Nr. 20/2009 vom 14.05.2009

Witwen weinen, Waisen jammern

Sein neues Album «Together through Life» ist eine Sommerplatte und musikalisch sowie gesanglich ein Ereignis. Doch der ganz grosse Song fehlt.

Von Günter Amendt

Da hat sich einer ganz schön weit vorgewagt. Unter der Überschrift «Ein einziger majestätischer Tanz» veröffentlicht die «Süddeutsche Zeitung» eine halbseitige, gross aufgemachte Besprechung von Bob Dylans neuem Studioalbum «Together through Life». Dieses Album sei, so Willi Winklers euphorische Konklusion, «das Beste, Schönste und Grösste, was der Meister in den letzten dreissig Jahren ausgeliefert hat». Als ich das las, hatte ich die Platte noch nicht gehört. Was auf dem Vorweg im Internet zu hören war, klang auf den Miniboxen meines Laptops nicht besonders aufregend. Also war ich, als ich das Album schliesslich in den CD-Player schob, gespannt, ob sich Winklers Euphorie, die er mit vielen weiteren KritikerInnen teilt, auf mich übertragen würde.

Der erste Eindruck: ein neuer Sound, ein frischer Wind. Auf seinem Weg ins «amerikanische Urstromtal» (Willi Winkler) ist Dylan endgültig im Süden des Landes angekommen. Hier, im Kernland des Blues, singt er im Ton der grossen Alten, die in dieser Landschaft ihre Bluesspuren hinterlassen haben. Spätestens mit «Time out of Mind» (1997) war dieser Weg vorgezeichnet. Und wer das bewegende New-Orleans-Kapitel in Dylans «Chronicles. Volume One» gelesen hat, weiss, wie sehr ihn die Magie dieser Landschaft erfasst hat, in der die Geister der Vergangenheit so gegenwärtig sind und die Toten des Bürgerkrieges nicht zur Ruhe kommen.

Beschwingt in den Untergang

In den zehn Songs, die Dylan, von einer Ausnahme abgesehen, gemeinsam mit Robert Hunter, dem Texter der Grateful Dead, verfasst hat, geht es - wie fast immer bei Dylan - um sehnsuchtsvolle Liebesbekundungen und vergebliche Liebesmüh. Die Welt, in der sich der Sänger abmüht, ist aus den Fugen geraten. Das war sie schon in den vorangegangenen Alben. Dylans Weltsicht ist apokalyptisch, daran sollte man sich gewöhnt haben. Was den Unterschied ausmacht zu den Vorgängeralben, ist die merkwürdig beschwingte Stimmung, die das neue Album vom ersten Song an auslöst, obwohl doch die Themen, um die es geht, alles andere als gute Laune versprechen. Das liegt an den Arrangements und der Rolle, die Dylan dem Akkordeon von David Hidalgo zuweist. Wie schon bei «Love and Theft» (2001) hat Dylan unter dem Pseudonym Jack Frost auch dieses Album selbst produziert. Banjo, Mandoline, Geige und Trompete verstärken den kreolisch-melancholischen Latinsound, den Hidalgos Akkordeonspiel vorgibt. Neben Donny Herron, der auch noch die Steel-Guitar bedient, George Recile am Schlagzeug und Tony Garnier am Bass hat Dylan erneut Mike Campbell von den Heartbreakers ins Studio gebeten. Was diese Studioband abliefert, hört sich wirklich gut an. Es weckt Erinnerungen. Denn dies ist nicht der erste Ausflug, den Dylan in die musikalischen Gefilde jenseits des Rio Grande unternommen hat. Bereits in den siebziger Jahren hatte er eine Romanze in Durango. Und als Sheriff Pat Garrett die Jagd auf Billy the Kid eröffnete, war er mit der Gitarre dabei.

Musikalisch ist das neue Album zweifellos ein Ereignis. Auch gesanglich. Jedem der zehn Songs gibt Dylan eine eigene Stimme. Sein Ausdrucksvermögen ist beeindruckend. Grosses Stimmtheater. Er singt in den unteren Tonlagen. Es ist die Stimme seiner Liveauftritte in den letzten Jahren. Sie ist rau und heiser. Doch sie klingt unangestrengt und ist reich an Nuancen bis hin zu den leisen Tönen. Dylan wollte unüberhörbar schon im zarten Jünglingsalter klingen wie ein alter Mann. Nun endlich sind Alter und Stimme deckungsgleich. Auch sein Outfit deckt sich mit dem, was er musikalisch ausdrücken will. In einem amüsanten Aufsatz hat Klaus Theweleit in «Spex» Dylans Styling und Bühnenoutfit über die Jahre und Jahrzehnte hinweg untersucht und dabei den Wandel vom europäisch-existenzialistischen Bohemedarsteller zum etwas abgerissenen Southern Gentleman, den er heute darstellt, beschrieben.

«Together through Life» ist, um noch einmal auf Willi Winkler zurückzukommen, ein gutes, ein schönes, aber kein «grosses Album» im Sinne des Kanons grosser Dylan-Alben. Und schon gar keines, das die drei vorangegangenen Alben in den Schatten stellen könnte. Es fehlt der grosse Song. Es fehlen die wie in Stein gemeisselten Verse und Zeilen, die sich tief im Hirn einnisten und in allen möglichen und unmöglichen Alltagssituationen urplötzlich wieder ins Bewusste vordringen.

«This Dream of You», mit zarter Stimme gesungen und im langsamen Walzertakt vom Akkordeon getragen, ist der einzige Song auf dem neuen Album, für den Dylan alleine verantwortlich zeichnet. Dieser Song hat das Potenzial eines Sommerhits. Da folge ich Max Dax, der in seiner «Spex»-Besprechung das neue Album eine Sommerplatte nennt. Auch die zweite Ballade des Albums, «If You Ever Go to Houston», kommt sommerlich beschwingt daher. Dafür sorgt das repetitive Akkordeonspiel des virtuosen David Hidalgo von Los Lobos.

Warum den Wahnsinn ändern?

Im Kontext von Dylans Gesamtwerk sind die Lyrics von «Together through Life» eher mittelmässig. Das gilt auch für den Schlusssong «It’s All Good». Da geht es um den Alltag in finsteren Zeiten. Dylan und Hunter breiten ein Horrorszenario aus: Frauen, die sich still und heimlich von der Party stehlen und nicht mehr nach Hause zurückkehren. Politiker, die Lügen erzählen. Restaurants, deren Küchen voller Fliegen sind. Stück für Stück und Stein für Stein machen sie einen fertig. Es gibt Leute, die sind so krank, dass sie kaum noch stehen können. Die Witwen weinen, die Waisen jammern, «everywhere you look / there’s more misery». Dylan weiss, was Sache ist. In unzähligen Songs hat er die Lage der Nation immer wieder aufs Neue reflektiert und kommentiert. Sein Kommentar zur Misere von heute überrascht jedoch. Der Sänger flüchtet sich in den Sarkasmus und offenbart eine Haltung, die neu ist in einem Dylan-Song. Die Botschaft: Ich sehe zwar den ganzen Wahnsinn, doch ich würde daran, selbst wenn ich die Gelegenheit dazu hätte, nichts ändern. Warum? Weil sie einem doch dauernd erzählen, «it’s all good, it’s all good, it’s all good».

Auf der Bühne habe ich Dylan zuletzt Ende März in Kopenhagen gehört und gesehen. Es war ein gutes Konzert in einer schönen Stadt mit einem angenehmen Publikum. Ich kann mich jedoch, wenn ich all die Liveauftritte der letzten Jahre Revue passieren lasse, des Eindrucks einer gewissen Monotonie nicht erwehren. Sie wäre locker zu durchbrechen, wenn Dylan seine Tour mit dieser Studioband fortsetzen würde. Eine verlockende Vorstellung.

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