Nr. 16/2009 vom 16.04.2009

Neues zum Gitarrengott

Von Florian Vetsch

Auch wenn Klaus Theweleit und Rainer Höltschl den bekannten Dichterfotografen Ira Cohen in ihrer neuen Hendrix-Biografie als Fotografin bezeichnen und die psychedelischen Mylar-Fotos ausser Acht lassen, die Cohen in New York von der Experience mit Hendrix, Noel Redding und Mitch Mitchell gemacht hat, und auch wenn sie dem uralten Topos der Frühvollendung von Hendrix anhängen, ist ihnen ein aufschlussreiches Buch gelungen: aus musiksoziologischer Sicht zumal.

Theweleit und Höltschl verstehen Jimi Hendrix als Schlüssel zum Verständnis der Kräfte, die eine Epoche vorantreiben: «Hendrix ist eine der Kräfte, die in der Lage sind, das, was man einen dynamisierten ‹Tötungsunwillen› nennen könnte, bei Leuten, die sich auf ihn einlassen, zu erzeugen oder zu verstärken. Eine riesenhafte Antizerstörungskraft, die an Körperumbauten bastelt und diese Kraft leichter Hand (...) unter die Leute wirft. Etwas, das Liebende können, Mütter manchmal, und Kunst, die Geräte der Electric Love. (...) Sie setzen (...) alles ausser Kraft, was bis in die sechziger Jahre (...) nach einigermassen geteilter (verlogener) Übereinkunft in der westlichen Welt als ‹Moral› galt.» Besser kann man Hendrix’ Wirkung nicht beschreiben. Ein helles Licht werfen die Biografen zudem auf seine Kindheit, den Dienst bei der Army als Fallschirmspringer, den Tod seiner Mutter und das ambivalente Verhältnis zum Vater, auf Hendrix’ exorbitanten Drogengebrauch, politische Solidaritäten, die Todesumstände ...

Die Musik aber bleibt das Zentrale: die unvordenklichen Spieltechniken des Gitarrengotts und seine musikalischen Wurzeln, der Weg, der zur «free form» führte, zum «unbegrenzten und ungehemmten kreativen Ausdruck». Feinsinnig betten die Autoren Hendrix’ Lyrics in den biografischen Kontext ein, entwickeln seine Kosmologie voller geflügelter Wesen und Raumfähren. So erschliesst das Buch den Zugang zu Hendrix’ Musik auch für NeueinsteigerInnen.

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