Nr. 10/2009 vom 05.03.2009

Mehr als Chávez

Die Veränderungen im Venezuela der vergangenen zehn Jahre fordern und verdienen eine ausführliche historische Einordnung.

Von Sonja Wenger

An jeder Strassenecke in Venezuelas Hauptstadt Caracas sind sie zu sehen: die vielen Facetten und Widersprüche des Landes. Venezuela ist gleichzeitig das Land der Militärputsche und ein Paradebeispiel lateinamerikanischer Basisdemokratie; es verfügt über eine extrem polarisierte Medien- und Politlandschaft sowie über eine hochpolitisierte Bevölkerung; es ist genauso ein konservativer, marktkonformer Erdölstaat wie ein Experimentierfeld für den modernen sozialen Wandel; und es muss als Projektionsfläche für die Hoffnungen sozialistischer und antiimperialistischer Bewegungen weltweit herhalten.

Tatsächlich ist die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation komplex, in vielen Bereichen vertrackt und wird gerade vom Ausland als höchst widersprüchlich wahrgenommen. In vielen Darstellungen und Berichten fehlen entsprechend differenzierte Informationen.

Das Buch «Von Bolívar zu Chávez - die Geschichte Venezuelas» von Michael Zeuske bietet hier Abhilfe: Auf über 600 Seiten hat der Autor eine überwältigende Fülle von Informationen zusammengetragen, spannend geschrieben, präzise analysiert und gespickt mit aufschlussreichen Anekdoten.

Weit in die Vergangenheit

Zeuske ist Professor für iberische und lateinamerikanische Geschichte an der Universität Köln und kann also aus dem Vollen schöpfen. Um den weitreichenden Wandlungsprozess, in dem sich Venezuela heute befindet, verständlich zu machen, geht Zeuske über 500 Jahre zurück. So reiht er chronologisch die Folgen der europäischen Kolonialisierung, der grausamen Sklaverei und der «Extraktionsmaschine» von Menschen und Ressourcen auf, die das Land über Jahrhunderte an einer eigenständigen Entwicklung hinderte.

Das Buch beschreibt detailliert die Unabhängigkeitskämpfe zu Beginn des 19. Jahrhunderts, die über weite Strecken vor allem intern ausgetragene Kriege um die Macht und den Reichtum des Landes waren. Es entzaubert auch den beinahe mythischen Kult um den Staatsgründer Simón Bolívar, der bereits kurz nach dessen Tod 1830 einsetzte und bis heute andauert. Und es bietet einen fesselnden Überblick über die Biografien der Caudillos, Militärherrscher und Präsidenten des 19. und 20. Jahrhunderts.

Dem Buch gelingt zudem eine ausführliche historische wie auch geografische Einordnung vieler gesellschaftlicher Entwicklungen. Ohne Wissen um die jahrhundertelange Tradition von Armut, Gewalt und Rassismus ist das Besondere an den Verbesserungen der sozialen Situation nicht sichtbar. Der an Rhetorik überfrachtete politische Prozess ist ohne Kenntnisse der Geschichte und der historischen Vorbilder nicht verständlich. Und es wird durch die Lektüre klar, weshalb die einfach gestrickten Vorwürfe, die Wirtschafts- und Sozialpolitik der heutigen Regierung von Präsident Hugo Chávez sei nicht nachhaltig, zwar berechtigt sind, aber doch massiv zu kurz greifen.

Gelebte Widersprüche

Zeuskes Buch ist ein enorm dichter, anspruchsvoller Text, für den man sich Zeit lassen sollte. Die Ausbreitung der venezolanischen Geschichte sorgt für viele Aha-Effekte bezüglich der heutigen Berichterstattung und für mehr Verständnis für die noch immer grassierenden sozialen Defizite des eigentlich reichen Landes.

Der Autor räumt auch mit der gerne geäusserten Diffamierung auf, der demokratisch gewählte und mehrfach an der Urne bestätigte Chávez sei ein Diktator und Populist. Denn obwohl eine konstruktive Opposition fehlt, obwohl auch nach zehn Jahren Chávez keine wirklich tiefgreifenden Reformen in Sicht sind und zurzeit eine zunehmende Militarisierung des politischen Prozesses erkennbar wird, gibt es in Venezuela ein stabiles Demokratieverständnis.

Ein umfangreiches und weiterführendes Literaturverzeichnis ergänzt das Werk, das zwar detailverliebt scheint, sich aber doch durchgehend auf das Wesentliche konzentriert. Den LeserInnen bietet es so eine gründliche, nuancierte Wissensgrundlage für Diskussionen und den Reisenden einen geschärften Blick für die historischen Dauerprobleme im politisch aufgeladenen Alltag der VenezolanerInnen.

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