Nr. 25/2009 vom 18.06.2009

Engel und Taube

Von Florian Vetsch

Der neue Erzählband «Der Engel und die Taube» von Said widerspiegelt die literarische Vielfalt des 1947 in Teheran geborenen, seit 1965 in München lebenden Autors. Mystische, rätselhaft surreale Texte finden sich darin genauso wie Erotika, Erinnerungen an die Kindheit oder an ein Treffen mit dem vietnamesischen Dichter Nguyen Chi Thien, der 27 Jahre in Gefängnissen und Lagern verbracht hat. Geschichten zum Exil sind im Buch zu finden, fiktive Begegnungen mit Walt Whitman und Rainer Maria Rilke, Traumprotokolle, Reflexionen über den Tod und vieles mehr. Ein fiktiver Brief aus der Feder von Scardanelli, dem Pseudonym, mit dem Hölderlin manche seiner späten Gedichte zeichnete, schliesst den Band ab. Darin heisst es: «wir bitten, türe und fenster aufzulassen für den fremdling, der kommen wird. schliesslich holen wir das letzte gedicht aus der tasche und prüfen, ob dieses als passwort geeignet sei für den, der die abgebrannten ränder der welt bereist – auf der suche nach dem unschuldigen land der poesie.»

Poesie ist der Inbegriff dessen, was Saids Prosa im Kern ausmacht, eine glühende, engagierte, sinnliche Poesie, die mit wachem Verstand und offenem Herzen gelesen werden will. Sie richtet sich nicht primär an ein akademisches Publikum, sie will breiter wirken und kann dies, weil sie Fantasie und Gemüt direkt anspricht und mitunter empört. So in dem Bericht «mina – eine begegnung», der bereits im Buch «Ich und der Islam» (2005) zu lesen war. Darin verleiht Said den Erfahrungen einer im Gefängnis gefolterten und vergewaltigten Iranerin Gehör. Dass er ihr Trauma einbettet in die Schilderung eigener Vorsichtsmassnahmen vor dem Treffen mit der Unbekannten, unterminiert das Grauen umso mehr. Der Demütigung dieser Frau steht in Saids Band die sexuelle Selbstbestimmung anderer Frauen gegenüber, die sich von den Männern freimütig nehmen, was sie lockt. Dabei gelingen Said erotische Erzählungen, denen die LeserInnen nicht weniger gebannt folgen werden als den Texten mit politischer oder literarischer Stossrichtung.

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