Nr. 19/2009 vom 07.05.2009

Am Wegrand rostet Kunst

Die lärmigen und die stillen Täler: In Friaul, im Nordosten Italiens, gibt es noch viele Fussreisen zu machen.

Von Bettina Dyttrich

Wer wandert, kann viele Gründe haben. Die einen möchten ganz hoch hinauf, andere suchen seltene Blumen, manche wollen es idyllisch und fahren dafür möglichst weit in die Täler und Wälder hinein. Aber wer einen Ort, eine Gegend zu verstehen versucht, geht anders vor. Bleibt auch einmal trotz Autobahnlärm im Tal, schaut sich im Sommer auf Skipisten um oder erkundet Vorstadtsiedlungen und Industriegelände.

Solcherart Wanderer sind Wilhelm Berger, Sozialwissenschaftler, und Gerhard Pilgram, Geschäftsführer des Klagenfurter Universitätskulturzentrums Unikum. Sie wandern schon lange zusammen und ziehen dabei immer weitere Kreise: Zuerst erforschten sie in «Kärnten. Unten durch» die unheimliche Heimat, dann zogen Berger und Pilgram über die Berge nach Ljubljana («Slowenien entgegen», 2004), zwei Jahre später schon bis nach Triest («Das Weite suchen», siehe WOZ Nr. 51/06).

Autobahn und Hitler-Wein

Jetzt gehts, unterstützt vom Historiker Werner Koroschitz und von der Dramaturgin Annemarie Pilgram-Ribitsch, in die südwestliche Nachbarregion Friaul. Viele ÖsterreicherInnen kennen sie vom Durchrasen, es ist für sie der schnellste Weg ans Mittelmeer. Oder vom Einkaufstourismus in Tarvisio, wo es neben Billigkleidern und Steinpilzen auch Wein mit Hitler-Etikett zu kaufen gibt - in Italien ist das nämlich erlaubt.

Weiter südlich wirkt der Transitkorridor noch düsterer. Neben der Autobahn verfallen die Ortschaften, es gibt fast keine Landwirtschaft mehr, nur noch Gestrüpp. Das Urner Reusstal ist idyllisch dagegen. Und ausgerechnet hier gehen die AutorInnen wandern. Zwar brauche es dafür ein «Mindestmass an Masochismus». Aber sie entdecken Erstaunliches: «In den schmalen Gassen östlich der Via Roma finden sich Spurenelemente des Jugendstils in Gestalt verrosteter Gitter und erodierender Stuckaturen; ein Gartentor oxidiert in Vasarely-Manier; Garagenfenster, die mit gekalkter Wellpappe verkleidet sind, lassen an Arte-povera-Collagen denken.»

Ähnlich begeistert sind die AutorInnen von den Industrieruinen des stillgelegten Bergbaugebietes Cave del Predil: «Eine morsche Säule aus Beton weist den Weg zu zwei Ungetümen auf Stelzen, deren nackte Treppenaufgänge von M. C. Escher entworfen sein könnten ...» Auch darum kann es beim Wandern gehen: um das Entwickeln einer eigenständigen Sehweise.

Friaulische Viersprachigkeit

Aber immer an solche Orte wollen selbst sie nicht. Müssen sie auch nicht, denn es gibt in Friaul viele Seitentäler, in denen der Wald genauso endlos scheint wie die Ruhe. Zum Beispiel das Resiatal, Ausgangspunkt für Exkursionen in den Parco Naturale delle Prealpi Giulie mit seinen wilden und zerklüfteten Kalkbergen. Hier wird ein slowenischer Dialekt gesprochen, der sich ganz anders entwickelt hat als die Sprache jenseits der Grenze. Friaul ist seit Jahrhunderten mehrsprachig: friaulisch, slowenisch, italienisch und deutsch. Im Buch ist viel über die Geschichte der slowenischen Minderheit zu erfahren, die unter Benito Mussolini unterdrückt wurde. Und über andere traurige Geschichten, zum Beispiel die Schlächtereien während des Ersten Weltkriegs an der Isonzofront.

Es ist nicht immer einfach, das Wissen um vergangenen Horror in einer schönen Landschaft auszuhalten. Aber das Wandern ist keine schlechte Tätigkeit für die Auseinandersetzung damit. Kernstück des Buches ist eine sechstägige Rundwanderung in den Valli del Natisone, einem Voralpengebiet an der slowenischen Grenze. Einst kam hier das österreichisch-ungarische Heer über die Grenze. Später verlief hier die Trennlinie zwischen Westen und Osten. Heute ist die Grenze wieder offen. Hin und wieder überquert sie ein Bär.

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