Nr. 09/2009 vom 26.02.2009

Auch Biokühe machen Mühe

Bio ist gesund – doch auch Biokühe werden krank. Eine gross angelegte internationale Tagung an der ETH Zürich widmete sich den brennenden Problemen der ökologischen Landwirtschaft. Die WOZ hat drei Workshops besucht.

Von Bettina Dyttrich

Mitte Februar 2009 ging an der ETH Zürich eine gigantische Biolandbautagung über die Bühne. An der dreitägigen Grossveranstaltung beteiligten sich BioexpertInnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Vier Workshops an der Tagung waren gezielt praxisnah ausgerichtet, damit auch Bäuerinnen und Landwirte, die sonst nie an eine Wissenschaftstagung gehen würden, daran teilnahmen.

Die WOZ hat drei Workshops besucht – in deren Mittelpunkt standen folgende Themen: Wie werden Biokühe gesünder? Warum wird nicht mehr Biogetreide angebaut? Und wie steht es um den Boden? Hier ein kurzer Einblick in die Diskussionen:

Turbokühe sind krankheitsanfällig

Biokühe sind gesund – so sollte es zumindest sein, so erwarten es die KonsumentInnen. Aber in der Praxis sieht es manchmal anders aus. Denn die moderne Hochleistungszucht geht auch an der Biolandwirtschaft nicht spurlos vorbei. Um Spitzenleistungen zu erreichen, braucht die Milchkuh sehr eiweiss- und energiereiches Futter. Riesenmengen Eiweiss kann sie mit ihrem Wiederkäuermagen aber gar nicht verdauen; den Überschuss muss die Leber abbauen. Leberbelastung und hohe Milchleistung gehen auf Kosten der Robustheit: Die Tiere werden anfällig für verschiedenste Krankheiten.

Trotzdem setzen viele LandwirtInnen auf Hochleistungszucht. Das ist auch eine Prestigefrage: Wer sieht es schon gerne, wenn der Nachbar doppelt so viel Milch abliefert? Auch BiobäuerInnen sind nicht immun gegen diesen Wettbewerb. «Viele Betriebe haben nach der Umstellung auf Biolandbau mit der gleichen Viehherde weitergemacht wie vorher», sagt Anet Spengler Neff, Rindviehspezialistin am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick. «Aber die Fütterung verändert sich mit der Umstellung stark.»

Denn im Biolandbau ist es wichtig, die Tiere möglichst vom Futter zu ernähren, das auf dem eigenen Land wächst. «Wer – wie viele Bergbetriebe – kein nährstoffreiches Gras zur Verfügung hat, kann auch nicht Kühe mit höchsten Ansprüchen halten», erklärt Spengler. «Sonst steigt das Risiko, dass die Kühe Fruchtbarkeitsprobleme bekommen und krankheitsanfälliger sind.» Biokühe sollen so gezüchtet werden, dass sie zu ihren Höfen passen: Dieses Ziel will das Projekt Biozucht Graubünden erreichen, bei dem Anet Spengler mitarbeitet. Im Bergkanton ist das Interesse besonders gross: Hier wirtschaften 56 Prozent der Höfe biologisch.

Zu den Biogrundsätzen gehört die sanfte, ganzheitliche Tiermedizin. Christophe Notz, Tierarzt am FiBL, sagt: «Die Tiergesundheit sollte mit angepassten Rassen, Prävention und Komplementärmedizin sichergestellt werden. Die konventionelle Medizin sollte nur die Notlösung sein. Auf vielen Biohöfen ist das aber nicht so.»

Antibiotikabehandlungen sind in akuten Fällen mit Einschränkungen auch auf dem Biohof erlaubt. Nach der Behandlung müssen BiobäuerInnen allerdings doppelt so lange warten wie ihre konventionell wirtschaftenden KollegInnen, bis sie die Milch wieder verkaufen dürfen. «Das geht ins Geld», sagt Christophe Notz. «Und die antibiotikahaltige Milch landet via Güllengrube in der Wiese – da besteht die Gefahr der Resistenzbildung.»

Weniger Antibiotika in der Euterbehandlung war eines der Ziele des FiBL-Projektes «Pro Q». Notz und seine MitarbeiterInnen betreuten 78 Betriebe, schauten beim Melken zu, untersuchten Eutergesundheit, Antibiotikaeinsatz und Milchleistung und stellten den BäuerInnen ein homöopathisches Behandlungskonzept zur Verfügung. Tatsächlich nahm der Antibiotikaeinsatz um mehr als ein Viertel ab. Andreas Melchior aus Andeer, einer der beteiligten Bauern, ist sehr zufrieden mit «Pro Q»: «Die Tierarztkosten sind gesunken, und ich verstehe jetzt mehr von Eutergesundheit. Auch die Melktipps waren sehr wertvoll für mich und den Lehrling.»

Melchior ist keiner, der sich von den Hochleistungskühen mit ihren Rieseneutern beeindrucken lässt. Die Tiere müssten in erster Linie zum Betrieb passen, sagt er: «Mein Zuchtziel ist Langlebigkeit.» Viele seiner Kühe werden um die zwanzig Jahre alt – dreimal so alt wie eine durchschnittliche Milchkuh.

Im Sommer gehen Melchiors Kühe auf die Alp. Das könne eine Belastung für die Tiere sein: «Sie werden von anderen Leuten gemolken, bekommen anderes Futter, sind in einer ungewohnten Herde. Nicht alle sind da gleich empfindlich. Aber es sind nicht die Hochleistungstiere, die die Alp am besten ertragen.»

Die Hürde im Kopf

Während sich bei den einen Bauern alles um die Kühe dreht, haben die anderen gar keine. Zum Beispiel in den Ackerbaugebieten der Waadt. Dieser Kanton ist das Biolandbau-Schlusslicht der Schweiz: Gerade 3,5 Prozent wirtschaften biologisch (der Schweizer Durchschnitt liegt bei 11 Prozent). Das liegt in erster Linie an der Landnutzung: Die Umstellung auf Bio ist im Ackerbau anspruchsvoller als in der Tierhaltung. Ein grosser Teil der Biohöfe sind Viehwirtschaftsbetriebe in der Hügel- und der Bergzone. Als Folge davon gibt es in der Schweiz genug Biomilch und -fleisch, um die Nachfrage zu decken, doch drei Viertel des Biogetreides werden importiert. Warum wird in der Waadt nicht mehr Biogetreide angebaut?

Biologischer Ackerbau mit wenig oder ohne Vieh ist eine Herausforderung. Vor allem wegen der Düngung: Normalerweise sind Mist und Gülle die wichtigsten Dünger auf dem Bioacker. Es gebe jedoch Lösungen, sagt Josy Taramarcaz von der landwirtschaftlichen Beratungszentrale Agridea Lausanne. Auf einem kleinen Pilotbetrieb in Thônex bei Genf wird der viehlose Bioackerbau erprobt. Wichtigste Düngerlieferanten sind Klee und Ackerbohnen: Ihre Wurzeln können Stickstoff aus der Luft, die sich im Boden befindet, aufnehmen, womit der Boden natürlich gedüngt wird. Der geschnittene Klee verrottet auf dem Feld, genauso das Stroh nach der Getreideernte, dazu kommt Kompost. «So nimmt der Getreideertrag sogar zu – auch ohne Mist und Gülle», sagt Taramarcaz.

Es ist also möglich – warum entscheiden sich denn nicht mehr Westschweizer Ackerbauern für Bio? Am Geld liegt es nicht; Biogetreide ist begehrt: Während konventionelle Bauern fünfzig bis sechzig Rappen pro Kilo Weizen verdienen, bringt Bioweizen mehr als einen Franken. Auch die Direktzahlungen sind höher. Für viele würde es sich lohnen; auch wenn der Arbeitsaufwand steigt, weil Unkräuter mechanisch mit Maschinen bekämpft werden müssen statt konventionell mit Herbiziden.

«Wirtschaftliche Argumente sind nicht ausschlaggebend», sagt Josy Taramarcaz. «Vor allem jüngere Bauern wissen genau, wie viel Bioweizen einbringen würde.» Nein, neben der Angst vor Mehrarbeit, Düngungsproblemen und Unkräutern gehe es vor allem um Überzeugungen: Bio gelte als fanatisch, zu reglementiert, zu kompliziert. Manche meinten, Bio könne die Weltbevölkerung nicht ernähren, andere wollten unbedingt blitzsaubere Felder.

Das grösste Umstellungshindernis liegt also im Kopf. Diesen Verdacht stützt auch Pascal Olivier, der an der landwirtschaftlichen Schule im neuenburgischen Cernier Biolandbau unterrichtet. In der allerersten Stunde fragt er seine SchülerInnen jeweils, was ihnen zum Wort «bio» einfällt. Die Resultate hat Olivier auf Plakaten gesammelt: «Profiteure, denen gehts nur um die Direktzahlungen», «Bio macht die Landschaft kaputt», «Träumer, Ökos, Revolutionäre», «Die Qualität sinkt», «Die spritzen heimlich in der Nacht», «Blödsinn», «für Deutschschweizer».

«Wirtschaftliche und technische Vorurteile lassen sich abbauen – mit Hofbesichtigungen und Rechnungsbeispielen», meint Olivier. «Soziokulturelle Vorurteile zu entkräften, ist hingegen viel schwieriger. Für diese Schüler ist Bio ein fremder Lebensstil, mit dem sie sich nicht identifizieren können.»

Utopie und Boden

Schon vor hundert Jahren, als die ersten BäuerInnen begannen, Alternativen zu suchen zur immer industrieller werdenden Landwirtschaft, kreisten die Diskussionen um den Boden. Seither versuchen BiobäuerInnen den Boden zu verstehen. Und sind immer noch weit davon entfernt. Klar ist, dass der Boden heute weltweit bedrohter ist denn je: von Verbauung, Verdichtung durch falschen Maschineneinsatz, Erosion und Verarmung.

Dabei könnte ein anderer Umgang mit dem Boden ein Schlüssel zum Klimaschutz sein, glaubt Sepp Braun. Der Biobauer aus Freising bei München ist überzeugt, dass sich mit neuen Anbaumethoden viel mehr Kohlenstoff in Form von Humus in der Erde speichern liesse. Die Folgen wären doppelt positiv: fruchtbarerer Boden und weniger Kohlendioxid in der Luft. Auf seinem Hof achtet er darauf, dass der Boden nie nackt ist: Schon vor der Getreideernte wird eine Zwischenkultur ins Feld gesät. Das hilft bei der Unkrautbekämpfung, schützt vor Erosion und fördert den Humusaufbau.

Braun ist ein Tüftler, der dauernd nach neuen Ideen sucht. Zurzeit beschäftigt er sich mit Agroforstsystemen, der Kombination von Acker- und Baumkulturen, wie sie zum Beispiel in Indiens «Homegardens» Tradition hat. «Wir müssen die Trennung von Forstwirtschaft, Landwirtschaft und Gartenbau überdenken.» Er erwähnt einen französischen Versuch mit Pappelreihen in Getreidefeldern.

Die WorkshopteilnehmerInnen diskutieren leidenschaftlich über Bodenschutzstrategien und die Kunst des Kompostierens. Alle hören einander zu, niemand beharrt darauf, die ganze Wahrheit zu kennen. Es gibt in der Landwirtschaft keine Patentrezepte, und alle, die schonend mit dem Boden arbeiten, wissen das. Es gibt nur Annäherungen. In der stickigen Luft des kleinen ETH-Nebenraums scheint die Utopie verwirklicht: Forschende und PraktikerInnen suchen gemeinsam und gleichberechtigt nach neuen Lösungen. Im Bewusstsein, dass auch diese nur vorläufig sein werden.

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