Nr. 13/2009 vom 26.03.2009

Eier für den Chef

In den Betrieben fliegen die Fetzen, doch die Gewerkschaften halten sich lieber zurück. Derweil gehen Millionen von ArbeiterInnen auf die Strasse.

Von Bernard Schmid, Paris

Über drei Millionen Menschen gingen - laut Gewerkschaftsangaben - letzte Woche auf die Strasse, um ihrem Ärger Luft zu verschaffen: Die Regierung solle sich davor hüten, die Kosten der Finanzkrise auf die Lohnabhängigen abzuwälzen. Die Polizei spricht von 1,2 Millionen Demonstrierenden.

Das sind Spitzenwerte, wie sie in Frankreich zuletzt bei den Protesten gegen die Aushebelung des Kündigungsschutzes im März 2006 erreicht wurden. Doch damals war dem Protest eine Dauermobilisierung mit Aktions- und Demonstrationstagen vorausgegangen - die aktuellen Proteste starteten bei null. Anders als 2006 fehlt es bei den neuen Protesten an einem einheitlichen Ziel: Damals waren sich alle Kräfte, die zu den Demonstrationen aufriefen, darüber einig, dass der Gesetzesentwurf zur Aushebelung des Kündigungsschutzes vom Tisch gehört. Heute sind die Forderungen heterogener: Die Krise ist abstrakter, und ihre Auswirkungen sind mannigfaltig. Hier nutzen die KapitaleignerInnen die Gunst der Stunde, um die Löhne zu senken. Dort, um unzählige Arbeitsplätze zu streichen und im Namen des Standortvorteils die Konkurrenz weiter anzuheizen.

Erst sparen, dann schliessen

Manchmal geschieht in einem Unternehmen auch beides, wie beim Reifenhersteller Goodyear-Dunlop in Beauvais, rund fünfzig Kilometer nördlich von Paris. In einer der beiden Fabriken gelang es der Leitung, eine Ausdehnung der Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich durchsetzen. Im direkt gegenüberliegenden zweiten Werk scheiterte sie am Protest der Belegschaft. Deshalb droht sie nun, tausend Leute zu entlassen.

In einigen Fällen werden erst schmerzhafte Einschnitte beschlossen, um den Betrieb dann dennoch dichtzumachen. So hatten die Beschäftigten des Auto- und Fahrradreifenherstellers Continental in Clairoix im September 2007 einer unbezahlten Verlängerung der Wochenarbeitszeit um fünf Stunden zugestimmt. Nun kam von oben der Beschluss, die Firma zu schliessen und über tausend Arbeitsplätze zu vernichten - weil man andernorts noch kostengünstiger produzieren kann. Die Bilder von Fabrikdirektor Louis Forzy, der am 12. März von den Beschäftigten mit rohen Eiern beworfen wurde, gingen durch Frankreich - gleichzeitig wurde der Generaldirektor von Sony Frankreich Serge Foucher eine Nacht lang von aufgebrachten ArbeiterInnen festgehalten.

Fast handgreiflich

Jüngst wollten sich einige empörte ArbeiterInnen der Fabrik auch den Vertrauensmann des eher rechtslastigen Christlichen Gewerkschaftsbunds (CFTC) vorknöpfen. Er hatte Ende 2007 im Namen seiner Gewerkschaft ein Abkommen zur Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich unterzeichnet. Fast wäre es zu Handgreiflichkeiten gekommen. Die christliche Gewerkschaft steht nun stark unter Druck - die vor Ort bislang schwächere postkommunistische CGT organisierte in der Fabrik von Clairoix einen Streik.

Am Montag wurde die Arbeit in Clairoix wieder aufgenommen - doch die Produktion kommt nur langsam in Gang: Die ArbeiterInnen haben erklärt, sie würden nur das tun, was ihnen in der jetzigen Lage zugemutet werden könne. Die Arbeit bei Continental, die im wesentlichen darin besteht, schwarzes, klebriges und stark riechendes Gummimaterial zu verarbeiten, ist hart und schmutzig - die ArbeiterInnen verdienen netto 1700 Euro.

Die Angst der Gewerkschaften

Auch bei Sony wird mit harten Bandagen gekämpft: Die Beschäftigten einer bedrohten Sony-Fabrik in Pontonx-sur-l’Adour in Südwestfrankreich lehnten den Plan der Direktion ab, einen Interessenten für den Betrieb zu suchen. Die ArbeiterInnen befürchteten, dass sie bei einem möglichen späteren Konkurs niedrigere Abfindungen erhalten würden, wenn nicht der Sony-Konzern, sondern ein kleines Unternehmen dafür aufkommen müsste. Sie wollten ihre Abfindung lieber jetzt, auch wenn sie damit ihren Job verlieren.

Die Gewerkschaftsführungen scheinen denn auch die Reaktionen der ArbeiterInnen in den einzelnen Betrieben eher zu fürchten, als dass sie sie unterstützen würden. «Die Gewerkschaften suchen Mittel, um scharfe Konflikte zu vermeiden», titelte die Pariser Abendzeitung «Le Monde» am Wochenende. So meinte der Vorsitzende der Angestelltengewerkschaft CFE-CGC Bernard Van Craeynest etwa: Es sei gut, «so viele Leute wie möglich auf die Strasse zu bringen, das vermeidet harte Konflikte».

Dagegen treten der linke Basisgewerkschaftsverband Sud - der jedoch hauptsächlich im Service public und nur in geringerem Ausmass in der Privatindustrie vertreten ist - sowie die radikale Linke verstärkt für eine Ausweitung der Kämpfe auch in den Betrieben ein. Die Führungen der Grossgewerkschaften CFDT und CGT wollen sich hingegen mit einer Demonstration am 1. Mai zufriedengeben. Am Montag werden die acht wichtigsten Gewerkschaften zusammensitzen. Dann wird sich entscheiden, welcher Flügel sich durchsetzen wird.

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