Nr. 15/2009 vom 09.04.2009

Übermütige Jäger

Eine Aussage eines Wirtschaftsethikers der Hochschule St. Gallen, ein finanzplatzpatriotischer Aufschrei und ein ängstliches Rektorat. Wie eine Nichtstory zu einem Skandal hochgeschrieben wurde.

Von Carlos Hanimann

«Wo bleibt die fundierte Kritik an der Wissenschaft der politischen Ökonomie, deren Lehrbücher doch die Drehbücher der gegenwärtigen Krise sind?», fragte diese Woche ausgerechnet die «Frankfurter Allgemeine Zeitung». «Tatsächlich ist es das naturgesetzliche Gebaren dieser Wissenschaft, das es nachhaltig zu erschüttern gilt. Aber wer macht den Erschütterer?»

Die Schweiz hat ihren Erschütterer: Ulrich Thielemann, Wirtschaftsethiker an der Universität St. Gallen (HSG) - der Mann, der öffentlich festgestellt hatte, der Schweizer Elite fehle in Sachen Steuerhinterziehung das Unrechtsbewusstsein. Damit löste er einen Wirbel aus, an dessen Ende ein lauwarmes Communiqué der Universität St. Gallen steht. Verkniffen versichert darin das Rektorat, die Meinungsfreiheit sei ein wichtiges Gut, und Professor Thielemann würde nicht entlassen. Das war am Mittwochmorgen.

Verärgert und enttäuscht über die lahme Stellungnahme, meldet sich nun auch der renommierte HSG-Professor und Wirtschaftsethiker Peter Ulrich zu Wort, der bislang bewusst geschwiegen hatte. Ulrich leitet das Institut für Wirtschaftsethik, an dem Thielemann tätig ist. Kurz vor Redaktionsschluss gewährte Ulrich der WOZ ein Interview (vgl. unten) mit der Begründung: «Ich breche mein Schweigen, weil die faire Ausgewogenheit nicht gegeben ist. Rektor Ernst Mohr weiss das.»

Was Thielemann sagte

Die Geschichte begann vor zwei Wochen. Ulrich Thielemann ahnte wohl kaum, was er damit auslösen würde, als er vor dem Finanzausschuss des Deutschen Bundestags über Steuerhinterziehung und die Steueroase Schweiz auftrat. Der Wirtschaftsethiker - selbst ein Deutscher - erklärte in einem Referat, in der Schweiz kursierten «abenteuerliche Argumente zur Rechtfertigung des Bankgeheimnisses».

In der anschliessenden Fragerunde wandte sich Ortwin Runde, ein Sozialdemokrat, an den Wirtschaftsethiker: «Wenn wir die Situation USA-Schweiz, USA-Liechtenstein sehen: Haben Sie den Eindruck, dass die Fortschritte, die dort in Richtung Anerkennung von Informationspflichten gemacht wurden, ohne die Kombination mit nationalem Druck erreicht worden wären?» Thielemann antwortete: «Mein Eindruck ist, dass in der Schweiz - und das zeigen auch die gegenwärtigen Verwerfungen - keinerlei Unrechtsbewusstsein besteht. Offenkundig hat die Schweiz nur darum Zugeständnisse gemacht, weil der internationale Druck da war.» Er bezog dies auf die Besteuerung von SteuerausländerInnen, «also Personen, die gar nicht im Lande anwesend sind, vielleicht auch niemals anwesend waren».

Es folgte ein finanzplatzpatriotischer Aufschrei, und das «St. Galler Tagblatt» machte den ehemaligen HSG-Professor Franz Jaeger zum Kronzeugen gegen Thielemann. Ausgerechnet Franz Jaeger, der sich bei seiner Abschiedsvorlesung 2007 von jenem Mann würdigen liess, der sich heute nicht einmal mehr in die «Kronenhalle» in Zürich traut: Ex-UBS-Verwaltungsratspräsident Marcel Ospel. Das «St. Galler Tagblatt» zitierte Jaeger offensichtlich nur zu gerne: Wer so unqualifiziert polemisiere wie Thielemann, «ist als Wissenschaftler an der HSG nicht tragbar».

Spottender Chefredaktor

Schweizweit droschen die Medien auf den Wirtschaftsethiker ein: «HSG-Professor verunglimpft Schweiz» («20 Minuten»), «HSG-Rektor sieht Deutsche als Rudel» («Sonntag»), «Wirtschaftsethiker unter Beschuss» («Basler Zeitung»). Die Story, die eigentlich keine war, wurde zum Selbstläufer, in dem das «St. Galler Tagblatt» eine wichtige Rolle spielte. Chefredaktor und HSG-Gelegenheitsdozent Gottlieb F. Höpli, der seinen Chefposten offiziell Ende März niedergelegt hatte, spottete in einem Frontkommentar über den «Ethiklehrer» Thielemann: «Thielemann als HSG-Institutsdirektor? Dann aber nur als Chef eines ‹Instituts für Gesinnungsethik›.» Gleichzeitig titelte der Inlandchef Stefan Schmid: «HSG lässt Thielemann fallen». Rektor Ernst Mohr hatte im Interview gesagt: «Es fällt mir tatsächlich nicht leicht, mich in dieser Situation vor meinen Dozenten zu stellen.» Und: «Jeder kann entlassen werden.» Dazu wird es nun aber nicht kommen, wie der Rektor im erwähnten Communiqué schreibt.

