Nr. 10/2009 vom 05.03.2009

Vorsicht, Blinddarm!

An den Problemen, mit denen AlbanerInnen wie SerbInnen zu kämpfen haben, hat sich auch über ein Jahr nach der Unabhängigkeit wenig geändert.

Von Jean-Arnault Dérens, Pristina

«Zu wissen, dass wir die Herren unseres Schicksals sind - das bedeutet Unabhängigkeit», sagt der enthusiastische Selim Huseini, ein Lehrer aus Pristina. Nach fast zehn Jahren als internationales Protektorat wird die neu erworbene Freiheit überall in Kosovo zur Schau getragen: Überall sieht man patriotische Parolen und Flaggen.

Am 17. Februar feierten die AlbanerInnen den ersten Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung. Zwar prägten Kinderumzüge der Schulen und Feuerwerke den Festtag, doch die Stimmung ist allgemein bedrückt. «Wir haben noch einen langen Weg vor uns, bevor wir ein Staat wie jeder andere sind», sagt Huseini.

Tatsächlich wird der Kosovo auch nach einem Jahr Unabhängigkeit erst von 54 Staaten anerkannt: Das reicht weder dazu, eine Mitgliedschaft in der Uno anzustreben, noch dazu, einer kleineren internationalen Organisation wie dem Europarat oder einem internationalen Sportverband beizutreten.

Nur auf dem Papier

Nach wie vor verurteilen Serbien und seine Verbündeten - allen voran Russland - die Unabhängigkeit Kosovos. Mit Misstrauen wird sie betrachtet von jenen Staaten, die eine Signalwirkung für andere Regionen fürchten, die sezessionistische Absichten hegen. Auch innerhalb der EU weigern sich fünf Staaten kategorisch, auf eine Anerkennung überhaupt einzugehen: Spanien, die Slowakei, Rumänien, Griechenland und Zypern.

«Unsere Unabhängigkeit ist rein formell», empört sich Rosafa Huseini, die Tochter von Selim. «Wir sind nach wie vor ein internationales Protektorat, man nennt es nun einfach anders.» Die Verantwortlichen würden ihre Zeit damit verbringen, sich gegenseitig auf die Schultern zu klopfen. Tatsächlich Entscheide fällen würden sie jedoch nicht.

Die Studentin ist Aktivistin in der Bewegung Vetevendosja (Selbstbestimmung). Diese bekämpft alle Massnahmen einer «kontrollierten» Unabhängigkeit, wie sie der Plan des Uno-Gesandten Martti Ahtisaari vorsieht. «Die Internationalen wollen uns seit Jahren die Demokratie beibringen», sagt Rosafa Huseini. «Aber es kann doch keine Demokratie geben, wenn die Bürger nicht selbst über ihre Zukunft entscheiden können.» Noch immer würden alle wichtigen Entscheide von der Uno, der EU und der Nato getroffen: «Was wir haben, ist eine Scheindemokratie. Wir sind nicht wirklich der Souverän.»

Im Dezember entsandte die EU die EULex, eine «technische» Mission, nach Kosovo, mit dem Auftrag, dem neuen Staat in den Bereichen Polizei, Justiz und Zoll rechtliche Hilfe zu leisten. Rosafa Huseini lehnt die Mission im Prinzip nicht ab, wehrt sich aber gegen die Bedingungen des Einsatzes. «Der Plan einer Umgestaltung der internationalen Präsenz in Kosovo beruht auf Verhandlungen zwischen der Uno und Serbien», sagt Huseini. Daher sei die EULex-Mission eigentlich zu einer statusneutralen Haltung verpflichtet, die Kosovos Unabhängigkeit und Verfassung nur in den albanischen Gebieten anerkennen darf, wo die Bevölkerung sie angenommen hat, nicht aber in den serbisch dominierten Gebieten.

Tatsächlich leben in Kosovo mit seinen insgesamt rund zwei Millionen EinwohnerInnen noch etwa 120 000 SerbInnen, die die Unabhängigkeit nicht anerkennen wollen. Die Bevölkerung der serbischen Dörfer in den kleinen Enklaven in albanischen Gebieten zieht den Kopf ein: «Es ist nun ruhiger», sagt Vater Miljenko, der orthodoxe Priester des Dorfes Velika Hoca im Südwesten Kosovos. «Die Albaner haben bekommen, was sie wollten, und für uns macht es keinen Unterschied.» Nach wie vor hätten die SerbInnen keinerlei Bewegungsfreiheit ausserhalb des Dorfes. «Dafür gab es im letzten Jahr keine Provokationen mehr.» Auf die Frage, ob die 700 SerbInnen des kleinen Winzerdorfes eines Tages die Institutionen eines unabhängigen Kosovo anerkennen werden, antwortet Vater Miljenko: «Die Albaner sollen zuerst unser Existenzrecht anerkennen.»

Allen geht es schlecht

In Mitrovica, einem homogen serbisch besiedelten Gebiet im Norden von Kosovo, das an Serbien grenzt, ist die Lage viel angespannter. In den letzten Wochen gab es wieder vermehrt Zwischenfälle. Noch immer ist der Fluss Ibar, der das serbische vom albanischen Gebiet trennt, eine Grenze. Nördlich davon hat sich die serbische Gemeinschaft ihre eigenen Institutionen geschaffen. Wenn der «Blinddarm» Mitrovica sich weiterentzündet, könnte das den Kosovo in eine neue Gewaltspirale stürzen.

Skender Billali, ein junger Albaner aus dem südlichen Teil der Stadt, beobachtet die markigen patriotischen Erklärungen beider Lager mit Argwohn. «Im Grunde ist das dumm. Uns geht es auch schlecht. Im albanischen Sektor haben neunzig Prozent der Jungen keine Arbeit. Und bei den Serben ist es nicht besser.»

Der Kosovo war schon das «Armenhaus» des früheren Jugoslawiens und litt unter massiver Arbeitslosigkeit. Nach dem Krieg von 1999 blieb die Situation verfahren. So liegt das grosse Minenkombinat von Trepca, einem jugoslawischen Vorzeigebetrieb, der in den achtziger Jahren noch 20 000 Leute beschäftigt hatte, grösstenteils brach. Da die Mine teils auf albanischem, teils auf serbischem Gebiet liegt, haben Streitigkeiten über Eigentumsrechte bisher verhindert, dass die Produktion wieder aufgenommen werden konnte. Auch der Metallverarbeitungskonzern Lamkos in Vushtrri, eine der wenigen Firmen, die erfolgreich privatisiert worden sind, musste wegen der weltweiten Wirtschaftskrise vor einigen Wochen Konkurs anmelden.

Sechs Jahre hatte Billali ohne Aufenthaltsbewilligung im Ausland gelebt, bevor er für die Heirat ins Land zurückkam. «In dieser Zeit konnte ich ein wenig Geld an meine Familie schicken. Aber nun muss ich wieder bei null anfangen.» Das ist nicht einfach in Kosovo, wo gemäss offiziellen Zahlen die Arbeitslosigkeit bei sechzig Prozent der Erwerbsfähigen liegt, und wo jedes Jahr 40 000 Junge die Schule abschliessen. Der Arbeitsmarkt hat ihnen nichts zu bieten. Wie alle KosovarInnen hat Skender die Unabhängigkeit gefeiert, aber er weiss genau, dass «das zum Leben nicht ausreicht».

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