Nr. 15/2009 vom 09.04.2009

An einem grossen Donnerstag

In ihrem Romandebüt beschreibt Katharina Tanner die Identitätskrise einer Schauspielerin und alleinerziehenden Mutter. Eine Begegnung mit der Schweizer Schriftstellerin in Basel.

Von Anna Wegelin

Es ist ein frühlingshafter Morgen im März. Katharina Tanners erster Roman «Da geht sie» ist vor wenigen Tagen im Limmat-Verlag erschienen. Das Lob im SF-«Literaturclub» und die Attacke in einer Nordwestschweizer Zeitung lassen das wunderbar intensive Buch unberührt. Ich treffe die Autorin im Badischen Bahnhof in Basel: Er habe ihr das «Tor zur Welt» bedeutet, als sie noch Lehrtochter in Schaffhausen war, sagt sie. Wir reden über ihr Buch, das sie als einen Künstlerroman bezeichnet - und landen unweigerlich bei ihrer Biografie, die offensichtlich die weibliche Hauptfigur im Roman inspiriert hat.

«Da geht sie», benannt nach einem Satz im bürgerlichen Trauerspiel «Maria Magdalene» (1843) von Friedrich Hebbel, spielt vor neun Jahren an einem «grossen Donnerstag» im Leben von Lisette Winkelmann. Lisette, 33 Jahre alt und von Beruf Schauspielerin, ist soeben mit ihrer siebenjährigen Tochter Linn von Berlin nach Kreuzlingen am Bodensee gezogen. Am Abend hat sie einen Vorsprechtermin im benachbarten Stadttheater Konstanz, wo sie die Sonne im Weihnachtsmärchen «Inuk, der Eskimojunge» spielt. Lisette hofft und bangt auf einen festen Vertrag für mindestens drei Jahre. Je näher der alles entscheidende Termin heranrückt, desto überspannter und unberechenbarer wird sie. Am Ende kommt es bei einem erbarmungslosen Schauspielcoach unweigerlich zum jämmerlichen Kontrapunkt. «Lisette wählt den Gang in die sichere Bürgerlichkeit», so Katharina Tanner. Ihre tragikomische Romanheldin suche in jenen vermeintlich geschützten Verhältnissen Zuflucht, aus denen auch sie selber, die Autorin, stamme.

Lesesucht und laute Literatur

Katharina Tanner, 1962 geboren und in Schaffhausen aufgewachsen, lebt als Schriftstellerin und Buchhändlerin in Basel. Sie hat Theaterstücke, Hörspiele und Prosa geschrieben und zusammen mit Gabrielle Alioth und Corina Lanfranchi den Band «Mitgeteilt. 24 Lebensgeschichten von Frauen aus Basel-Stadt und Baselland» verfasst. Tanner, gelernte Buchhändlerin mit Zweitausbildung als Schauspielerin in Berlin, hat zwei Töchter im Alter von zwanzig und sechs Jahren. «Auch elterliche Fürsorge ist eine Berufsrealität», betont sie im Gespräch. Ihre ältere Tochter kam kurz vor Ende ihrer Schauspielausbildung zur Welt. Katharina Tanner war damals Mitte zwanzig und lebte allein mit dem Kind. Heute lebe sie bürgerlicher, erzählt die Autorin, und das sei auch gut so.

Zum Schreiben ist sie zwar über Umwege gekommen. Aber angelegt war es schon früh in ihrem Leben. «Als Kind war ich lesesüchtig», so die Autorin, deren Vater Richter und deren Mutter Journalistin bei den «Schaffhauser Nachrichten» waren. Sie habe alles verschlungen, was ihr in die Hände kam, ausser Fantasygeschichten. Als Teenager hätten sie die dokumentarischen Romane der siebziger Jahre, namentlich von Walter Kauer und Walter Matthias Diggelmann, berührt. Eine besondere Vorliebe hegte sie für die DDR-Literatur (Brigitte Reimann, Uwe Johnson, Christa Wolf und Thomas Brasch). «Das sozialistische Deutschland verkörperte für mich die grösstmögliche Fremdheit im eigenen Sprachraum», meint sie.