Die Attacken waren deftig. Inlandchef Schmid wies noch am Mittwoch mit Nachdruck auf angeblich brisante Aussagen Thielemanns hin, als wollte er ihn um jeden Preis abschiessen. Viele wagten deswegen nicht mehr, sich für ihren Kollegen Thielemann stark zu machen. «Wir stecken in einem moralischen Dilemma», sagt ein HSG-Professor hinter vorgehaltener Hand: «Einerseits wollen wir uns schützend vor unseren Kollegen stellen und uns mit ihm solidarisieren. Es geht ja um die Meinungsfreiheit. Anderseits wird derzeit jede Reaktion zu einem Schnellschuss, jede Aussage zu einer Lawine.» Es habe sich eine sonderbare Eigendynamik entwickelt. «Da ist ganz viel falsch gelaufen. Wieso hat sich Franz Jaeger überhaupt dazu geäussert? Jaeger ist ein emeritierter Professor und diskutiert in der Öffentlichkeit Personalfragen. Er konnte in Interviews seinem Übermut freien Lauf lassen und redete dabei völlig an der Sache vorbei.»

Der Wirbel um Thielemann findet in einem sonderbaren Klima statt, das an die Zeiten der «geistigen Landesverteidigung» erinnert. Just in dieser Zeit des allgemeinen finanzplatzpatriotischen Zusammenschlusses ist Ulrich Thielemann ausgeschert - und soll dafür bestraft werden. Der Anlass wurde auch gleich genutzt, um das in neoliberalen Wirtschaftskreisen ungeliebte HSG-Institut für Wirtschaftsethik zu verunglimpfen.

«Mit erstaunlich plumpen Mitteln»

«Wenn jemand glaubt, dass die Wirtschaftsethik nicht wichtig sei, dann ist er schlecht beraten», sagt der Wirtschaftsprofessor Fredmund Malik, Gründer des ausseruniversitären Malik-Management-Zentrums in St. Gallen. «Wirtschaftsethik ist gerade jetzt in der Krise wichtig. Innerhalb der Wirtschaftswissenschaften braucht es mehr kritische Positionen, sonst kommen wir nicht weiter. In den vergangenen Jahren wurde sehr viel Mainstreamökonomie nach amerikanischem Vorbild gelehrt. Jetzt sieht man, dass das ausnahmslos falsch war. Es herrscht eine grosse Hilflosigkeit und Orientierungslosigkeit.»

«Im Institut für Wirtschaftsethik haben wir an genau diesen Orientierungsfragen seit nunmehr zwanzig Jahren gearbeitet», steht im letzten Jahresbericht von Thielemanns Institut: «Und oft genug wurden wir dafür gerade von Verantwortungsträgern der real existierenden Praxis als weltfremd, wirtschaftsfeindlich oder einfach als ‹links› abgestempelt, ja bisweilen auch mit erstaunlich plumpen Mitteln (wie zum Beispiel ‹besorgten› Interventionen beim Rektorat) offen bekämpft. Zu wirtschaftsethischen Einsichten in wahrhaftiger Weise zu stehen und sich nicht opportunistisch verbiegen zu lassen, zum Beispiel um an Geldtöpfe heranzukommen, war nicht immer ein Honigschlecken.» Der Jahresbericht enthält aber auch den zuversichtlichen Satz: «Möglicherweise wird nun, im Zeichen des weitherum bekundeten Umdenkens, die anspruchsvolle und unbequeme Aufgabe, der sich die ‹St. Galler Wirtschaftsethik› verpflichtet sah, auch hierzulande von den Wirtschaftsführern etwas weniger als anstössig empfunden werden als zuvor.» Da scheint man sich im Institut getäuscht zu haben.

Die unsouveräne Reaktion des Rektorates hat zudem etwas sehr Provinzielles. Oder wie es Fredmund Malik ausdrückte: «Einige Kommunikationsberater hätten vielleicht auch eine etwas andere Vorgehensweise von der HSG vorgeschlagen. Man hätte aus einer Position der Stärke gelassen und prononciert die akademische Freiheit schützen können.» Stattdessen, sagt Malik, werde behauptet, ein einzelner Mitarbeiter habe dem Ruf der HSG geschadet. «Wenn man selbstsicher genug ist, kann die Aussage einer Person nicht den Ruf der ganzen Institution gefährden - im Gegenteil, die HSG könnte weltberühmt werden.»

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