Nr. 26/2009 vom 25.06.2009

Kairo, 1967

Von Florian Vetsch

Das Schönste am Übersetzen sei es, für eine Zeit jemand anders zu sein, meinte Doris Kilias (1942–2008) einmal. Zu den arabischen AutorInnen, die in den Genuss ihrer Dolmetschfeder gekommen sind, zählen unter anderem Rajaa Alsanea, Mohamed Choukri, Emily Nasrallah – doch niemandem widmete sie mehr Aufmerksamkeit als Nagib Machfus (1911–2006). Über zwanzig Bücher des ägyptischen Nobelpreisträgers hat Kilias ins Deutsche gebracht.

Machfus’ jüngster Roman «Karnak-Café» spielt 1967, im Jahr des Sechs-Tage-Kriegs, und fängt im Spiegel eines kleinen Cafés in Kairo die damalige Stimmung ein: Repression, Beklemmung, Trauer, Resignation. Kurunfula, die Chefin des Cafés, geht mit dem jungen Hilmi ein Verhältnis ein; eines Tages taucht er plötzlich nicht mehr im Café auf und bleibt für mehrere Monate verschwunden. Es stellt sich heraus, dass er vom Geheimdienst eingekerkert und vom Chefbeamten Chalid Safwan gefoltert wurde. Mit einer abgründigen Ironie lässt Machfus im letzten Kapitel denselben im Café auftreten. Ausgerechnet er ist es, der Menschenwürde anmahnt. Doch seinem Gerede lässt Machfus nicht das letzte Wort. Dieses gehört einem Hoffnungsschimmer. In Kilias’ Übersetzung lautet es so: «Es geschah nicht gerade selten, dass ältere Frauen eine Vorliebe für junge Männer hatten (...) das Risiko auf sich nahmen, sich um Kopf und Kragen und manchmal auch um den Verstand zu bringen. (...) Vielleicht siegte ja wirklich die Liebe – eine Liebe, die voller Unschuld und Reinheit ist.»

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