Nr. 28/2009 vom 09.07.2009

Hirten ohne Land

Von der Sperrmauer, israelischen Siedlungen und Militärzonen in die Enge getrieben, sehen sich die BeduinInnen im Osten Jerusalems zunehmend ihrer Lebensgrundlage beraubt.

Von Marlène Schnieper, Jerusalem

Mohammed Kurschan ist der Muchtar, der gewählte Vertreter der BeduinInnen von Anata. Der 48-Jährige ist ein stattlicher Mann, zwei Frauen haben ihm elf Kinder geboren, zwei Söhne besuchen schon die Universität. Eine gute Ausbildung sei das Beste, was er seinem Nachwuchs geben könne, bemerkt er, «eine andere Sicherheit haben wir nicht».

Von Siedlungen umgeben

Im steinigen Hinterland seines palästinensischen Dorfes nordöstlich von Jerusalem lebt Kurschan mit seiner Familie in behelfsmässigen Unterständen. Einst besass er 200 Ziegen und Schafe, jetzt führt er noch sechzig Tiere aus in einem Gelände, das ständig schrumpft, weil die Besatzungsmacht Israel bald militärisches Sperrgebiet, bald Siedlungszonen oder Naturreservate davon abzwackt. Händeringend weist er zum Horizont, wo er die Gründe für den schleichenden Untergang ortet, dem die BeduinInnen seit Jahrzehnten unterworfen sind.

Kurschan gehört zum Stamm der Dschahalin. Seine Vorfahren lebten in der Wüste Negev – dort, wo heute die israelische Stadt Arad liegt. Nach der Gründung Israels 1948 wurden sie aus dem Gebiet des neuen Staates vertrieben und von der Uno als Flüchtlinge registriert. Erst wichen sie in die Berge bei Hebron aus, dann wanderten sie weiter in das Gebiet östlich von Jerusalem, das damals zu Jordanien zählte. Das Weidegebiet ihrer Herden reichte fortan bis zum Toten Meer. Doch nach dem Sechstagekrieg 1967 annektierte Israel Ostjerusalem und besetzte das Westjordanland. Neun Jahre später begannen jüdische SiedlerInnen mit dem Bau von Maale Adumim – ausgerechnet dort, wo sich die Dschahalin inzwischen niedergelassen hatten. Damit drohte den BeduinInnen wiederum die Vertreibung. Nach langwierigen Gerichtsverfahren willigten sie ein, ihre Gebietsansprüche bei Maale Adumim aufzugeben – gegen eine bescheidene Entschädigung und ein langfristiges Bleiberecht in stark eingeschränktem Raum nahe den palästinensischen Ortschaften Anata, Asariya und Abu Dis. «Neunzig Prozent unseres Lebensraumes haben wir auf diese Weise aufgegeben, nun treibt man uns auch auf dem restlichen Land zusehends in die Enge», klagt Kurschan.

Mit fast 35 000 EinwohnerInnen ist Maale Adumim zur grössten jüdischen Stadt im Westjordanland geworden. Östlich davon schliesst das Industriegebiet Mischor Adumim an, südlich die Siedlung Kedar. Etwas weiter nordwärts liegt Adam, eine neuere jüdische Siedlung. Dort hat Israels Verteidigungsminister Ehud Barak erst kürzlich eine erste Tranche von fünfzig Wohneinheiten bewilligt. Angeblich will er dort Leute einquartieren, die gemäss einem israelischen Gerichtsentscheid und wachsendem Druck aus den USA den illegalen Aussenposten Migron räumen sollten.

Dazwischen gibt es im besetzten Gebiet auch noch ein paar leere Hügel. Doch eine Polizeistation, eine frisch asphaltierte Strasse und neue Strommasten bilden schon die Eckpfeiler von E-1, einer weiteren Siedlung für 12 000 Menschen, mit der nach israelischen Plänen der Grossraum Jerusalem mit dem Siedlungsblock Maale Adumim verbunden werden soll. Schon der Gedanke an E-1 bringt palästinensische UnterhändlerInnen in Rage, weil dieses Projekt – sollte es realisiert werden – einer territorialen Verbindung des nördlichen und südlichen Westjordanlandes definitiv den Riegel schöbe.

Räumungsbefehle

Kurschan aber steht in der flimmernden Mittagshitze und behält ruhig Blut. Einst, so erinnert er, seien die Dschahalin Wanderhirten gewesen, die im Wechsel der Jahreszeiten auch Ackerbau betrieben. An den Rändern der Grossstadt hätten sie dann gelernt, sich der veränderten Realität zu stellen. Manche ihrer Söhne verdingten sich als Tagelöhner auf den Baustellen Jerusalems, sie versuchten sich als Altmetallhändler oder Türsteher. «Das war hart, aber es half uns, die traditionelle Lebensweise in die neue Zeit zu retten.»

Heute werden die BeduinInnen im Grossraum Jerusalem indes nicht nur durch die Siedlungen verdrängt. Ihre Gemeinschaft wird nun auch noch durch den acht Meter hohen Sperrwall getrennt, der sich um Maale Adumim windet – und die Ortschaft Abu Dis durchtrennt. So leben einige Familien der Dschahalin nun mit der blauen Identitätskarte von Jerusalem, die sie nicht zu Reisen in die Westbank berechtigt, andere besitzen den Ausweis der palästinensischen Autonomiebehörde, der ihnen den Weg in die israelische Hauptstadt verwehrt. Zudem droht über 2000 BeduinInnen der Umgebung nach wie vor der Räumungsbefehl. Noch im März zerstörten israelische Sicherheitskräfte bei Asariya Dutzende von armseligen Beduinenlagern, die sie für illegal halten. «Ist es nicht absurd?», fragt Kurschan kühl: «Israels Regierung versucht US-Präsident Barack Obama derzeit davon zu überzeugen, dass der Ausbau der Siedlungen auf palästinensischem Boden nötig sei, um das sogenannte natürliche Wachstum der Bevölkerung zu gewährleisten. Derweil beraubt man uns hier unserer Lebensgrundlage, wohlverstanden auf palästinensischem Grund und Boden.»

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