«Ich war eine totale Schulversagerin», fährt sie fort. Sie brach das Gymnasium ab, machte dafür in der Anti-AKW-Bewegung mit, kellnerte und fuhr manchmal mit dem Siebenuhrfrühzug mit einem Sack Gipfeli ins autonome Jugendzentrum AJZ nach Zürich. Katharina Tanner: «Ich war eine Achtziger-Jahre-Bewegte. Aber ich habe immer Mühe gehabt, mich einzugliedern.»

Ihre andere Leidenschaft neben der unbändigen Leselust war das Theater, das die Autorin als die «laute Literatur» empfand, und der AutorInnenfilm, ihre Schule des Sehens. Es muss für sie, die im familiären Umfeld eine schwere Depression miterlebte, eine Befreiung gewesen sein, im kitschigen Stadttheater Schaffhausen auf dem Fünffrankenstehplatz die Gastspiele des Zürcher Schauspielhauses mitverfolgen zu können. Rückblickend meint sie, die Arbeit am Theater «in einer der letzten patriarchalen Bastionen» habe sich für sie letztlich als «Furzidee» erwiesen. Doch wenn sie sich etwas vorgenommen habe, ziehe sie es eben auf Biegen und Brechen durch. Vor siebzehn Jahren hat sie zum letzten Mal auf der Bühne gestanden. «Aber ich erinnere mich bis heute mit jeder Faser meines Körpers an dieses Gefühl.»

Eine Art Zirkusschule

Diese kompromisslose, körperliche Leidenschaft fürs Theater gilt im besonderen Masse für ihre Romanfigur Lisette, welche die Autorin als ein «den Menschen zugewandtes Kind, am Rande einer Depression» beschreibt. Ihr «Kind», ihre «fiktive Freundin» nach jahrelanger Beschäftigung loszulassen, sei übrigens grausam.

Vielleicht seien ihr dokumentarisches Schreiben und der Buchhandel ihre «Zirkusschule», um überhaupt wieder in einen neuen fiktiven Text eintauchen zu können, sowohl psychologisch als auch finanziell, sinniert sie. Zirkusschule? Tanner bezieht sich dabei auf die Rahmenhandlung in «Da geht sie», die Lisette neun Jahre später als dreifache, bald vierfache Mutter und Ehefrau eines Arztes in Bern zeigt, die neben ihrer Familie eine eigene Zirkusschule führt. Doch Lisette habe mit sich einen geheimen Pakt abgeschlossen, weist die Autorin auf eine Stelle in der Rahmenhandlung des Romans hin. «Niemand darf wissen, dass die Zirkusschule nur ein Experiment ist, das ich jederzeit abbrechen darf», sagt Lisette Winkelmann im Roman. Lisette brauche den Fluchtweg, erklärt Tanner, sich jederzeit mit einem harten Schnitt von ihrer momentanen Existenz trennen zu können: «Viele müssen sich heute immer wieder selbst neu erfinden. Sonst wären sie verloren.» Wer könne schon mit Gewissheit sagen, dass die «Gnade der bürgerlichen Gesellschaft» ewiglich währe.

«Rollenfrei echtes Leben»

Das Gespräch ist zu Ende. Katharina Tanner geht mit dem Fotografen zu jenen Lieblingsnischen im badischen Grenzbahnhof, in denen sie, gestrandet zwischen dem Fernzug aus dem Norden und dem Bummelzug in die Ostschweiz, manchmal stundenlang wartete. Zurück lässt sie jene Lisette, die jedes und alles als Zeichen für ihre momentane Situation deutet und ihr Leben zu einer einzigen Theatervorstellung hochstilisiert - in der panischen Hoffnung, irgendwann ein «rollenfrei echtes Leben» zu führen, in dem sich normierte Verhaltensmuster endlich vollends in Luft auflösen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch