Nr. 15/2009 vom 09.04.2009

Vergrab deine Kohle an der Biegung des Flusses

Terra Preta, die Schwarzerde aus dem Amazonasbecken, soll landwirtschaftliche Erträge steigern und als «Bioholzkohle» das Klima schützen. Doch eierlegende Wollmilchsäue gibt es nicht.

Von Wolfgang Pomrehn

Es ist eine alte Kulturtechnik, die fast in Vergessenheit geraten war. Nur im indischen Bundesstaat Orissa wird sie heute noch praktiziert. Einst aber ermöglichte sie im Amazonasbecken Südamerikas ein blühende Zivilisation: Terra Preta, schwarze Erde, die den Böden ungewöhnliche Fruchtbarkeit verschafft. In den letzten Monaten hat sie eine Medienkarriere als das neuste Allheilmittel gestartet: WissenschaftlerInnen wie der neuseeländische Energiefachmann Peter Read rühren die Werbetrommel für einen Ansatz, der zugleich das Klimaproblem zu lösen und die Welternährung zu sichern verspricht.

Rätselhafte Fruchtbarkeit

Für gewöhnlich sind in den Tropen, auch in den Regenwäldern, die Böden sehr karg. Die meisten Nährstoffe, wichtige Spurenelemente und auch der Kohlenstoff, einer der Grundbausteine des Lebens, sind in Pflanzen und Tieren gebunden. Was abstirbt, wird binnen Tagen und Wochen von Pilzen, Würmern und Bakterien umgewandelt. Anders als in den gemässigten Zonen bildet sich so gut wie keine Humusschicht, die Kohlenstoff und andere Mineralien über längere Zeit abspeichert.

Entsprechend ermüdet der Boden schnell, wenn der Wald gerodet und durch Äcker oder Weiden ersetzt wird. Mit Kunstdünger kann der Prozess bestenfalls ein wenig hinausgezögert werden. Daher nahm man lange Zeit an, dass sich in den tropischen Regenwäldern keine städtischen Zivilisationen haben herausbilden können, weil der Boden dort nicht genug Menschen ernährt. Grössere Siedlungen hätten mit den beschränkten Transportmöglichkeiten präkolumbianischer Zeiten Schwierigkeiten gehabt, genug Nahrungsmittel heranzuschaffen.

Tatsächlich aber haben ArchäologInnen bereits vor geraumer Zeit Hinweise auf grosse Ansiedlungen am Amazonas und seinen Nebenflüssen gefunden. Einige Wissenschaftler wie Bill Petersen von der University of Vermont in den USA meinen gar, dass dort das sagenhafte El Dorado zu suchen sei, jene mythische Goldstadt, von der der spanische Konquistador Francisco de Orellana nach seiner Reise entlang des Rio Negro im Amazonasgebiet berichtete und die so viele Abenteurer vergeblich suchten.

Klar ist, was diese alte, versunkene Zivilisation im Amazonasbecken ermöglichte: eben die besagte, sehr fruchtbare Schwarzerde oder Terra Preta, wie sie auf Portugiesisch genannt wird – Boden, der mit Holzkohle, Exkrementen, Fischgräten, Tonscherben und anderen Abfällen angereichert ist, oft bis in Tiefen von einem Meter und mehr. Flecken mit solcher Schwarzerde hat man in zahlreichen Ecken der grossen Urwaldregion gefunden.

Unklar ist, ob Terra Preta eher zufälliges Ergebnis einstiger Abfallbeseitigung oder eine bewusst angewandte Technik war. Aktuelle Beobachtungen in Indien lassen eher darauf schliessen, dass auch in Südamerika die BäuerInnen den Boden sehr gezielt verbesserten. Erstaunlich ist auf jeden Fall, dass der Boden seine besondere Fruchtbarkeit bewahrt hat – auch viele Jahrhunderte nach dem Untergang der Städte, die er einst ernährte, und nachdem der Urwald sich die Gärten und Äcker längst zurückgeholt hatte.

In Brasilien wie auch anderswo wird mittlerweile im Rahmen von Forschungsprojekten versucht, den Eigenschaften der schwarzen Erde auf die Spur zu kommen und sie zu reproduzieren, um die vergessenen Erfahrungen für die heutige Landwirtschaft nutzbar zu machen. Das Zentrum der brasilianischen Forschung ist in der Amazonasmetropole Manaus beheimatet, die einst durch den Handel mit Kautschuk zu grossem Reichtum und internationalem Ruhm gelangt ist.

Neue Treibhaussenke?

Die schwarze Erde birgt aber noch einen anderen interessanten Aspekt – und der hat in der letzten Zeit die Aufmerksamkeit mancher KlimaschützerInnen auf sich gezogen: Die Holzkohle, ein zentraler Bestandteil der Wundermischung, bleibt sehr lange erhalten. Bakterien, Würmer und chemische Prozesse können ihr kaum etwas anhaben. Sie speichert also den Kohlenstoff, der in Form von Kohlendioxid Hauptverursacher des menschgemachten Treibhauseffektes ist, langfristig im Boden – mindestens für etliche Jahrhunderte, vermutlich sogar weit über tausend Jahre.

Eine verlockende Erkenntnis für Klimaforscher wie James Hansen, Leiter des in New York ansässigen Goddard Institute for Space Studies der Nasa. Er argumentiert, die CO2-Konzentration in der Luft müsse langfristig wieder auf das vorindustrielle Niveau heruntergefahren werden. Anders sei nicht zu verhindern, dass die Gletscher auf Grönland und in der Westantarktis verschwinden und dadurch der Meeresspiegel um bis zu zwölf Meter ansteigt. Sollte Hansen recht behalten, dann wird es nicht reichen, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Die Menschheit müsste in den nächsten Jahrzehnten nach Wegen suchen, der Atmosphäre einen Teil der schädlichen Gase wieder zu entziehen.

