Nr. 25/2009 vom 18.06.2009

Carlsberg in der Teetasse

Der schwedische Schriftsteller und Dramatiker Per Olov Enquist schreibt mit 75 Jahren seine Autobiografie. Das starke Porträt eines Menschen zwischen Himmel und Hölle.

Von Anna Wegelin

Per Olov (P.O.) Enquist ist ein Meister darin, in seinen Romanen und Dramen das Dokumentarische mit dem Fiktiven zu verbinden, die Wirklichkeit mit der inneren Wahrheit, und dabei moralische und existenzielle Fragen zu erörtern. Nun bringt der grosse schwedische Schriftsteller, der im September seinen 75. Geburtstag feiert, seine Kunst der Verschränkung von Realem und Imaginiertem mit einer Autobiografie zur Vollendung.

«Ein anderes Leben» ist die kompromisslose Auslegeordnung seiner eigenen Lebensgeschichte: ein wuchtiges Buch, das von schwindelerregenden emotionalen Höhenflügen und abgrundtiefen Breakdowns erzählt und niemanden kalt lässt. Hier versucht ein Mensch, Mann und Künstler, die eigene Mitte zu begreifen.

Enquist rechnet mit seiner Alkoholsucht ab, die ihn, als er internationale Erfolge als Dramatiker feierte, fast das Leben gekostet hätte. Der über 540-seitige Wälzer ist in der dritten Person geschrieben und enthält neben rabenschwarzen Passagen auch viel (Selbst-)Ironie und Galgenhumor: Es galt wohl, sich die persönlichen Katastrophen bei der Niederschrift einigermassen vom Leib zu halten.

Nur noch Küchenabfälle

Das Buch ist in drei Teile gegliedert: Kindheit und Jugend, Jahre des Erfolgs und der Einsamkeit, Absturz und Rettung. Der Text umspannt die Zeit von der Geburt 1934 in einem 150-SeelenDorf in Västerbotten, tausend Kilometer nördlich von Stockholm, bis 1990, als Enquist in einer Entzugsklinik den Roman «Kapitän Nemos Bibliothek» schreibt und als «Totalabstinenzler» wiederaufersteht, nachdem nur noch «Küchenabfälle» von ihm übrig geblieben waren: «Auf einmal konnte er schreiben. Er hatte ja geglaubt, er hätte sich die Fähigkeit zu schreiben weggesoffen. (...) Aber jetzt fühlte er, dass er schrieb wie früher, es war wie ein Wunder. (...) Er war gerettet.» Bahn frei für ein anderes Leben.

Enquists erstes Leben beginnt im Dorf Hjoggböle in Nordschweden, dessen Bewohner in eine religiöse und eine gottlose Hälfte gespalten sind. Die Männer, die in diesem Dorf leben, sind strebsame und rechtschaffene Kleinbauern und Holzfäller, mit Frauen, die daheim das Sagen haben. «Per Ola», wie Enquist im Norrland-Dialekt genannt wird, ist schmächtig, einzelgängerisch und zu lieb: «Seine Nettigkeit ist wie in Beton gegossen.» Sein Vater, ein lebenslustiger und beliebter Holzfäller und Stauer, stirbt, als Per Olov halbjährig ist. Seine religiös «erweckte» Mutter arbeitet als Volksschullehrerin und will das Einzelkind zu völliger Abstinenz von jeglichem Vergnügen trimmen. Vergeblich: Mit fast vierzehn beginnt der liebe Sohn, wie ein Besessener «mit Genuss und Sündenschuld» zu onanieren. «Es ist die erste Sucht», so der Autor über sich. «Er weiss jetzt, dass er eine Suchtnatur ist, und die Hölle kommt immer näher.»

Der zweite Teil des Buchs beginnt mit seinen Studienjahren in Uppsala und führt über seine langen Auslandsjahre, unter anderem in Berlin, bis zum Zenit seines internationalen Erfolgs als Dramatiker mit «Die Nacht der Tribaden» (1975), das es bis an den Broadway schafft.

«Wie ein Kartoffelsack»

Dieser Buchteil ist der heterogenste, vielleicht auch interessanteste, weil der Autor hier den Versuch unternimmt, diese Phase seines Lebens, in der das Schreiben für ihn zentral, aber auch fatal wird, in ihrer ganzen Explosivität aufzunehmen: Der sportliche, das Leben aufsaugende Homo ludens, der Mitte der sechziger Jahre zum Homo politicus wird («sozialdemokratischer Schriftsteller», im Herzen konservativ geblieben) und 1965 mit dem Roman «Die Ausgelieferten» die Deportation 146 baltischer Militärflüchtlinge an die Sowjetunion durch die schwedische Regierung kurz nach Kriegsende dokumentiert; der Journalist, der an den Olympischen Spielen in München 1972 den Schwarzen September erlebt und diesen «Anfang einer ganz neuen Kriegsführung» namens Terrorismus im Reportagebuch «Die Kathedrale in München» festhält; der Schreibtischtäter, der vorübergehend seiner Einsamkeit entkommt und die geselligere Welt des Theaters entdeckt; und schliesslich der Ehemann und Vater, der daheim Probleme hat und immer öfter zur Flasche greift: «Die fantastische Erfolgswelle legt sich wie ein Kartoffelsack auf seine Schultern, und etwas stimmt nicht, etwas ist nicht in Ordnung.»

Den Verankerungspunkt finden

Im dritten Kapitel legt Enquist das «Dunkel» der Trinksucht offen und geht mit der Entziehungskur nach dem Minnesota-Modell der Anonymen Alkoholiker ins Gericht - eine entwürdigende, religiös überhöhte Foltermethode. Enquist hat zum zweiten Mal geheiratet und lebt mit der dänischen Journalistin Lone Bastholm, die Chefin des Königlichen Theaters in Kopenhagen wird, in der dänischen Hauptstadt und in Paris. Seine Ehe ist «sehr glücklich», er ist ein gefeierter Dramatiker, verbringt den Tag aber mehr oder weniger vernebelt, Elefant-Bier von Carlsberg in einer Teetasse haltend, damit es nicht auffällt.

Nachdem er in Paris, wo seine Frau Kulturattachée der dänischen Botschaft wird, «dem Tod nahe» ist wie nie zuvor, schicken ihn seine Angehörigen zum Entzug ins schwedische Huddinge, wo er dem vernichtenden «Übergriff» auf seine persönliche Integrität und der totalen Unterwerfung entkommt, als sich «eine Art Ich» meldet, «das sich nicht zerstören lassen will».

Enquist haut ab, aus Huddinge und auch aus der zweiten Klinik in der Nähe von Reykjavik. Ende 1989, als die «Welt um ihn herum Amok» läuft, legt er sich in den Socken auf die verschneite isländische Scholle, schaut in den Sternenhimmel und beschliesst, zu leben: «Er war nicht mehr der Gleiche. Er war ein anderer.»

Der Autor hat keine Antwort gefunden auf die Frage, weshalb er «diese unerhörte Entschlossenheit zu leben» in sich trägt. Er weiss immer noch nicht, weshalb er schreibt und warum er zu trinken begann. Aber er hat ein Buch darüber geschrieben, «Verankerungspunkte in sich selbst» gesucht und stellt fest: «Im Leben lief alles darauf hinaus, dass man die Dinge dazu brachte, zusammenzuhängen.»

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