Nr. 16/2009 vom 16.04.2009

Mystischer Angelpunkt

Russland bleibt vielen Menschen ein Rätsel. Daran wird auch das neue Buch von Kai Ehlers über die «Mission» Moskaus wenig ändern.

Von Thomas Bürgisser

«Mit dem Verstand ist Russland nicht zu fassen», schrieb Fjodor Tjuttschew 1866: «An Russland kann man einzig glauben.» Seither werden diese Zeilen des russischen Lyrikers von allen zitiert, denen es zu kompliziert wird mit dem wilden Osten. Im Einklang mit der «russischen Seele» bilden sie das einfach gestrickte Erklärungsmuster für all die Dinge, die «man» bei diesen verrückten RussInnen halt einfach nicht verstehen kann.

In die Schublade der oberflächlichen westlichen BeobachterInnen lässt sich der Publizist Kai Ehlers, der zahlreiche fundierte Schriften zu Russland verfasst hat, nicht zwängen. Dennoch beschwört er mit seinem neuesten Buch ein verstörendes Bild des Landes, das bei ihm mehr «mystische Kraft» als Staat und Gesellschaft ist. Im Dialog mit dem russischen Literaten und Journalisten Jefim Berschin tastet sich Ehlers mutig an die ganz grossen Fragen heran. Auch die Textart ist gewagt: Ein jahrelanger Briefwechsel und die Transkription persönlicher Gespräche in einer Moskauer Vorstadtwohnung bilden die Basis für den Weg durch das «Labyrinth der russischen Wandlungen». Gang um Gang umkreisen Ehlers und Berschin den Gedanken, dass Russland die globale Konsumgesellschaft überwinden könne. Als eurasischer Angelpunkt, als Synthese zwischen Europa und Asien, zwischen «Westen» und «Ewigkeit», sei es dazu auserkoren, der Welt mit seiner Integrationskraft Impulse zu einer «ethischen Erneuerung» zu geben.

Slawophile Klassiker

Diese Idee ist nicht originell: Spätestens seit dem frühen 19. Jahrhundert ist es die Gretchenfrage der russischen Geisteswelt, ob das Land denn nun zu Europa oder zu Asien gehört - oder etwas ganz Eigenes ist. Und welche Aufgaben dem Land aus dieser Rolle erwachsen. In der einflussreichen politisch-philosophischen Bewegung der Slawophilen sinnierte man bereits damals über die russische Identität als «Sonderweg», der vornehmlich an der bäuerlichen Lebensweise und Tradition festgemacht wurde. Zentrale Punkte sind der kollektive und autarke Geist der russischen Dorfgemeinde, Eigenheiten russisch-orthodoxer Spiritualität oder die Identität des Landes als Vielvölkerreich. Das Gedankengut der Slawophilen beeinflusste sozialistische wie nationalistische Strömungen und wirkt bis in die Gegenwart hinein. Vor allem die postsowjetische Sinnkrise machte das Studium der slawophilen Klassiker wieder attraktiv.

Auch Kai Ehlers und Jefim Berschin einigen sich darauf, dass Russland eine «eigene historische Entwicklung» durchgemacht hat. Das erstaunt wenig: Welche Nationalgeschichte beansprucht das nicht? Aus einer diffus bleibenden «russischen Mentalität» leitet Ehlers dann spezifisch russische historische Gesetzmässigkeiten ab, eine Art «dialektischen Messianismus» zwischen Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Karl Marx und irgendwelchen unsichtbaren Kräften.

Dabei droht er denjenigen aus den Augen zu verlieren, der wirklich Geschichte macht: den Menschen als historischen Akteur, von dem zwar ständig die Rede ist, der aber in diesem intellektuellen Zwiegespräch kaum zu Wort kommt. Russland verkommt bei Ehlers zuweilen zu einer reinen Projektionsfläche antikapitalistischen Wunschdenkens, die wenig mit den Realitäten in Geschichte und Gegenwart zu tun hat. Auch Wladimir Putins autoritäre Herrschaft wird in dieser Logik zum «unvermeidlichen Ausdruck der russischen Transformation in der bestehenden Phase», seine 1999 von oben initiierte «Revolution» zum ersten Schritt in eine lichte Zukunft.

«Gute ImperialistInnen»

Die Konsequenz dieser Gesetzmässigkeiten führt zu groben Schnitzern: So zeichnen die beiden ein Bild des russischen Kolonialismus, der «seinem Wesen nach sammelnden und nicht erobernden Charakter» habe und schlicht «Kultur in andere Territorien», in die «Wildnis», trug. Damit reden sie einem grossrussischen Chauvinismus das Wort. Um materielle Interessen sei es den russischen ImperialistInnen nie gegangen, behauptet Berschin und leitet daraus den Anspruch ab, das Reich könne nur als Ganzes existieren, «könne nicht in einzelne Völker auseinanderdividiert werden». Dass solch hanebüchene Aussagen fast widerspruchslos Eingang in das Buch gefunden haben, erstaunt - bedenkt man, welch profunder Kenner der peripheren Kulturen Russlands Ehlers eigentlich ist.

Das Werk hat durchaus seine Qualitäten. So bringen die Gesprächspartner sehr treffend die verheerenden Auswirkungen der Transformationszeit zu Beginn der neunziger Jahre zum Ausdruck. Gekonnt analysiert Ehlers Merkmale gesellschaftlicher Entwicklung, die auf eine lange Tradition zurückblicken - wie etwa die Solidarstruktur der Grossfamilie oder die Subsistenzwirtschaft als Ergänzung zur Industriewirtschaft. Auch werden den LeserInnen en passant einige der schönsten Perlen russischer Kulturgeschichte präsentiert. Gerade im Kontrast zu den gelungenen Passagen muss das Buch mit seinem Anspruch, die Welt mit einer «russischen Idee» von ihren Globalisierungsleiden erlösen zu wollen, scheitern. Wer trotzdem gerne an Russland glauben möchte, dem sei das Buch jedoch wärmstens empfohlen.

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