Nr. 20/2009 vom 14.05.2009

«wie wir»

Von Paul L. Walser

«Da ich, seit ich selbst darüber entscheiden konnte, immer in grösseren Städten gewohnt habe, weiss ich, dass wir alle wie maskierte Jäger oder Gejagte herumlaufen und im Normalfall abwechselnd das eine oder andere spielen.»

Der Solothurner Urs Jaeggi, Jahrgang 1931, ist ein vielseitiger und produktiver Künstler - Schreiber, Maler, Bildhauer, Performer. Berlin und Mexiko sind seine Arbeitsplätze. Er kennt auch den Rest der Welt. Sein neues Buch «wie wir» nennt er Roman, es besteht aus drei Teilen: «outback», «Vol Terra», «Beobachter der Beobachter der Beobachter».

Ein Icherzähler gibt in «wie wir» Auskunft, teilt seine Erfahrungen mit und hangelt sich an seinen Sätzen hoch. Viele dieser Sätze wirken wie frische Pinselstriche. Die Schauplätze sind beklemmend: ein Spital in Australien, ein Irrenhaus in Volterra, Bunkertürme an einem öden Strand. Ab und zu spricht der Icherzähler mit einer Gefährtin, meist aber ist er allein. Er ist unter Druck, obwohl sein Lebensunterhalt gesichert scheint. Das Geldverdienen hat er hinter sich, der Professor von früher lässt grüssen - insofern ist das Buch ein Alterswerk.

Der Berichterstatter ist ein besessener Beobachter, der den Anspruch hat, sich nicht täuschen zu lassen: «Alle Lösungen zerfallen.» Unermüdlich schildert er Szenen des Bedroht- und Verfolgtseins. Dabei gelingen ihm dichte, präzise Bilder einer verstörten Welt, die die unsere ist. Immer wieder legt er Zeugnis ab von seiner Belesenheit. Trotz aller Bildhaftigkeit bleiben die Texte indes schemenhaft und merkwürdig abstrakt, zum Ganzen fügen sie sich nicht, sie präsentieren sich als gekonnte Fragmente - ein Reigen von Albträumen zwischen Realität, Virtualität und Traum. Ein grosses Quantum Bitterkeit wird hier abgeladen, aus dem hartnäckigen Zweifler droht ein Verzweifler zu werden. Wenn da nicht immer noch ein Quäntchen Hoffnung wäre - und sei es nur als Erinnerung: «Auf einem geklauten Fahrrad zur Stadt hinausfahren. Es ist hell. Die Zeit vergeht. Angst vorbei. Nicht verschwunden, aber im allgemeinen Trubel untergegangen. Etwas wie Glück.»

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