Nr. 20/2009 vom 14.05.2009

273 Bohnen für den Hausbau

Vor einem Jahr bebte in Sichuan die Erde. 90000 Menschen starben, 10 Millionen verloren ihr Obdach - selbst für eine Grossmacht wie China eine grosse Herausforderung. Wie gut arbeiten die Behörden?

Von Wolf Kantelhardt, Chengdu

«Ich suche ein repräsentatives Foto», sagt Xu Jian, Mitglied der Kommunistischen Partei Chinas und Angestellter des staatlichen Armutsbüros der Provinz Sichuan (früher Sezuan) und kriecht dabei fast in seinen Computerbildschirm hinein. Er kommt gerade von einer Schulung für RepräsentantInnen aus 399 Dörfern, deren Bevölkerung durch die Folgen des Erdbebens im Mai 2008 unter die Armutsgrenze rutschte. Auf dem Weg hat ihm eine sich öffnende Bustür die Brille von der Nase geschlagen. Jetzt sieht er fast nichts mehr und kann auch das Foto nicht finden.

So muss er erzählen, was darauf zu sehen wäre: Eine von ihm organisierte Versammlung im Dorf Jialing (Kreis Jiange). Zu entscheiden war, in welchen Bereichen eine staatliche Unterstützung am meisten benötigt wird. Da viele der rund tausend DorfbewohnerInnen nicht lesen können, wurde mit getrockneten gelben Bohnen abgestimmt: Diese konnten in neun kleine Schüsseln abgelegt werden, die vor Zeichnungen standen. Das Ergebnis: Der Bereich Hausbau erhielt die meisten Stimmen (273 Bohnen), dann kamen Verdienstmöglichkeiten, Wege, Bewässerungsanlagen und Trinkwasserversorgung, Arztbesuche. Ganz am Schluss stand «Verbesserung der Umwelt», mit nur neun Bohnen. «Damit ist aber nicht Umweltschutz gemeint», sagt Xu Jian, «sondern zum Beispiel dass im Dorf zu viele Hunde streunen und den Bauern die Hühner wegfressen.»

Nach der Wahl ging es weiter: «Wir haben marginalisierte Gruppen befragt: Alte, Frauen, Behinderte. Die sagen sonst bei grossen Versammlungen nichts. Und dann gab es auch noch welche, die sich nicht zu Wort gemeldet haben, sondern nur hinten herumgelaufen sind und immer ‹Alles Quatsch!› oder ‹So ein Schwachsinn!› vor sich hingemurmelt haben - die haben wir einzeln befragt.» Um alle Daten zu erheben, war Xu Jian eine Woche lang in Jialing.

Ziegelsteine statt Holz

Der Wiederaufbau der privaten Häuser gehört allerdings nicht in den Arbeitsbereich des Armutsbüros. Dafür ist das Bauministerium zuständig. Ländliche Haushalte mit bis zu drei Personen erhalten, falls ihre Häuser vollständig zerstört wurden, 16 000 Yuan (2600 Franken), bei bis zu vier Personen 19 000 Yuan und bei fünf und mehr Personen 22 000 Yuan. Die Auszahlung ist aber an Bedingungen geknüpft und zeitlich begrenzt: Zuerst sollte der Wiederaufbau in drei Jahren abgeschlossen sein, und manche bauten sich Behelfsunterkünfte. Dann hiess es plötzlich, die Unterstützung für Privathäuser auf dem Land liefe Ende 2008 aus - weswegen sich im Herbst der Preis von Sand, Zement und Stahl fast verdoppelte und der eines Ziegelsteins sogar vervierfachte.

Ein Jahr nach dem Erdbeben ist jetzt über die Hälfte der Privathäuser auf dem Land wieder aufgebaut - oft erheblich grösser und schöner als davor. Nur erdbebensicherer sind sie nicht. «Die sollten gar keine Ziegelsteine benutzen», ereifert sich Christopher Lee, ein pensionierter Architekt aus San Francisco, der seit über einer Woche für eine US-amerikanische nichtstaatliche Organisation (NGO) durch das Erdbebengebiet reist. «Es gibt bei Erdbeben verschiedene Bewegungen, aber wenn es so geht» - er wackelt mit seiner Hand - «dann stürzt alles wieder zusammen. Die müssen weicheres Material nehmen! In Kalifornien sieht man überhaupt keine Ziegelsteine mehr.» Aber weicheres Material - Holz - wäre noch teurer gewesen.

Auch so ist es schon schlimm genug: Obwohl die Wiederaufbaufrist bis Ende 2009 verlängert wurde und sich die Preise daraufhin wieder normalisierten, reichen die Zuschüsse des Bauministeriums bei weitem nicht. Die Landbevölkerung musste sich verschulden - und ausserdem wegen des knappen Zeitplans auf zusätzliches Einkommen durch Wanderarbeit verzichten.

Kein Wunder also, dass bei der Abstimmung in Jialing «Verdienstmöglichkeiten» gleich nach «Hausbau» kam. Besonders viel Hoffnung setzte Xu Jian auf ein jetzt anlaufendes Mikrokreditprogramm: «Dafür hat uns die Regierung je nach Grösse des Dorfs zwischen 150 000 und 300 000 Yuan zur Verfügung gestellt.» Viel Geld für jene Menschen, deren durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen unter 1200 Yuan im Jahr liegt (etwa 200 Franken), der aktuellen chinesischen Armutsgrenze.

«Kreditvergabe und Rückzahlung lassen wir von gewählten Dorfkomitees selbst organisieren und überwachen. Das ist besser, wenn die das selbst machen. Ausserdem lernen sie gleich was dabei.» Xu Jian unternimmt einen kurzen Anlauf, ein Exemplar des Schulungsmaterials zu suchen, das die RepräsentantInnen der Armutsdörfer gerade durcharbeiten. Aber er gibt schnell wieder auf: Das alte Gebäude, in dem sich das Sichuaner Armutsbüro befand, wird gerade abgerissen, die neuen Räume sind noch nicht renoviert. «Hier sind wir nur drei Wochen. Wir ziehen dann in den 28. Stock», sagt er, «früher waren die obersten Stockwerke die teuersten, aber nach dem Erdbeben ist es anders herum!» Selbst wenn er also seine Brille nicht bei einem Optiker abgegeben hätte, müsste er eine Weile suchen - an den Wänden mit den notdürftig überputzten Rissen reihen sich die Umzugskartons.

Das Sichuaner Servicekoordinationsbüro für Freiwillige des Wiederaufbaus befindet sich im sechsten Stock und ist frisch tapeziert. «Unser Ziel ist es, den verschiedenen im Wiederaufbaugebiet tätigen NGOs eine Plattform zu bieten», erläutert Direktor Zang Lu die Aufgaben seines Büros und lehnt sich auf dem Sofa des Konferenzraums zurück. Über 200 NGOs seien nach dem Erdbeben nach Sichuan gekommen. «Die Zahl stammt nicht von uns, die kommt von der Staatssicherheit», fährt er fort. «Inzwischen sind es weniger. Die meisten sind schon wieder weg.»

Mit denen, die noch da sind, versucht Zang Lus Büro in Kontakt zu kommen. «Danach schreibe ich meinen Bericht», sagt er, und deutet auf einem leeren Blatt Papier an, wohin er was schreiben würde. «Erst die eine NGO: Die ist kooperativ und zur Zusammenarbeit bereit.» Dann, seine Hand rutscht nach unten, «die zweite: Missionarische Aktivitäten ...». Er blickt auf. «Wenn uns eine NGO auffällt, die gegen das Gesetz verstösst, sprechen wir gegenüber der Staatssicherheit eine Empfehlung aus. Dann ruft die Polizei bei denen an und sagt ihnen, sie sollen verschwinden.» Um die siebzig NGOs bekamen nach seiner Schätzung solche Anrufe.

«Die Missionare haben mir richtig Kopfschmerzen gemacht - vor allem die Protestanten. Aber es gab auch Spione.» Die hätten sich eingeschlichen und die vielen militärischen Einrichtungen im Erdbebengebiet fotografiert. «Und dann die Aufrührer!» Wer genau damit gemeint ist, will Zang Lu nicht sagen. Wahrscheinlich meint er Einzelpersonen, die versuchten, Erdbebenopfer oder Hinterbliebene zu organisieren. Oder ihnen einzureden, die Entschädigungen - auf dem Land 8000 Yuan pro Todesfall (1340 Franken), in den Städten bis zu 140 000 Yuan - seien zu niedrig.

Hauptursache Korruption?

Die meisten Menschen des Erdbebengebiets aber sind zufrieden. Mit den mutigen Rettungsaktionen der Armee. Damit, dass es einen Tag nach dem Erdbeben Kekse und nach drei Tagen warmes Essen gab - und viel zu viele Mineralwasserflaschen. Dass keine Seuchen auftraten. Dass selbst die lokalen Banken schon eine Woche nach dem Erdbeben Spareinlagen auszahlten. Dass innerhalb eines Monats die obdachlose Stadtbevölkerung in Behelfsunterkünfte ziehen konnte, die ordentlich gebaut, nicht überbelegt und gut verwaltet sind. Die Entschädigungen wurden fast vollständig ausgezahlt; die Wiederaufbauhilfen in den Städten haben die Behörden teilweise zwar noch nicht festgelegt - aber die Betroffenen äussern Verständnis, dass sich die Regierung nicht um alles gleichzeitig kümmern kann, und sind zuversichtlich, dass sie auch noch an die Reihe kommen.

Im Gegensatz zum Eindruck, den die westlichen Medien vermittelten, lässt sich nicht sagen, ob Korruption und Schlamperei die Hauptgründe für den Einsturz vieler Schulen waren. In den Zerstörungen ist kein Muster zu erkennen. Oft ist eine Strassenseite zusammengebrochen, während die gegenüberliegenden Häuser noch stehen und nach Reparaturen wieder bezogen werden können. Selbst dort, wo öffentliche Schulen einstürzten, während benachbarte Privatschulen stehen blieben, kann nicht direkt auf Betrügereien geschlossen werden - hier müssten die unterschiedlichen Baujahre beachtet werden.

Niemand kann bestreiten, dass es Korruption gegeben hat. Aber wie viele Schulkinder den im Chinesischen als «Tofubrei» bezeichneten Bauprojekten zum Opfer gefallen sind, kann niemand beziffern. Vor allem, weil keine unabhängige Organisation im Wiederaufbaugebiet Daten erheben darf.

So erklärt sich auch, wieso das Sichuaner Servicekoordinationsbüro für Freiwillige des Wiederaufbaus eine Partnerin hat: «Die Hongkong Polytechnic University durfte hier keine eigenen Untersuchungen vornehmen. Sie mussten sich einen lokalen Partner suchen und haben sich uns angeschlossen», sagt Zang Lu. Uns - das ist in diesem Fall die Jugendliga der Kommunistischen Partei Chinas, deren Emblem auch in dem Brief auftaucht, den die Polytechnic University Ende April im ganzen Land verschickt hat, um genauere Informationen über die im Erdbebengebiet tätigen NGOs zu bekommen. Darin enthalten ein sechsseitiger Fragebogen, «nur zu Studienzwecken», aber nicht anonym, in dem von Arbeitsinhalten über Finanzierungsquellen bis hin zur Zufriedenheit mit der Reaktion der Behörden auf die Katastrophe alles abgefragt wird.

Der schwarze VW im Hintergrund

Selbst der fast siebzigjährige Christopher Lee wurde auf seiner Fahrt von einem schwarzen VW Santana begleitet. Darin sass eine junge Dame, die sehr gut Englisch sprach und sich als Mitarbeiterin des «Empfangsbüros» vorstellte; sie sollte sich um den ausländischen Gast kümmern - obwohl Christopher Lee aus einer chinesischen Familie stammt und den Sichuan-Dialekt bestens versteht.

Inzwischen kann Xu Jian seine reparierte Brille abholen. Er hat sich die billigste Glassorte ausgesucht und versucht trotzdem, den Preis von 140 Yuan (23 Franken) zu drücken - er verdient nicht viel, weniger als ein Drittel dessen, was er für dieselbe Tätigkeit als Projektmanager einer ausländischen NGO verdienen könnte. Eine Prämie hat er nicht erhalten, obwohl er nach dem Erdbeben gut einen Monat lang den Aufbau der Behelfsunterkünfte koordinierte und auf den steinschlaggefährdeten Strassen mehrmals sein Leben riskierte. Nicht einmal Überstunden wurden ihm angerechnet. Aber er beschwert sich nicht.

Hätte die Regierung, statt die vielen schwarzen VWs zu besetzen und NGOs zu überwachen, die Mittel für den privaten Hausbau erhöht oder zumindest die Angestellten besser bezahlt - dann würde man auf Fragebogen guten Gewissens «zufrieden» ankreuzen können.

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