Nr. 15/2009 vom 09.04.2009

Melken, bis die Frau weg ist

Ab 1. Mai [2009] gibt es keine Milchkontingentierung mehr. Wie geht es weiter? Es gibt zwei Möglichkeiten: solidarisch und gemeinsam oder jedeR für sich.

Von Bettina Dyttrich

«Auf der Allmend dürfen alle ihre Tiere weiden lassen. Aber wenn jeder nur seinen eigenen Vorteil sucht, ist sie bald übernutzt. Gras und Wasser werden knapp, und alle wissen: Wenn jeder ein Tier weniger auf die Allmend treiben würde, wäre das Problem gelöst. Aber alle denken: Wenn ich verzichte und mein Nachbar nicht, bin ich der Dumme.» Es ist eine alte Geschichte, die Christoph Grosjean erzählt. Sie spielt sich so ab, seit Menschen zusammen leben und wirtschaften. «Vor genau dieser Situation stehen wir heute auf dem Milchmarkt», sagt Grosjean, Kommunikationsverantwortlicher der Schweizer Milchproduzenten (SMP). «Der kurzfristige Vorteil einiger bedroht die Existenz aller.»

Weg vom Kontingent

Doch von vorne: Am 1. Mai wird die Milchkontingentierung aufgehoben. Eingeführt wurde sie 1977. Die landwirtschaftliche Produktion war seit dem Zweiten Weltkrieg enorm gewachsen. Die Erträge stiegen, die Preise sanken. Um den Einkommensverlust wettzumachen, steigerten die BäuerInnen die Produktion noch mehr. Bis niemand mehr wusste, wohin mit der Milch. Um die Milchmenge zu beschränken, teilte der Bund den Höfen Kontingente zu, die sie nicht überschreiten durften.

Die Zeiten haben sich geändert. Die Landwirtschaftspolitik orientiert sich heute am Markt, womit mit dem Abbau der Zollschranken immer mehr der EU- und Weltmarkt gemeint ist.

Die Übergangsfrist zum Ausstieg aus der Milchkontingentierung hat drei Jahre betragen. Während dieser Zeit durften die MilchproduzentInnen bereits mehr melken, als in den Kontingenten festgelegt: Sie hatten die Möglichkeit, beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) sogenannte Mehrmengen zu beantragen. Diese sollten vor allem für Exportprojekte gemolken werden – etwa, um ein Schweizer Joghurt in Deutschland zu lancieren – und den regulären Markt nicht konkurrenzieren. Die SMP und viele bäuerliche Organisationen kritisieren aber, dass das BLW viel zu grosszügig Mehrmengen bewilligt habe. Denn 2007 und Anfang 2008 war der Weltmarktpreis gut, die Nachfrage hoch – viele BäuerInnen dehnten die Milchproduktion aus.

Letztes Jahr wurde gemolken wie noch nie: mehr als 3,4 Millionen Tonnen. Im Lauf des Jahres brach die Nachfrage auf dem Weltmarkt ein, der Preis begann zu sinken. Auch der Käseexport lief nicht so gut wie erhofft: Zwar wurde 2008 mehr exportiert, aber noch stärker nahmen die Importe zu. Und seit Anfang 2009 harzen die Exporte. Mit Folgen: Wenn die Käseproduktion sinkt, wird mehr Milch zu Butter und Milchpulver verarbeitet. Jetzt sind die Butter- und Milchpulverlager so voll wie noch nie: Fast 7000 Tonnen Butter waren es Ende Februar. Und ausgerechnet in dieser schwierigen Situation soll die staatliche Mengenregelung ganz wegfallen.

Die MilchbäuerInnen können auf zwei gegensätzliche Strategien setzen: Sie können versuchen, die Menge so zu steuern, dass das Angebot die Nachfrage nicht übersteigt. Das ist nur kollektiv und organisiert möglich. Oder sie können die Menge ausdehnen und versuchen, den tiefen Preis durch die hohe Menge wieder auszugleichen. Das kann jeder für sich selber auf seinem Hof tun. Diese Strategie empfiehlt zum Beispiel Christian Gazzarin, Agronom an der Forschungsanstalt Agroscope ART, in einem Interview im «Schweizer Bauern»: «Langfristige Solidarität unter den Milchbauern wird es kaum geben. Deshalb bringt es den Betriebsleitern nichts, mit angezogener Bremse zu produzieren. Der sinkende Milchpreis drängt einige Betriebe zum Ausstieg. Diese frei werdenden Mengen können andere nutzen.» Es sei eine traurige Realität, dass ein Landwirt im Milchmarkt den Preis nicht bestimmen könne, sagt Gazzarin weiter. «Er kann nur die eigenen Produktionskosten beeinflussen.»

38 gegen 4

Christoph Grosjean von den SMP denkt anders: «Auf der Ebene des einzelnen Betriebes ist es sinnvoll, auf Grösseneffekte zu setzen – und damit auch auf Mehrmengen. Aber was passiert, wenn das alle machen?»

Und damit sind wir bei den Allmenden. Christoph Grosjean betont: «Das Verhalten, das zur Zerstörung der Allmende führt, ist menschlich und verständlich. Es braucht kollektive Entscheide und Regeln, damit das nicht passiert.» Regeln, wie sie etwa in früheren Jahrhunderten aufgestellt wurden, damit Alpweiden nicht übernutzt wurden. Oder Regeln, wie sie heute nötig wären, damit nur so viel Milch gemolken wird, wie der Markt verträgt.

Die SMP schlagen eine Segmentierung des Marktes vor: Die bisherige Kontingentsmenge (A-Segment) soll zu einem höheren Preis verkauft werden als die Mehrmengen (B-Segment). Die Bauern könnten so viel melken, wie sie wollen – aber ein Überangebot würde nicht den gesamten Milchpreis in die Tiefe reissen, sondern nur den Preis des B-Segments verschlechtern. Wenn dieser zu sehr abstürzte, würden die meisten wohl von selber aufhören, grosse Mengen für das B-Segment zu melken. So wäre der Markt ein Stück weit beruhigt.

So plausibel das tönt, so schwierig ist die Umsetzung. Denn während auf der Milchverarbeiterseite vier Grossbetriebe dominieren (Emmi, Elsa, Hochdorf und Cremo), sind die ProduzentInnen verzettelt in 38 kleinen und mittleren Organisationen zusammengeschlossen, den Produzentenorganisationen (PO) und den Produzenten-Milchverwerter-Organisationen (PMO). Viele, aber nicht alle unterstützen den Vorschlag der SMP. «Ohne Angebotsbündelung schaden sich die Produzenten gegenseitig», erklärt SMP-Sprecher Christoph Grosjean. «Alle Milchverkäufer müssen sich einig werden, eine Verhandlungsdelegation zu den Verarbeitern schicken und mit einer Stimme verhandeln.»

Fünfzehn Ukrainer für tausend Kühe

Grosjean weiss, dass die SMP-Strategie viel verlangt: «Es muss der Wille da sein von jedem einzelnen Bauern, seine Freiheit im Interesse des Ganzen einzuschränken.» Und auch die Produzentenorganisationen müssten solidarisch sein und sich wehren, wenn sie von den Verarbeitern ungleich behandelt würden – «wenn eine Molkerei zum Beispiel von einer PO hundert Prozent der Menge als A-Milch abnimmt und von einer anderen nur fünfzig».

Solche Grundsätze waren in den letzten Jahren nicht gefragt. Die neoliberalen Ideen, die den Einzelkämpfer, die Freiheit des Individuums ins Zentrum stellen, haben auch die Bauern geprägt.

Werner Locher ist Bauer in Bonstetten im Knonauer Amt. Er hat vierzig Kühe, die im Jahr 220 000 Liter Milch geben. Er hatte bisher ein Jahreseinkommen von 45 000 Franken. Wenn der Milchpreis um 20 Rappen sinkt, wie viel bleibt ihm dann?

Werner Locher ist auch Sekretär von BIG-M, der Bäuerlichen Interessengruppe für Marktkampf. BIG-M hat letztes Jahr im Frühsommer den Milchstreik organisiert und koordiniert, mit dem die MilchbäuerInnen eine kurzfristige Preiserhöhung von sechs Rappen pro Liter erreichen konnten (siehe WOZ Nr. 23/08). Die Organisation versteht sich als Gewerkschaft der MilchbäuerInnen. «Wir vertreten uns selbst und sind unmittelbar von unserem Erfolg oder Misserfolg betroffen. Wenn ein Vorstandsmitglied aufhört, Milch zu produzieren, muss es den Vorstand verlassen.»

