Nr. 10/2009 vom 05.03.2009

Die Kühe verlassen?

Interview: Bettina Dyttrich, Foto: Ursula Häne

Felix Lang: «Das Kulturland sollte geschützt sein wie der Wald.»

WOZ: Felix Lang, Sie sind Biobauer oberhalb von Rohr im Solothurner Jura. Was gehört zu Ihrem Hof?
Felix Lang: Es ist ein reiner Milchwirtschaftsbetrieb: sechzehn Schweizer Original-Braunviehkühe, ein Stier und Jungvieh. Aus der Milch stellt ein Nachbar Frischprodukte wie Jogurt oder Rahm her. Er vermarktet alles selber. Am Anfang haben wir noch etwas geackert, aber es lohnte sich nicht, für so kleine Flächen den Mähdrescher auf den Berg zu holen.

Haben Sie von Anfang an biologisch gewirtschaftet?
Ich habe eine konventionelle Lehre gemacht, aber ich wusste früh, dass ich biologisch bauern will. Da ich mich für Umweltschutz und soziale Anliegen interessierte, war das nur logisch.

Sind Sie ein Bauernsohn?
Ja, ich bin in Aristau im Aargau auf einem Hof aufgewachsen. Ein älterer Bruder hat ihn übernommen. Ich machte trotzdem die Ausbildung, denn ich wollte nicht in eine Werkstatt oder eine Fabrik, ich wollte in die Natur. Danach habe ich verschiedene Jobs gehabt, etwa als Pfleger oder als Siebdrucker in einer Lehrwerkstatt für straffällige Jugendliche. Es hatte wohl unbewusst damit zu tun, dass ich dem Bruder den Hof nicht streitig machen wollte. Aber irgendwann zog es mich zurück zum Bauern. 1994, im August, konnten wir diesen Hof pachten.

Dann können Sie dieses Jahr fünfzehn Jahre feiern.
Nein, im Mai gehen wir hier weg. Ich lasse mich auf dem Buechehof in Lostorf anstellen. Dort wohnen und arbeiten etwa zwanzig geistig Behinderte. Der Hof ist selbstverwaltet, etwa so gross wie dieser, aber vielfältiger, mit Ackerbau und einem Hofladen.

Fällt es Ihnen schwer, diesen Hof aufzugeben?
Ich wollte nie den Job fürs Leben. Aber jetzt habe ich den Wechsel nicht gesucht, mein ehemaliger Nachbar kam auf mich zu. Mit ihm hatte ich hier sieben Jahre super zusammengearbeitet.

Tut es nicht weh, die eigenen Kühe zu verlassen?
Wenn ich mich bewusst von etwas trenne – auch wenn ich ein Tier in den Schlachthof bringe –, habe ich nicht so viel Mühe damit. Wenn es plötzlich einem Tier schlecht geht und es notgeschlachtet werden muss, ist es schwieriger. Aber als Bauer musst du halt hin und wieder Richter über Leben und Tod spielen. Wenn du das nicht kannst, darfst du keine Tiere halten.

Was macht Ihnen am meisten Freude am Bauern?
Die Verbundenheit mit der Natur, auch die Abhängigkeit von ihr. Der spezielle Tages- und Jahreszeitrhythmus. Das Arbeiten mit und auf dem Boden. Die sehr vielfältigen Herausforderungen; handwerklich, intuitiv, mechanisch, maschinell, geistig, planerisch, unternehmerisch. Und natürlich freue ich mich, dass ich gesunde Lebensmittel produzieren kann.

Am 8. März [2009] werden Sie vielleicht in den Kantonsrat gewählt. Welche Themen sind Ihnen wichtig?
Ich sehe mich als Generalisten. Aber die Landwirtschaftspolitik liegt mir besonders am Herzen. Und die Raumplanung. Da ist mir wichtig, dass es bei der Umsetzung aufgeht. Auch für die Landwirtschaft und die Konsumenten.

Wie meinen Sie das?
Es gibt zum Beispiel den Ökoausgleich bei Grossprojekten – wenn Eisenbahnlinien, Strassen oder Industrieanlagen gebaut werden, wird dafür die Landschaft in der Nähe ökologisch aufgewertet. Das finde ich richtig. Aber die Solothurner Regierung hat ein Enteignungsrecht vorgeschlagen. Dagegen haben wir uns von BioNordwestschweiz zusammen mit dem Solothurner Bauernverband heftig gewehrt.

Warum?
Ein Bauer, der enteignet wird, verliert das Verhandlungsmandat. Wenn man nicht enteignen kann, muss man mit dem Bauern verhandeln, bis man einig ist. Man kann nicht einfach auf dem Reissbrett planen. Das finde ich richtig; ein Planer kennt die Landschaft nie so wie einer, der jeden Tag darin arbeitet.

Eigentlich sollte das Kulturland geschützt sein wie der Wald. Wenn man Wald rodet, muss man woanders Wald anpflanzen. Ich war gestern an einem Vortrag zum Thema «Kulturland auf der Roten Liste». Nebenbei wurden die neuen geplanten Grosssägereien angesprochen. Sie werden viel Platz brauchen; warum baut man sie nicht im Wald? Das ist natürlich nach der heutigen Gesetzgebung undenkbar. Aber in der Schweiz wächst die Waldfläche, während pro Sekunde ein Quadratmeter Kulturland überbaut wird. Und das Kulturland ist genauso wichtig wie der Wald.

Felix Lang (48) ist Biobauer in Rohr bei Olten. Er ist der Bruder des Zuger Nationalrats Jo Lang.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch