Nr. 10/2009 vom 05.03.2009

Sechzig Tage Hoffnung

Regisseur Fernand Melgar erklärt, warum er seinen Film über das Empfangszentrum für Asylsuchende in Vallorbe gedreht hat, was er vom Schweizer Asylsystem hält und warum Eveline Widmer-Schlumpf seinen Film mag.

Von Silvia Süess

Es ist dunkel. Ein Mann von der Securitas schliesst ein Tor auf, macht es sorgfältig hinter sich zu und tritt in einen Innenhof. Der Lichtkegel seiner Taschenlampe fährt der Mauer eines Gebäudes entlang, verharrt kurz am Boden auf einem Schacht, streift ein Gitter, sucht die unbeleuchteten Fenster des Gebäudes. Wieder erscheint ein eisernes Tor, das der Mann mit einem Schlüssel öffnet und wieder gut verschliesst.

Jetzt ist er drin, in der Festung. «La Forteresse» («Die Festung») heisst der neue Film von Fernand Melgar, der den Alltag im Empfangs- und Verfahrenszentrum für Asylsuchende in Vallorbe VD beobachtet. Mit dem Securitasangestellten, dem die Kamera folgt, tritt man auch als ZuschauerIn ins Zentrum und erhält einen umfassenden Einblick in das Leben innerhalb dieser Festung.

Alle Menschen, die in der Schweiz Asyl suchen, gelangen in eines von fünf Empfangs- und Verfahrenszentren. Hier finden Befragungen statt, aufgrund derer entschieden wird, ob jemand Asyl erhält, vorläufig aufgenommen wird oder innert 24 Stunden das Land verlassen muss.

In «der Festung» schlafen die Asylsuchenden in Massenlagern, sie dürfen das Zentrum nur zu bestimmten Zeiten verlassen, werden mit Kameras überwacht, von Zäunen eingehegt und müssen sich beim Betreten des Gebäudes jeweils einer Leibesvisitation unterziehen. Melgar gibt die beklemmende Atmosphäre, die in solch einem Zentrum herrscht, mit schlichten Bildern wieder, zeigt aber gleichzeitig auch die Menschlichkeit, die innerhalb dieses bürokratisierten Systems existiert. Er räumt sowohl den Angestellten wie auch den Asylsuchenden viel Platz ein, beobachtet Begegnungen, Diskussionen und Stimmungen und verzichtet bewusst auf ein Opfer-Täter-Schema.

Gefilmt hat Melgar während sechzig Tagen, der maximalen Zeit, die Asylsuchende in einem Empfangszentrum bleiben. Vor Beginn der Dreharbeiten lebte er sechs Monate im Zentrum, machte dort eine Art Praktikum, begleitete die Securitas, servierte Essen, war bei den Befragungen dabei. In dieser Zeit baute er eine Nähe und eine Vertrautheit zu den Menschen im Zentrum auf, die sich im Film deutlich zeigt. Obwohl die Kamera bei sehr intimen und persönlichen Momenten anwesend ist, wirkt keine Sequenz voyeuristisch oder aufdringlich.

WOZ: Fernand Melgar, sie kamen in den sechziger Jahren als Kind spanischer Saisonniers illegal in die Schweiz. Wie sehr hat ihre Biografie damit zu tun, dass Sie «La Forteresse» gedreht haben?

Fernand Melgar: Der Auslöser zu meinem Film war die schreckliche Kampagne, die im Zusammenhang mit den Abstimmungen im September 2006 für die Verschärfung des Asyl- und Ausländergesetzes von der SVP lanciert wurde. Als die Verschärfung von 68 Prozent der Schweizer Bevölkerung angenommen wurde, fühlte ich mich um über dreissig Jahre zurückgeworfen, wie damals als Kind in der Zeit der Schwarzenbach-Initiative.

Ich begann Filme zu schauen, die es zum Asylwesen in der Schweiz gibt, und merkte, dass es fast nur militante Filme zu dem Thema gibt.

In Ihrem Film ist die Kamera eine Art neutrale Beobachterin. Man könnte Ihnen vorwerfen, dass Sie selbst keine Stellung beziehen.

Mein Film steht in der Tradition des Direct Cinema, was bedeutet, dass ich die Kamera ins Herz des Zentrums stelle und als Zeuge beobachte, was passiert. Es stimmt, es gibt Leute, die Panik bekommen, wenn sie meinen Film sehen, und mich fragen, was denn meine Haltung sei. Die Leute sind gewohnt, dass man sie an der Hand nimmt und ihnen sagt, was sie denken sollen. Das wollte ich nicht.

Werden denn so nicht einfach alle in ihrer jeweiligen Ansicht bestätigt?

Das haben mir Leute aus dem Asylwesen in der Romandie vorgeworfen; dass ich mit meinem Film die Rechte in ihrer Haltung bestätigen würde, dass sie sagen würden, es ist ja alles nicht so schlimm, wie die Linken immer sagen. Das glaub ich aber nicht. Das Erfreuliche an dem Film ist, dass ich Leute erreiche, die ich früher nie erreicht habe.

Zum Beispiel Frau Eveline Widmer-Schlumpf. Sie hat Ihren Film in Locarno gesehen und sich positiv geäussert. Gleichzeitig steht sie für eine noch schärfere Asylpolitik als ihr Vorgänger Christoph Blocher. Was halten Sie denn von ihrem Kompliment?

Eveline Widmer-Schlumpf ist eine Person, der ich intuitiv vertraue und die ich schätze. Ich kann auch nicht sagen, warum. Dass sie den Film am Filmfestival Locarno schauen gekommen ist, fand ich sehr mutig. Anschliessend sagte sie, dass der Film sie sehr berührt habe, was mich freute. Paradoxerweise deklarierte sie einen Monat später eine Verschärfung des Asylgesetzes, nämlich dass keine Asylgesuche mehr über Botschaften gestellt werden dürfen. Für mich bestätigt dies die Sackgasse, in der sich das Schweizer Asylwesen befindet. Wir müssen unbedingt unseren Blick öffnen.

Inwiefern?

Wir sehen nicht mehr, warum die Leute kommen. Wir sehen nur noch, dass sie kommen, und vergessen die globalen Zusammenhänge, die die Menschen zum Auswandern zwingen. Solange wir uns nicht ernsthaft damit auseinandersetzen, befinden wir uns in einer mittelalterlichen Schlacht, in der wir nur noch versuchen, unsere Festung zu verteidigen.

Also steht der Titel «La Forteresse» nicht nur für das Zentrum in Vallorbe, sondern auch für die Schweiz?

Er steht erstens für das Zentrum, zweitens für die Schweiz, die mit all ihren Gesetzen zur Festung wurde, und drittens für die Festung Europa. In eine Festung ist es schwierig, einzutreten, und einfach, rauszugehen. Wir sitzen in unserer Festung und glauben, von Feinden umgeben zu sein.

Sie zeigen die Wächter der Festung aber sehr human.

Ich wollte auf keinen Fall in das Opfer-Täter-Schema fallen, in dem das Gespräch um das Schweizer Asylwesen ausschliesslich geführt wird. Es ist ja nicht so, dass alle, die in Vallorbe arbeiten, böse Menschen sind, es ist viel komplizierter. Es entsteht eine paradoxe Situation, denn es sind teilweise sehr nette Menschen, die innerhalb eines schrecklichen Systems arbeiten. Sie müssen auf eine humane Art die Gesetze umsetzen, für die das Schweizer Volk gestimmt hat.

Für mich besteht das Schreckliche schon darin, dass es solche Zentren gibt. Wenn zum Beispiel die Frau am Empfang einem Asylsuchenden mitteilt, er habe innerhalb von 24 Stunden das Land zu verlassen, und das mit einem Lächeln, als ob sie ein Gipfeli verkaufen würde, dann ist das für mich grauenhaft. Diese Freundlichkeit beinhaltet eine extreme Brutalität.

Was ist denn Ihre persönliche Haltung zum Schweizer Asylwesen?

Ich habe einen grossen Respekt vor den Institutionen und vor der direkten Demokratie, die wir in der Schweiz haben. Aber ich glaube, dass die Mehrheit der Bevölkerung im Bezug auf das Asylwesen betrogen wurde: Die direkte Demokratie ist etwas sehr Zerbrechliches, und wer viel Geld hat und eine clevere Art zu kommunizieren, der kann die Leute täuschen. Das ist in der Asylpolitik passiert mit dem Diskurs über die schwarzen Schafe. Die Mehrheit der Schweizer Bürger hat 2006 für etwas gestimmt, dessen Konsequenzen sie sich nicht bewusst waren.

Und was glauben Sie, können Sie mit Ihrem Film zur Diskussion beitragen?

Ich möchte ihr wieder Nuancen geben, dazu beitragen, dass es nicht mehr nur das eine oder andere Extrem gibt. Ausserdem hat man mittlerweile vergessen, dass man von Menschen spricht, wenn man vom Asylwesen spricht. Wir reden von Zahlen und Statistiken und sehen kaum Gesichter. Etwas vom Wichtigsten für mich ist zu sagen: Vergesst nicht, dass wir von Menschen reden.

Nachtrag von 30. Juni 2011

Happy End

Der Iraker Fahad Khammas ist einer der Protagonisten in «La Forteresse» des Westschweizer Regisseurs Fernand Melgar. Der Film blickt hinter die Mauern des Empfangs- und Verfahrenszentrums für Asylsuchende im waadtländischen Vallorbe und gibt Einblick in den Alltag des Personals und der Asylsuchenden.

Kurz nachdem «La Forteresse» im März 2009 in den Deutschschweizer Kinos anlief, wurde Khammas von den Schweizer Behörden nach Schweden ausgeschafft, wo er bereits zuvor einen negativen Asylentscheid erhalten hatte. Schweden bezeichnete den Irak als sicheres Land. Aufgrund des Dublin-Abkommens trat die Schweiz auf Khammas’ Gesuch gar nicht erst ein. Dem Dolmetscher, der im Irak für US-Amerikaner gearbeitet hatte, drohte von Schweden aus eine Zwangsausschaffung in seine Heimat, wo er den Tod fürchtete.

In E-Mails informierte Regisseur Melgar regelmässig über Khammas’ Lage, doch zuletzt blieb es lange still. Dieser Tage kam eine E-Mail, in dem Melgar Frohes verkünden konnte: Khammas war die Flucht aus Schweden zurück in die Schweiz gelungen: «Nach fünfzehn kafkaesken Monaten hat Fahad im Dezember 2010 in Lausanne Marie geheiratet, seine Schweizer Verlobte, und das Recht erhalten, ein normales Leben zu führen.» Sogar sein Ingenieurstudium, das er vor vier Jahren abgebrochen hatte, konnte er wieder aufnehmen.

Da es Personen ohne gültigen Aufenthaltsstatus in der Schweiz seit Januar 2011 nicht mehr erlaubt ist, in der Schweiz zu heiraten, musste die Hochzeit noch im letzten Jahr über die Bühne gehen. Das klappte, und es wurde ein grosses Fest, bei dem Hunderte von Freunden in einem Hotel in Lausanne mit dem Brautpaar feierten. Es gibt es also doch nicht nur im Film: das Happy End.

Silvia Süess

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