Seit dem Beginn der Klimadiskussion Ende der 1970er Jahre mangelt es nicht an allerlei grosstechnischen Lösungsfantasien. Mal sollen Spiegel im Orbit installiert werden, die einen Teil der Sonnenstrahlung ablenken, mal träumt man davon, das Meer mit Eisenverbindungen zu düngen, damit Algen Kohlenstoff aufnehmen und am Meeresboden deponieren. Das sogenannte Geo-Engineering boomt.

Allerdings hat ein deutsch-indisches Experiment im südlichen Atlantik erst vor wenigen Wochen demonstriert, dass eine Eisendüngung der Meere kaum erfolgversprechend sein wird. Damit dürfte dieser mechanistische Ansatz aber noch längst nicht vom Tisch sein. Bereits Ende März hat die Ökonomin Christine Bertram vom Kieler Institut für Weltwirtschaft, einem der deutschen Flaggschiffe des Neoliberalismus, die Eisendüngung der Meere wieder aufgewärmt. Findige Unternehmen wie Climos aus San Francisco würden diesen Ansatz nämlich nur allzu gern im Rahmen des internationalen Emissionshandels versilbern.

Eine ähnliche Diskussion bahnt sich im Zusammenhang mit Terra Preta an. In den derzeit laufenden Vorverhandlungen für die Uno-Klimakonferenz in Kopenhagen kursieren bereits Vorschläge, Entwicklungsländer mit viel Land könnten Holzkohleprojekte im grossen Stil aufziehen und dafür Emissionsrechte an Industrieländer verkaufen. Mit anderen Worten: Der Norden wirtschaftet weiter wie bisher, und im Süden werden dafür Wälder zu Holzkohle verarbeitet.

Besser: lokal handeln

Dabei ist noch nicht einmal der Prozess vollständig verstanden, der zur Verbesserung des Bodens führt. Nur so viel ist sicher: Zermahlene Holzkohle allein reicht nicht. Sie liefert lediglich die Matrix, in deren Poren sich andere Nährstoffe und auch Wasser sammeln und so länger im Boden gehalten werden können. Eine grossflächige Erprobung von Terra Preta steht noch aus. Zudem hängt ihre Wirksamkeit zur Bodenverbesserung auch von lokalen Faktoren ab. Entsprechende Forschung müsste also regional ausgerichtet werden, und ein einziger globaler Standard, wie er für die Aufnahme des Verfahrens in den internationalen Emissionshandel notwendig wäre, scheint nicht in Sicht.

BefürworterInnen betonen, dass es nicht um die Verkohlung bestehender Urwälder ginge. Der britische Autor Chris Goodall träumt zum Beispiel davon, 200 Millionen Hektar Savannen und anderes «wertloses» Land in Holzplantagen umzuwandeln, die für die «Bioholzkohle» anzupflanzen wären. Das entspricht zwei Dritteln der Fläche Indiens. Peter Read will gleich 1,4 Milliarden Hektar, eine Fläche etwa eineinhalbmal so gross wie China, in Plantagen verwandeln.

Sogenannt «wertloses» Land allerdings ist meist bewohnt. Darauf hat der Publizist George Monbiot kürzlich in einer Kontroverse hingewiesen, die in der britischen Tageszeitung «Guardian» geführt wurde. Zahlreiche Kleinbauern und Ureinwohnerinnen in Ländern wie Brasilien, Paraguay und Argentinien sind bereits wegen des Anbaus von Eukalyptusplantagen oder Sojafeldern vertrieben worden. Seit den Kolonialzeiten ist auf allen Kontinenten die Industrialisierung der Landwirtschaft mit Vertreibung, Elend und viel Gewalt verbunden gewesen. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass dies im Falle einer grosstechnischen Holzkohleproduktion anders verliefe.

Mit all dem soll nicht gesagt sein, dass die Terra Preta eine vollkommen unsinnige Angelegenheit ist. Als ein Mittel von vielen zur Bekämpfung des Treibhauseffekts ist sie sicherlich sinnvoll. Insbesondere dort, wo das Ausgangsprodukt Abfallstoffe sind. Im Prinzip lässt sich mit dem sogenannten Pyrolyseverfahren nämlich so ziemlich jedes organische Material in Holzkohle verwandeln. Man muss es nur unter Sauerstoffabschluss bei ausreichender Hitze verschwelen. Aus einem Teil des Materials entsteht dabei gasförmiges Kohlenmonoxid, das zur Energiegewinnung verbrannt werden kann.

In Bingen am Rhein in Rheinland-Pfalz steht zum Beispiel seit neuestem eine kleine Pilotanlage, die das Verfahren für Klärschlamm demonstriert und zugleich ein übelriechendes Abfallprodukt elegant beseitigt. Bruno Glaser, der an der Universität Bayreuth zu Terra Preta forscht, schätzt, dass in Europa durch die konsequente Verschwelung aller Bioabfälle aus Haushalten und Gewerbe sowie der Abfälle der Landschaftspflege jährlich Kohlenstoff gebunden werden könnte, der etwa neun Prozent der Emissionen entspricht. Das wäre noch nicht der ganz grosse Wurf, aber immerhin ein wichtiger Beitrag zur Kohlendioxid-Reduktion.

Siehe auch das WOZ-Dossier zum Klimawandel.