Nr. 10/2009 vom 05.03.2009

Szenen einer Zwangsehe

Der Zusammenschluss zweier Traditionsvereine soll nicht nur den Fussball, sondern auch die Wirtschaft der niederländischen Bergbauregion Limburg wiederbeleben. Doch die Fans wehren sich.

Von Tobias Müller

Am Abend bricht sie sich Bahn, die Mischung aus Trauer und Wut. Grabkerzen stehen auf dem schneebedeckten Vereinswappen vor der Geschäftsstelle des Roda JC, Mitglied der Ehrendivision, der obersten Fussballliga der Niederlande. Inmitten demonstrativ weggeworfener Saisonkarten formen Teelichter vor dem Eingang zur Geschäftsstelle die Buchstaben R.I.P - Rest in Peace, ruhe in Frieden. Trotzig kleben junge Ultras ihre Losungen auf die Glastüren. «Niemals FC Limburg» steht auf den Postern. «Damals nicht, jetzt nicht, niemals nicht!» Dann hat Jochem, der den Journalisten seinen Nachnamen nicht geben will, seinen Auftritt. Er schiebt sich durch die Menge und wirft ein paar Mausefallen auf den Boden. Dazu leert er eine Packung Rattengift. «Das ist für Fortuna!», schnauzt er trotzig, bevor seine Gesichtszüge wieder einfrieren. Seine grosse, massige Gestalt steht in seltsamem Kontrast zu seinem verquollenen Gesicht. Die Augen sind stark gerötet. «Ich komme nie mehr wieder», stösst er hervor. «Zu keinem einzigen Spiel mehr. Dies ist eine Amputation.» Dann dreht sich der Wortführer der West Side Ultras weg.

Die Amputation, das ist die Nachricht, die an diesem Morgen Mitte Februar die Runde durch das verschneite Limburg machte: Schon für die nächste Saison sollen der marode Roda JC Kerkrade und der quasi bankrotte Zweitligist Fortuna Sittard fusionieren (vgl. «Sittard und Kerkrade: Aus zwei mach eins» weiter unten). Die Expertenkommission, die sich seit Dezember mit dieser Option beschäftigt, hat ihre Untersuchung abgeschlossen. «Die Fusion ist nötig», heisst es in einer Pressemitteilung vom Mittag. Auf sich allein gestellt könnten die Klubs den Spielbetrieb nicht aufrechterhalten. So akut seien die Liquiditätsprobleme, dass nicht einmal die laufende Saison sicher beendet werden könne.

«Lieber krepieren als fusionieren»

Die Vorstände beider Vereine haben den Rat akzeptiert. Nur die Zustimmung der Stiftung Roda JC steht noch aus. Dieses Organ hat ein Vetorecht bei Fragen, welche die Vereinskultur betreffen - also «Farben, Name, Identität, Jugendabteilung», wie der Vorsitzende, Hubert Vankan, vor dem Stadion von Roda erklärt. Die Anspannung steht ihm ins bleiche Gesicht geschrieben. Die Zukunft des Klubs hängt an ihm, der 37 seiner 40 Lebensjahre dessen Fan ist. Das Gremium besteht aus sechs Mitgliedern, bei einem Patt entscheidet der Vorsitzende. Vankan erzählt von seinem Vater, einem Bergarbeiter wie so viele hier, auf dessen Schultern er zum ersten Mal ins Stadion kam. «Im Grab umdrehen würde er sich, wenn er mich sehen könnte.»

Die Stiftung spielt auf Zeit. Erst wenn die Expertenkommission Ende März einen Geschäftsplan vorstellt, will sie sich entscheiden. Bis dahin wartet es sich recht unangenehm, hin und her gerissen zwischen Emotionen und Wirtschaftlichkeit, Identität und Kommerz. Zwei frühere Fusionsversuche scheiterten bereits, nicht zuletzt am Widerstand der Fans, die damals wie heute für den Alleingang waren - mit allen Konsequenzen. «Lieber krepieren als fusionieren», diese Parole ist das Einzige, was die AnhängerInnen der sonst verfeindeten Vereine verbindet. Allerdings war die wirtschaftliche Not damals, in den Jahren 1996 und 2002, weniger akut. Bleiben den Fans also doch nur die Triumphe im Pokalwettbewerb als klarer Aussenseiter, während die Meisterschaft am Ende wie immer vom PSV Eindhoven gewonnen wird?

