Nr. 08/2009 vom 19.02.2009

Gewalt und Öffnung

Die Türkei hat sich in den letzten Jahren erheblich gewandelt - und doch wagt das Land nicht den letzten Schritt in Richtung EU. Warum?

Von Judith Huber

Wer sich für die moderne Türkei interessiert und einen kompakten, klugen Überblick über das Land und seine Politik möchte, der ist mit diesem Buch gut bedient. Plötzlich fügen sich einzelne Ereignisse wie Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammen. Amalia van Gent, langjährige NZZ-Korrespondentin und frühere WOZ-Mitarbeiterin, weiss, wovon sie spricht. Und sie gewichtet. Sie hat die Wendepunkte der jüngeren türkischen Geschichte miterlebt, mit offenen Ohren und gezücktem Bleistift.

Was auffällt: wie wenig wir hier in Westeuropa über die Türkei wissen, und wie ausschnitthaft das ist, was zu uns gelangt. Und: Dass die Geschichte der Türkei eng mit Gewalt verknüpft ist - enger noch, als man gemeinhin annimmt. So hat das Militär mehrmals geputscht, und der Staat hat nachweislich mit Auftragskillern und der Mafia zusammengearbeitet. Da war der Völkermord an den ArmenierInnen und der brutal geführte Kampf gegen die kurdische Arbeiterpartei PKK, der zur Zerstörung und Entvölkerung ganzer Landstriche führte. (Schon 1925 waren übrigens Hunderte kurdischer Dörfer vernichtet und Tausende kurdischer Familien deportiert worden - die Antwort des noch jungen Staates auf die erste kurdische Rebellion in der Türkei.)

Der September 1955

Da war aber auch das Massaker von Sivas 1993, als militante Islamisten eine Versammlung von Intellektuellen und KünstlerInnen überfielen, die zu Ehren eines alevitischen Volksdichters aus dem 16. Jahrhundert zusammengekommen waren. Das Pogrom hat die islamische Minderheit der Aleviten in der Türkei tief geprägt. Oder, als letztes Beispiel, die Septemberereignisse von 1955: Damals fiel ein Mob über das weltläufige Istanbuler Viertel Beyoglu her, zerstörte Kirchen, plünderte Geschäfte und vernichtete in einer Nacht den wirtschaftlichen und kulturellen Mittelpunkt der Istanbuler Armenier und Griechinnen.

Vielleicht ist das Buch fast etwas zu vollständig. Es könnte etwas weniger nüchtern sein, noch mehr Reportagen bieten. Und es könnte gewisse Themen, die gar summarisch abgehandelt werden, noch etwas vertiefen: Die Frauenfrage etwa, über die Amalia van Gent in ihrer Tätigkeit als Korrespondentin oft und klug berichtet hat.

Zentral behandelt die Autorin die Frage, ob die Türkei zu Europa gehört. Es gebe kein zweites Land in der islamischen Welt, das sich über ein Jahrhundert fast inbrünstig wünsche, «europäisch» zu werden, in diesem Wunsch sich immer wieder grundlegend verändere und dennoch den letzten grossen Schritt nicht wage, schreibt Amalia van Gent. Sie stellt dar, wie das Land von einer ungeahnten Dynamik erfasst wurde, als ausgerechnet die AKP, die ihre Wurzeln in der Bewegung des politischen Islam hat, die Türkei in die EU zu führen versprach. Diese Dynamik erfasste nicht nur Istanbul, die europäisierte Weltstadt, sie erfasste vor allem Anatolien, diesen in Asien liegenden armen «Körper» des Landes. Die Wirtschaft verzeichnete in den anatolischen Provinzen unerhörte Wachstumsraten und setzte in der Gesellschaft Kräfte frei, die bis dahin niemand für möglich gehalten hätte.

EU-Beitritt in weiter Ferne

Plötzlich wagten es ArmenierInnen, Kurdinnen und Lasen, Tscherkessen, fromme Sunniten und Alevitinnen öffentlich über ihre unterdrückte, verschwiegene Identität und Geschichte zu sprechen. Geflüchtete Angehörige von Minderheiten kehrten aus dem Exil zurück und begannen ihre Häuser wieder aufzubauen, wie die Autorin am Beispiel eines assyrischen Dorfes in der Provinz Sirnak in der Osttürkei zeigt. Für Amalia van Gent ist klar: «Die von der EU inspirierten Reformen zwischen 2002 und 2005 haben die Türkei liberalisiert und sie besser und freier für ihre Bürger gemacht.» Zugleich wurde das Land aber auch islamischer. Der EU-Beitritt ist inzwischen wieder weiter weggerückt. Die AKP hat nach ihrem Wahlsieg im Sommer 2007 die versprochene Verfassung und auch andere Reformen im Rahmen des EU-Prozesses auf Eis gelegt. Den letzten, entscheidenden Schritt auf Europa zu hat das Land dann eben doch (noch?) nicht gewagt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch