Nr. 05/2009 vom 29.01.2009

Die sichtbare Hand des Chaoskapitalismus

Die Zahl der Hungernden ist im letzten Jahr auf eine Milliarde gestiegen.

Von Daniel Stern

2008 war ein verrücktes Jahr. Die Weltmarktpreise für Rohstoffe wie Mais, Reis und Weizen stiegen bis Juli um fünfzig und mehr Prozent, um dann bis Dezember wieder um fast ebenso viel zurückzugehen.

Gründe für diese Berg- und Talfahrt gibt es mehrere: Gemäss einer Anfang Woche veröffentlichten Studie des britischen Thinktanks Chatham House trugen die hohen Energiekosten besonders viel dazu bei - sie verteuerten die landwirtschaftliche Produktion, den Dünger und den Transport der Güter. Sie führten weiter dazu, dass Lebensmittel wie etwa Mais zu lukrativem Agrotreibstoff verarbeitet wurden. Der Preisanstieg wurde jedoch auch durch Spekulationen an den Rohstoffbörsen angeheizt. Seit 2006 spielten dort immer mehr Banken, Hedgefonds, aber auch Pensionskassen Geldvermehrung, indem sie auf Vorrat kauften, nur um möglichst teuer wieder zu verkaufen. Anfang 2008 verstärkte sich dieser Trend noch, weil die Kurse in anderen Kasinos - speziell den Aktienbörsen - auf Talfahrt gingen.

Das Spiel mit Nahrungsmitteln war genau dann vorbei, als sich die Rezession beschleunigte. Parallel zum Ölpreis sackten auch Mais, Reis und Weizen ab. Fazit: Ende Jahr verzeichnete die Uno-Behörde für Nahrung und Landwirtschaft (FAO) neue Ernterekorde. Gleichzeitig gab sie bekannt, dass die Zahl der Unterernährten um vierzig Millionen auf 963 Millionen gestiegen war. Es bestehe dringender Handlungsbedarf, schreibt die britische Hilfsorganisation Oxfam. Aufgrund der Preisschwankungen bei den Grundnahrungsmitteln, aber auch wegen Energie- und Wassermangels seien zusätzliche Hunderte von Millionen Menschen von Hunger bedroht. Es räche sich, dass in den Ländern des Südens während Jahren viel zu wenig in die Entwicklung der Landwirtschaft investiert wurde.

Am Montag und Dienstag trafen sich in Madrid RegierungsvertreterInnen und Interessierte aus 126 Staaten zu einer Uno-Konferenz über Lebensmittelsicherheit. Vor einem halben Jahr hatte eine ähnliche Konferenz in Rom stattgefunden. Die Preissteigerungen und Hungerrevolten hatten das Thema dringlich werden lassen und auch in hiesigen Medien grosse Aufmerksamkeit erregt.

Ganz anders jetzt: Über Madrid ist in den Medien, wenn überhaupt, nur mehr am Rande berichtet worden. In ihrer Abschlusserklärung zeigen sich die KonferenzteilnehmerInnen besorgt über die globale Versorgungssituation. Die Preissenkungen auf dem Weltmarkt seien in vielen Ländern nicht angekommen. Die Lebensmittelkrise ist noch lange nicht vorbei. Die Finanzmarktkrise könnte die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln in den armen Ländern weiter reduzieren.

Vielen Staaten fehlt inzwischen das Geld, um sich auf dem Weltmarkt mit Lebensmitteln einzudecken. Schon stellt die «Financial Times» einen Rückfall in «die Zeit des Kommunismus» fest. Immer mehr Staaten vereinbarten Tauschgeschäfte untereinander; Malaysia liefere Kuba, Nordkorea und Russland Palmöl und erhalte dafür Dünger und Maschinen. Thailand diskutiere ähnliche Abkommen mit Staaten des Nahen Ostens und mit dem Iran. Dabei gehe es um Reis gegen Erdöl.

Der freie Markt versagt. Man verzeichnet Rekordernten, und dennoch nimmt die Zahl der Hungernden um vierzig Millionen Menschen zu. Das chaotische Auf und Ab der Preise bietet den ProduzentInnen wenig Anhaltspunkte dafür, wie viel sie dieses Jahr aussäen sollen. Tatsächlich befürchtet die FAO dieses Jahr weniger Ernteerträge, weil viele BäuerInnen wegen der sinkenden Weltmarktpreise vorsichtig geworden sind. Vom Uno-Ziel, die Zahl der Hungernden bis zum Jahr 2015 zu halbieren, ist man weiter entfernt denn je. Dafür wurden 2008 mit grossem Energieaufwand Millionen von Autos produziert, die jetzt niemand kaufen will. Die unsichtbare Hand, die laut liberalen TheoretikerInnen den freien Markt ach so effizient steuert, scheint gelähmt.

Die Konferenz von Madrid wird kaum einen grossen Effekt haben. Zwar wurde dort die Förderung von KleinbäuerInnen als wichtiges Instrument im Kampf gegen den Hunger propagiert. Unklar bleibt aber, ob die grossen Industriestaaten angesichts der Finanzkrise bereit sein werden, ihre Hilfe für die Entwicklungsländer zu erhöhen. Auch andere Konzepte der landwirtschaftlichen Entwicklung sind längst nicht vom Tisch: eine weitere Globalisierung der Landwirtschaft, die die Entwicklungsländer nur noch mehr vom Weltmarkt abhängig werden lässt und ihr fruchtbares Land mit Monokulturen für den Export überzieht. Der Chaoskapitalismus ist noch längst nicht erledigt. Es besteht im Gegenteil die Gefahr, dass in der Krise neue, noch absurdere Formen des globalisierten Weltmarkts entstehen: In Madagaskar etwa plant die südkoreanische Firma Daewoo, die Hälfte des bebaubaren Landes zu leasen, um dort Agrargüter für Südkorea anzubauen. Die lokale Bevölkerung würde zu LandarbeiterInnen von Daewoo gemacht. Ob das Projekt zustande kommt, ist offen. Derzeit demonstrieren in Madagaskar Zehntausende gegen ihre Regierung - und gegen den Ausverkauf ihres Bodens.

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