Es ist nicht so, dass Arie de Zeeuw die Fans nicht verstehen kann. «Natürlich wäre ich auch dagegen, wäre es mein Verein.» Früher war der 47-Jährige Kommunikationsdirektor bei Vodafone Netherlands. Heute ist er der Sprecher der besagten Expertenkommission. Ihr gehören ausserdem ein Vertreter des Fussballverbands KNVB an, ein politischer Vertreter der Provinz Limburg sowie zwei Wirtschaftsexperten. Dazu kommen zwei Vertreter pro Verein sowie ein neutraler Fussballfachmann. De Zeeuw ist aufmerksam und empathisch, er lacht oft und erzählt gerne Anekdoten. Und natürlich ist er, wenn es darauf ankommt, Realpolitiker. «Unsere Analyse ergab, dass beide Klubs bis zu siebzig Prozent mehr investieren müssten, um auf Dauer die Klasse zu erhalten. Doch wie soll das gehen, wenn beide ein strukturelles Defizit haben?»

Im Fall des vorgesehenen Fusionspartners Fortuna Sittards scheint das einleuchtend. Nach der Einweihung der neuen Multifunktionsarena 1999 stieg der Klub 2002 ab und setzte sich umgehend in den Niederungen der zweiten Liga fest. Die Geschäftsräume in der Arena sind ebenso unausgelastet wie die Zuschauerränge. Inzwischen musste man das Stadion an einen Projektentwickler veräussern. Doch auch das vermeintliche Erfolgsmodell Roda JC scheint an seine Grenzen zu stossen. Über eine geschickte Transferpolitik konnte man sich zwar im letzten Jahrzehnt in der erweiterten Spitze der Ehrendivision etablieren, immerhin zweimal den Pokal gewinnen und regelmässig im Uefa-Cup spielen. Trotzdem ist der Verein abhängig von einem Mäzen. Als einziger Klub der Ehrendivision beklagt Roda seit fünf Jahren ein stagnierendes Budget - trotz anständiger Fernsehgelder.

Branding - Identität schaffen

Diese Stagnation bestätigt auch die Expertenkommission. Die Klubdichte ist auf kleinem Raum enorm hoch, und die geografische Grenzlage beschränkt das Einzugsgebiet zusätzlich. Laut Kommission hätten Fortuna und Roda ihre Möglichkeiten bereits ausgeschöpft. Für eine Steigerung des «Q-Factor», wie Arie de Zeeuw das nennt, fehlten schlicht die Mittel: «Letzten Endes dreht sich alles um Qualität auf dem Feld. Die ist aber unter diesen Umständen nicht zu erreichen.» Um das zu ändern, arbeitet die Gruppe zurzeit an einem Geschäftsplan. Zudem müssen Sponsoren geworben werden, um das angepeilte Budget von zwanzig Millionen Euro zu erreichen, an das Fortuna wohl kaum mehr als zehn Prozent beitragen könnte. Die Lücke schliessen will man mithilfe von «Branding». De Zeeuw erläutert den Plan: «Limburg hat eine starke lokale Identität. Dazu gehört harte Arbeit, aber auch Traditionen wie Karneval, Blaskapellen und Schützenvereine. Die Menschen sind warmherzig, es gibt einen starken Zusammenhalt. Daran wollen wir anknüpfen. Ein Motto des neuen Klubs könnte also sein: ‹Wo Limburg zusammen kommt.› Damit wollen wir auch die Fans erreichen.»

