Nr. 27/2009 vom 02.07.2009

Das Menetekel von Basel

An der Reform des Finanzsystems führt kein Weg vorbei, sagt die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in ihrem neuesten Jahresbericht. Sie schlägt eine Registrierung für Finanzprodukte vor.

Von Gian Trepp

Finanzkrise, welche Finanzkrise? Die Aktienbörsen haben im vergangenen Quartal weltweit über dreissig Prozent zugelegt, während Investmentbanken – wenn auch nicht die UBS – dank dem billigen Geld vom Staat bereits wieder Gewinne schreiben und Managerboni auszahlen. «Rückkehr zur Normalität» diagnostizierte die «SonntagsZeitung» am 21. Juni befriedigt.

Niemand kanns verstehen

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ, vgl. Kasten im Anschluss an diesen Text) sieht es anders. Gleich wie letzte Woche die Nationalbank aus Schweizer Sicht, warnte die Bank der Zentralbanken nun am Montag aus internationaler Sicht vor der Illusion, die Welt könne einfach wieder zur Tagesordnung übergehen. Eine solche Rückkehr zur Normalität gibt es nach Ansicht der BIZ nicht. Die Welt brauche einen fundamentalen Umbau und Rückbau des Finanzwesens, der eine neue Normalität begründet. «Der Finanzsektor muss schrumpfen», sagt BIZ-Generaldirektor Jaime Caruana, «denn er ist zu gross geworden und hat eine Fülle von qualitativ fragwürdigen Vermögenswerten hervorgebracht.»

Diese qualitativ fragwürdigen Vermögenswerte – oder Pseudovermögenswerte – sind die Finanzderivate, deren Entwicklung ein wesentlicher Faktor der Entstehung der Krise ist. Die Derivatmärkte haben das Finanzsystem in wahrhaft astronomische Dimensionen aufgebläht, von der Realwirtschaft entkoppelt und das Finanzsystem «möglicherweise so komplex gemacht, dass es niemand wirklich verstehen kann», wie es im BIZ-Jahresbericht heisst.

Als Schrumpfkur für das Finanzwesen schlägt jetzt die BIZ eine Art Produkteregistrierung für Finanzprodukte vor, die den Zugang von privaten und institutionellen AnlegerInnen zu Finanzinstrumenten in Abhängigkeit von der Sicherheit dieser Instrumente einschränken würde.

Auch Verbote möglich

Wie bei der kontrollierten Abgabe von Medikamenten wären die sichersten Wertpapiere analog zu den rezeptfreien Medikamenten für jedermann frei erhältlich. Finanzinstrumente der nächsten Stufe dürften, analog zu verschreibungspflichtigen Medikamenten, nur von dazu berechtigten AnlegerInnen erworben werden. Danach kämen Papiere, die nur in begrenzten Mengen an überprüfte EinzelanlegerInnen und Institute abgegeben würden, wie Wirkstoffe, mit denen noch experimentiert wird. Die letzte Stufe schliesslich wären Wertpapiere, die als illegal gelten würden.

Die Registrierung eines neuen Finanzinstruments beziehungsweise der Aufstieg eines bestehenden Instruments in die nächsthöhere Sicherheitsstufe wäre erst nach erfolgreichen Tests möglich – analog zu klinischen Tests bei Medikamenten. Ähnlich wie bei den Pharmaunternehmen müsste es einen Mechanismus geben, um WertpapieremittentInnen für die Qualität ihrer Produkte haftbar zu machen.

Der Vorschlag der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, Derivate zu verbieten, wenn sie der Volkswirtschaft als Ganzes schaden, geht weiter als die bisherigen Reformideen der Nationalbank und des US-amerikanischen Federal Reserve Systems, die lediglich einen Börsenzwang für alle Derivate postulieren. Bislang werden Derivate mehrheitlich ausserhalb der Börsen gehandelt. Investmentbanken und Hedgefonds sind selbstverständlich gegen beides, weil sie sich mit unsicheren Derivaten auf unregulierten Märkten eine goldene Nase verdienen können.

Es liegt an der Politik, den AbzockerInnen einen Riegel zu schieben. Für die anstehende Regulation des Derivatgeschäftes in der Schweiz gilt es genau zu prüfen, welche Derivate für inländisch domizilierte Investmentbanken und Hedgefonds zu verbieten sind.

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