viel unterwegs und sehe so manches. Wenn man nur ins Stadttheater geht und dann meint, das sei jetzt die Kunst, finde ich das schwierig.»

Chronist seiner Stadt

Auf die Frage, ob er mit seinen Texten und Zeichnungen eigentlich zum inoffiziellen Stadtzeichner oder Stadtschreiber geworden sei, meint er: «Für gewisse Kreise bin ich schon eine Art Chronist. Meistens nehme ich selbst aber weniger wahr, was ich für andere Menschen darstelle. Wenn zu meiner Plattentaufe im St. Galler ‹Palace› vierhundert Menschen erscheinen, freut mich das extrem, weil das doch etwas zu bedeuten hat.» Stahlberger, der Protestsongschreiber oder Protestzeichner? Dagegen wehrt er sich. Es gäbe schon Dinge, die ihn störten. Er selber lasse Herrn Mäder auch mal ein Gebäude sprengen, das ihn nerve. Aber einer, der Protestsongs schreiben könnte, sei er nicht.

So hat sich auch sein neuestes Projekt, das kurz und knapp «Stahlberger» heisst, nicht dem lauten Protest verschrieben, eher gleicht es einem Beobachtungsposten mit Popmusik im Ohr. Rund um den Mastermind und Namensgeber formiert sich eine Band aus St. Galler Musikern (Michael Gallusser, Marcel Gschwend, Christian und Dominik Kesseli), die seine Texte in Songs verpacken. Das Ganze war ursprünglich ein Experiment, man wollte einfach versuchen, ob und wie das zusammen klappt. Nach Aufwärmübungen im Probelokal wagten sie sich im Frühjahr letzten Jahres auf die Bühnenbretter. Plötzlich standen nicht mehr nur Kellerbühnen offen, sondern rauchige Clubs wie das Zürcher Helsinki, und selbst das Open Air St. Gallen liess es sich nicht nehmen, den Lokalmatador zu buchen.

«Dass ich mit einer Band zusammenspielen kann, eröffnet ganz neue Möglichkeiten. Wenn wir mit Stahlbergerheuss ein neues Lied machen, braucht das wegen der Technik einfach seine Zeit.» Nun aber könne er einfach mit Fragmenten zur Probe kommen, dann würden sie zusammen daran arbeiten. Warum aber heisst denn die Band einfach Stahlberger? «Wir haben lange an einem Namen herumstudiert, aber gefunden haben wir keinen, der überzeugt.» Am Schluss habe man sich für Stahlberger entschieden, weil sein Name einen gewissen Bekanntheitsgrad habe.

Bandmusik und Fieps-Örgeli

Dass Stahlberger zu einer Marke geworden ist, hat auch die Jury des Salzburger Stiers erkannt. Der renommierte Kleinkunst- und Kabarettpreis ging nicht an eine seiner Formationen, sondern ausdrücklich an Manuel Stahlberger, seine Texte und alle seine Projekte. Dass sich Stahlberger gerade jetzt etwas vom Kontext der Kleinkunst zu lösen beginnt, hat mit seinen persönlichen Vorlieben zu tun. In die Kleinkunst sei er mehr oder weniger hineingerutscht, heute gehe er fast lieber an Konzerte als ins Kellertheater. «Mich reizt die Atmosphäre der Clubs, wo man auch mal miteinander reden oder sich ein Bier holen kann. Ich fühle mich dort weniger ausgestellt.»

Kleinkunst hin, Clubs her: Das dieser Tage erscheinende Album «Rägebogesiedlig» kommt in einem feschen Kleid zwischen Bandmusik und Fieps-Örgeli daher. Als Chefschneider amtete Oliver Maurmann, besser bekannt als Guz sowie als Frontmann der Aeronauten. Aus dieser engen Zusammenarbeit entstanden einige Pop-Perlen mit Kultpotenzial. Durch das Zutun von Maurmann haben die Songs an Eleganz und Präsenz gewonnen, doch irgendwie verschwimmt der eigentliche Charakter der Band hinter den Klangideen des Produzenten. Auch wenn die Musik weit mehr als Hintergrundgedudel ist, steht Stahlberger mit seinen Texten klar im Vordergrund. Gelassen phrasiert er seine Betrachtungen und erreicht damit schon fast die Klasse von King Kuno Lauener.

Stinklangweilige Begebenheiten

Böse oder gar gemein sind die Texte nie. Wenn wie im Opener «Rägebogesiedlig» oder im pathetischen «Klimawandel» Kritik anklingt, wird diese durch Überhöhung in der Folge abgeschwächt. Vielleicht sind die überzeichneten Beschreibungen auch Tagträume von Herrn Mäder. In einer Episode der Comicserie schaut dieser dabei zu, wie sich Bauarbeiter mit Baggern aufs Dach geben. Im Album endet die Geschichte über einen Tag der offenen Tür bei einer Baggervermietung fast identisch: «Me cha sälber chli probiere: Es hät gäli Bagger und roti, und es git Verletzti und Toti. Und d Experte tüend en als Misserfolg wärte, de Tag der offenen Tür bi de Baggervermietig.»

Neben all den fantasievollen Miniaturen skizziert Stahlberger auch stinklangweilige Begebenheiten, «total spannende» Unterhaltungen über Projekte und Bauchentscheide bei Cüpli und Streichquartett. Dass die Texte mehr beschreiben als definieren, hat sicher auch damit zu tun, dass sich Stahlberger gegen ein Schwarz-Weiss-Denken wehrt: «Wenn ich in der Ich-Perspektive über ein Ehepaar schreibe, das sich zum Jakobsweg aufmacht, dann hat der Text sicher auch ein wenig mit mir zu tun. Ich glaube nämlich, dass es mir dort auch ganz gut gefallen würde.»

Die aktuelle CD «Stahlberger - Rägebogesiedlig» erscheint am 23. Januar. Faze Records / Sound Service.

Die beiden Comicbände «Herr Mäder» sind beim Verlag Saiten erhältlich. www.saiten.ch

Manuel Stahlberger live:

Stahlbergerheuss in: THUN Alte Oele, Do, 23. Januar. GRENCHEN Kleintheater, Fr, 24. Januar. FREIBURG IM BREISGAU Vorderhaus, Do, 30. Januar. www.stahlbergerheuss.ch

Stahlberger: APPENZELL Schlössli Steinegg, Fr, 31. Januar. Längere Tour ab Ende Februar. www.stahlberger.ch