«Immer tiefere Preise und gleichzeitig hohe Qualität geht einfach nicht», gibt Werner Locher zu bedenken. «Die Milchqualität in der Schweiz verschlechtert sich von Jahr zu Jahr. Auch der Antibiotikaverbrauch steigt laufend. Das hat direkt mit dem Stress zu tun: Die Viehherden werden immer grösser, der Bauer hat immer weniger Zeit für das einzelne Tier. Früher brachte man die meisten Euterentzündungen ohne Antibiotika weg. Man musste sich einfach den ganzen Tag um die Kuh kümmern, alle zwei Stunden ein wenig melken. Dafür hat heute niemand mehr Zeit.»

Christoph Grosjean erzählt: «Wenn Bauern aus Deutschland in die Schweiz kommen, können sie fast nicht glauben, dass bei uns die Bauern noch eine individuelle Beziehung zu den Tieren haben. Wer dreissig, vierzig Kühe hat, kennt noch ihre Namen und Eigenarten. Sie sind mehr als nur ein Produktionsfaktor. In einem Betrieb mit tausend Tieren ist das nicht mehr vorstellbar.»

Betriebe mit tausend Kühen gibt es zum Beispiel in Ostdeutschland. Auch dazu eine einfache Rechnung: «Eine Arbeitskraft kann etwa fünfzig Kühe melken und betreuen», sagt Bauer Werner Locher. «Ein solcher Betrieb müsste also zwanzig Angestellte haben. Auch wenn er nur fünfzehn einstellt und es schlecht bezahlte Ukrainer sind – bei den heutigen Milchpreisen reicht es für die Lohnkosten nicht mehr.»

Locher und andere BIG-M-Mitglieder glauben nicht mehr an den Wachstumskurs, auf den das BLW setzt. Obwohl viele von ihnen lange genau das gemacht haben, was der Bund empfahl: Wachsen und Spezialisieren. «Langsam fragen sich die Leute schon, wohin das führt, wenn sie dreimal mehr Kühe haben als vor zwanzig Jahren und trotzdem weniger verdienen. Man rennt immer hinterher und kommt nie an ... Klar, es gibt Bauern, die diese Entwicklung begrüssen. Die sagen: «Der Bund soll die Direktzahlungen für die Kleinen streichen, damit das Land für uns frei wird.» Zu denen sage ich: Schaut doch über die Grenze!» Locher kennt zum Beispiel dänische Bauern, die versuchen, allein über hundert Kühe zu bewältigen. «Die rennen bald 24 Stunden am Tag in den Stallstiefeln herum, den meisten ist die Frau weggelaufen, und der Durchschnittsbetrieb hat vier Millionen Euro Schulden.»

Zusammenbruch und Selbsthilfe

Was passiert, wenn sich die MilchproduzentInnen bis zum 1. Mai nicht einigen können? «Dann unterbieten sich die Produzenten gegenseitig, und der Preis bricht zusammen», fürchtet Christoph Grosjean. «Wenn der Leidensdruck steigt, wird wahrscheinlich auch die Bereitschaft zu gemeinsamen Massnahmen grösser. Wie vor hundert Jahren, als sich bedrängte Bauern zu landwirtschaftlichen Genossenschaften zusammenschlossen.» Doch noch hoffen die SMP auf eine Einigung. Hansjörg Walter, der Präsident des Bauernverbandes, hat Ende März die Initiative ergriffen, um eine neue Branchenorganisation zu gründen, in der Produzentinnen, Verarbeiter und Grossverteiler vertreten wären. Eine solche Organisation habe aber nur einen Sinn, wenn sie eine grundlegende Diskussion über die Zukunft der Milchbranche führe, meint BIG-M-Sekretär Werner Locher. Nicht nur über Preise, sondern auch über Strukturen und Löhne von landwirtschaftlichen Angestellten. «Darum sollten darin auch Konsumentenorganisationen und Gewerkschaften vertreten sein.»

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