Ob diese für eine solche fussballerische Corporate Identity empfänglich sind, ist allerdings fraglich. Auch die Mehrheit der Fortuna-Fans lehnt eine Fusion ab, erst recht mit dem verhassten Konkurrenten aus Kerkrade. Überhaupt geht man von unterschiedlichen Prämissen aus. «Die Kommission heisst ‹Top-Fussball in Limburg›. Aber ich will gar keinen Top-Fussball. Ich will Fortuna!», sagt Mathijs Beckers überzeugt. Er ist Mitglied im Fanklub Nao Veure, was im lokalen Dialekt «nach vorn» bedeutet. Der Klubraum ist mit grüngelben Devotionalien dekoriert, an den Wänden hängen Poster und Fotos aus besseren Tagen. Sie sind Ausdruckeines trotzigen Glaubensbekenntnisses, das Mathijs wie folgt in Worte fasst: «Hier gibt es kein Kinopublikum, das mit einer Tüte Popcorn auf Frivolitäten wartet. Dieser Klub wurde von Bergarbeitern gegründet. Die Leute wollen Spieler sehen, die Gras fressen! Verlieren mit Einsatz gehört zu diesem Klub und zu dieser Gegend. Limburg ist schliesslich die ärmste Provinz der Niederlande.»

Die Politik mischt mit

Gerade das aber ist der Ansatzpunkt der Provinzregierung. Anders als bei den früheren Fusionsgesprächen war es diesmal die Politik, die das Thema anstiess. Provinzgouverneur Leon Frissen liess bei seiner Neujahrsansprache 2008 verlauten, mit vereinten Kräften könne der Limburger Fussball zurück an die Landesspitze gelangen. Die angestrebten Europacup-Teilnahmen würden der Region, die von hoher Arbeitslosigkeit und Vergreisung geplagt ist, internationales Flair und Investitionen bringen. Limburg, dessen Hügel im Rest des Landes für Berge gehalten werden und das in den grossen Städten als «Limbabwe» verspottet wird, bekäme ein anderes Image als das der rückständigen Reservebelgier und Halbdeutschen mit dem seltsamen Dialekt.

Auch dem niederländischen Fussballverband KNVB käme eine Fusion gelegen. Um die niederländischen Ligen zu stärken, will man ohnehin die Zahl der Profiklubs begrenzen. Liquidität ist dabei das wichtigste Ausschlusskriterium. Im Herbst klopfte die Lizenzkommission Fortuna Sittard wieder einmal auf die Finger: Die Rede war vom Einstellen des Spielbetriebs innerhalb weniger Wochen. Doch Fortuna spielt immer noch. Dass dahinter die kooperative Haltung der Klubs nach anfänglicher Ablehnung der Fusion steckt, ist kein Geheimnis. Wenig erstaunlich also, dass unter den Fans weitere Gerüchte aufkommen: Roda, das sich selbst hätte retten können, sei von der Provinzregierung unter Druck gesetzt worden - mache man auf eigene Faust weiter, würde man keinen Sponsor mehr finden. Als Beleg zieht man die aktuelle Arithmetik heran: Zehn Millionen Euro von Roda plus eine von Fortuna, das ergibt immer noch ein Minus von neun im angestrebten Zwanzig-Millionen-Budget des Fusionsklubs. «Und wenn schon kein Top-Fussball, wieso dann kein Alleingang?», fragt man sich rund ums Roda-Stadion.

Vielleicht nimmt das Geschehen auf dem Rasen die Ereignisse vorweg: Das erste Heimspiel nach der grossen Aufregung vergeigte Roda jedenfalls - gegen den direkten Konkurrenten Sparta Rotterdam. Ein Abstieg wäre eine schwere Hypothek für die Fusion, das neue Prestigeprojekt der Provinz. Nach dem Spiel versammelten sich die Fans vor der Geschäftsstelle. Das Vereinswappen zierte ein Grabkranz mit Gebinde. Fäuste wurden geschwenkt, man wünschte dem Vorstand nach Landessitte den Krebs an den Hals, später gab es Ausschreitungen in der Stadt. Oben in der Businesslounge wurde getafelt. «Let’s twist again», spielte der Alleinunterhalter. Dann ging er zu Limburger Karnevalsschlagern über. Die Gäste begannen zu schunkeln.

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