Nr. 20/2009 vom 14.05.2009

Ein Laboratorium linken Denkens

Zu ihrem 50-Jahr-Jubiläum hat die linke Zeitschrift «Das Argument» eine Tagung zur Krise des Kapitalismus und zur Rolle kritischer Intellektueller organisiert. Eindrücke eines gelegentlichen Weggefährten.

Von Stefan Howald

Sie hat Generationen von WissenschaftlerInnen erzogen. 3500 Autorinnen und Autoren, so schätzt Herausgeber Wolfgang Fritz Haug, haben in der Zeitschrift «Das Argument» geschrieben. Seit den ersten hektografierten Blättern aus dem Jahr 1959 ist man bei Nummer 280 angelangt, und um die Zeitschrift ist mittlerweile ein Verlag mit weitreichenden Projekten angesiedelt: ein Laboratorium linken Denkens.

Als Kampfmittel gegen die atomare Aufrüstung entstanden, hat das «Argument» die Studentenbewegung vorgedacht und begleitet, den Eurokommunismus und die Krise des Marxismus reflektiert, Neoliberalismus, neue soziale Aufbrüche und theoretische Umbrüche analysiert. Seit dem Höhepunkt um 1969 ist die Auflage kontinuierlich gesunken, auf kaum noch tausend Exemplare. Doch das «Argument» hat hartnäckig an einem undogmatischen Marxismus festgehalten, ja, so etwas wie einen «Argument»-Marxismus gepflegt. Der Begriff meint nicht eine fixe inhaltliche Position, sondern eine Denk- und Arbeitsform. Von Marx lernen. Und von Antonio Gramsci. Und von Rosa Luxemburg.

Trümmerhaufen der Geschichte? Nein. Lernen und umsetzen, heisst die Devise. Im Übrigen: Erlebt Karl Marx angesichts der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise nicht eine neue Konjunktur? Eine Jubiläumsveranstaltung und eine internationale Konferenz, die zugleich Werkstätten zum «Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus» einschloss, machten die Probe aufs Exempel.

Kein billiger Populismus

Die Tagung begann am 1. Mai in Berlin Wannsee, draussen im Grünen, während in Berlin Mitte zuerst die Gewerkschaften demonstrierten und dann in Berlin Kreuzberg die Autonomen die lokale Parteizentrale der Neonazis zu stürmen versuchten.

Am Anfang meiner Bekanntschaft mit dem «Argument» stand eine ähnliche Dissonanz. 1976, als ich für zwei Semester an der Freien Universität in Berlin studierte, Wolf Haugs Kapitalkurs besuchte und die «Argument»-Debatten mitverfolgte, entzog die FU drei Germanistikdozenten die Lehrbefugnis. Darauf entstand eine der grössten Streikbewegungen in der Geschichte der Universität. Im «Argument»-Kreis beteiligten wir uns an den öffentlichen Solidaritätskundgebungen, führten zugleich unseren Kurs weiter, ausserhalb der Uni, da man nicht gegen die eigene Qualifizierung streikt. Einer der damals betroffenen Dozenten ist vergangene Woche an der Tagung aufgetreten, und während er 1976, einer maoistischen Gruppierung nahestehend, die Politisierung der Literatur gefordert hatte, wollte er jetzt Marx als Literaten würdigen. Am Mittagstisch endete eine kurze Diskussion, ob das nicht eine Entpolitisierung darstelle, ergebnislos.

Umgekehrt fragte ein Tagungsteilnehmer zum Schluss ironisch, warum man sich hier in Wannsee absondere, statt auf der Strasse den direkten Kontakt mit den demonstrierenden Gewerkschaften zu suchen. Recht hatte er. Darauf warf ihm Wolfgang Fritz Haug billigen Populismus vor. Auch die intellektuelle Arbeit in Wannsee stelle eine Praxis dar. Er hat ebenfalls recht.

Fragen über Fragen

Krise und Intellektuelle - sie standen im Zentrum der Veranstaltungen zum 50-Jahr-Jubiläum der Zeitschrift. «Für jede Befreiungstheorie ist der Begriff ‹Krise› elementar, denn sie setzt auf Wendungen, Veränderung, Umsturz, die allesamt auch als Krise gedacht werden müssen», erklärte Frigga Haug. In der Krise kann sich ein neuer Weg zeigen. Soll und kann die Linke gegenwärtig triumphieren? Das wäre oberflächlich. Denn die gegenwärtigen linken Krisenanalysen sind durchaus divergent. Die Arbeit beginnt erst.

Zum Beispiel mit Fragen: Hat die Linke die Krise überhaupt richtig begriffen? Und welche europäischen Perspektiven tun sich auf? Ist der Neoliberalismus wirklich am Ende, und was kommt danach? Erleben wir einen «Kapitalismus in Krise» («Das Argument» 278), oder handelt es sich um eine «Krise des Kapitalismus» («Das Argument» 279)? Ist das Finanzkapital erledigt? Herrschte flexibler oder Hightechkapitalismus, und herrscht er weiter? Sind die Begriffe und Konzepte griffig genug, um die Wirklichkeit zu begreifen und zu verändern? Geht es um die grundlegende Produktionsweise oder das kurzfristigere Akkumulationsregime?

Eine Ökumene der Linken diskutierte - unter ihnen Thomas Sablowski von der Zeitschrift «Prokla», Mario Candeias von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Ulrich Brand von Attac und Bernd Röttger von der Ruhr-Universität Bochum.

Wolfgang Fritz Haug skizzierte eine langfristige Perspektive. Für ihn stehen wir an einer Weggabelung. Pessimistisch vorstellbar ist ein Rückfall ins frühe 20. Jahrhundert, mit einem Abbau der globalen Verflechtung, Zerfall in Regionalimperien, Kriegen. Gemässigt zu hoffen ist ein sozial und ökologisch abgefedertes neues Akkumulationsregime. Das ist grossflächig gedacht. Und doch wird dabei das Naheliegende nicht preisgegeben. Die Linke muss sich um eine Humanisierung durch globale Institutionen bemühen, Europa muss eine Rolle spielen. Die Systemfrage muss offengehalten werden, steht aber nicht auf der Tagesordnung.

Entsprechend hat Frigga Haug in den letzten Jahren die «revolutionäre Realpolitik» von Rosa Luxemburg rekonstruiert und sie in eine Frauenpolitik umgesetzt, welche am Zusammenhang ihrer vielfältigen Interventionen festhält. Zuweilen scheint mir der Rekurs auf Luxemburg ein unnötiger Umweg. Dann leuchtet wieder ein, wozu Geschichte dienen kann.

Neu und besser erzählen

Überhaupt: die beiden Haugs. Das «Argument» ist ohne sie nicht denkbar. Wolf ist der unbestrittene Gründer und treibende Motor, Frigga, Redaktorin seit 1967, hat das Projekt erweitert, vor allem durch die Perspektive des Feminismus. Natürlich, sie betonen das Kollektiv, und tatsächlich haben fürs «Argument» viele weitere unschätzbare Arbeit geleistet. Der Jubiläumsband dokumentiert das in zahlreichen Artikeln. In ihrer historischen Aufarbeitung charakterisiert Frigga das «Argument» als «pädagogische Anstalt», geleitet von Wolfs «diktatorischer Demokratie».

Um das «Argument» kreisen Gestirne. Die Ariadne-Krimis, die ein Jahrzehnt lang den Verlag trugen und weiterhin einen gewichtigen Teil desselben darstellen, die zehnbändige deutsche Erstausgabe von Antonio Gramscis «Gefängnisheften» und das «Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus» (HKWM). Letzteres ist ein Unternehmen, das seinesgleichen sucht. 1994 begonnen, wird es mittlerweile in einer internationalen Kooperation von 800 WissenschaftlerInnen vorangetrieben. Bisher sind sieben Bände im Grossformat mit 8400 Spalten Text erschienen. Das Lexikon bereitet das historische Wissen einer sozialen Bewegung kritisch auf und durchdenkt es zugleich in aktuell eingreifender Absicht.

Einmalig ist am HKWM auch die Arbeitsweise: Man trifft sich in jährlichen Werkstätten, um die wichtigsten Artikel zu diskutieren. Da legt ein Autor, eine Autorin einen Entwurf zu einem Stichwortartikel vor, der von zwanzig bis fünfzig Interessierten diskutiert wird. Das wird verarbeitet, der Artikel wird umgeschrieben, in die schriftliche Vernehmlassung gegeben, kommentiert, erneut umgeschrieben, redigiert. Es ist ein absurd aufwendiges Verfahren, wenn man sieht, wie viel Kraft und Anstrengung für einen einzigen Artikel verbraucht wird. Und dann stellt sich plötzlich dieses beglückende Gefühl ein, wenn das gemeinsame Nachdenken und Verbessern neue Qualitäten hervorbringt.

Anlässlich der jüngsten Tagung zeigte sich: Das Durchschnittsalter der TeilnehmerInnen hat wohl die fünfzig überschritten und der Frauenanteil auf etwa zehn Prozent abgenommen. Selbst unter kritischen Intellektuellen finden sich Tagungscharaktermasken, die eigene Steckenpferde reiten, sich selbst inszenieren, akademische Umwege gehen, im Jargon eingesponnen bleiben oder in der Vergangenheit.

Und doch lassen sich immer wieder erregende Bewegungen des Geistes erleben. Aufreissende Einsichten durch scharf gemeisselte Sätze oder durchs Denken beim Verfertigen der Rede. Die konkrete Arbeit am Gegenstand, an der Sprache, das Beharren auf Genauigkeit, das gemeinsame Bemühen, besser verstehen zu wollen, um besser handeln zu können für ein besseres Leben.

Was bleibt den kritischen Intellektuellen zu tun? Mit dieser Frage kehrte die Konferenz zum Anfang zurück. Eine Aufgabe ist eine revidierte Narration. Wir müssen die letzten Jahrzehnte anders und besser erzählen. Dreissig Jahre neoliberale Misswirtschaft: Reicht die moralische Empörung aus? Oder ist die neoliberale Selbstverantwortung bereits so weit verinnerlicht, dass die Menschen schon wieder an ihre eigene Schuld zu glauben beginnen? Umgekehrt: Reicht die Beschwörung der Systemkrise aus? Offensichtlich nicht. Gerechtigkeit und Vernunft müssen wieder zusammengehen. Gefragt ist damit nicht die Rückkehr zur grossen Erzählung, aber ein Sammelband neuer linker Kurzgeschichten.

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