Nr. 29/2009 vom 16.07.2009

Poesie aus der Hölle

Endlich wird der «jiddische Dante» mit seinem erschütternden Bericht vom Wilnaer Ghetto auf Deutsch vorgestellt. Mit grosser Genauigkeit schildert er, wie eine Bevölkerung zu überleben versucht.

Von Eva Pfister

Wer Vilnius (Wilna), die diesjährige Kulturhauptstadt Europas, besucht, findet ausser einem winzigen, abgelegenen Holocaust-Museum keine Spur mehr von der reichen jüdischen Kultur, die es einst in diesem «Jerusalem des Nordens» gab. JedeR dritte EinwohnerIn von Wilna war jüdisch, die Stadt ein Zentrum jiddischer Gelehrsamkeit mit Hochschulen, fünf jiddischen Zeitungen und dem wissenschaftlichen Institut für jiddische Studien Yivo, das heute in New York fortbesteht.

Das öffentliche jüdische Kulturleben erlosch 1941 mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht: «Als ich am 22. Juni frühmorgens das Radio anschloss, da sprang es mir entgegen wie ein Knäuel Eidechsen: ein hysterisches Geschrei in deutscher Sprache.» So beginnt der Bericht «Wilner Getto» von Abraham Sutzkever aus dem Jahr 1945, der jetzt im Ammann-Verlag erstmals in deutscher Übersetzung (von Hubert Witt) vorliegt, zusammen mit dem Gedichtband «Gesänge vom Meer des Todes».

Abraham Sutzkever, der 1913 geborene Dichter aus Litauen, der heute in einem Altersheim in Israel lebt, gilt als Retter der jiddischen Sprache. Zum einen, weil der hochgeachtete Lyriker bis vor kurzem selbst auf Jiddisch schrieb, zum anderen, weil er im besetzten Wilna aktiv die Verschleppung und Zerstörung jüdischer Kulturschätze hintertrieb. Davon erzählt er im Gedicht «Weizenkörner»: «Wi bajm baschitsn an eifl – / ich lojf mitn jidishn wort, / nishter in itlechn hejfl, / der gajst zol nit wern dermordt. – Wie einen zarten Säugling / beschütz ich das jiddische Wort, / schnuppre in jeden Berg Papier, / rette den Geist vor Mord.»

Zeugnis der Vernichtung

Sutzkever schrieb das Gedicht im März 1943. Er war als Zwangsarbeiter eingesetzt, jüdische Kulturgüter in Wilna zu sammeln, die vernichtet oder für die Sammlung über «die Wissenschaft des Judentums ohne Juden» nach Deutschland gebracht werden sollten. Aber es gelang ihm, jiddische Manuskripte, Bilder und Plastiken ins Ghetto zu schmuggeln und dort zu vergraben.

«Wilner Getto» ist in mehrfacher Hinsicht beeindruckend. Mit grosser Genauigkeit, oft in der Form eines Tagebuchs, legt Sutzkever Zeugnis von der Einschränkung des jüdischen Lebens ab, von Schikanen und brutaler Vernichtung. Die nahm in Wilna schon 1942 Ausmasse einer «Endlösung» an: Der Ort Ponar wurde zum Massengrab für Tausende, andere wurden verschleppt: Von den 30 000 Wilnaer Jüdinnen und Juden überlebten nur wenige Hundert.

Zugleich schildert Sutzkever, wie eine Bevölkerung zu überleben versucht: Die Juden organisierten die Solidarität auf beeindruckende Weise. Sie ernährten jene mit, die gar nichts mehr hatten, halfen mit medizinischer Versorgung, bauten und vermittelten Verstecke, schmuggelten wichtige Dinge ins Ghetto. Darunter waren auch Waffen, aber der versuchte Aufstand scheiterte. Mit nur wenigen Kampfgefährten konnte Sutzkever zu den Partisanen in die Wälder fliehen, kurz bevor das Ghetto im September 1943 liquidiert wurde. Und weil er eines seiner erschütterndsten Gedichte aus dem Ghetto, «Kol-Nidre», nach Moskau geschickt hatte, wo es Ilja Ehrenburg las, wurden er und seine Frau von einem sowjetischen Flugzeug gerettet – noch vor der Befreiung Wilnas durch die Rote Armee.

In «Wilner Getto» werden die so oft anonymen Opfer der Schoah zu Subjekten. Sutzkever schildert viele erschütternde Einzelschicksale, aber auch das Kulturleben, das die GhettobewohnerInnen gegen alle Widrigkeiten aufrechterhielten. Sie unterrichteten die Kinder, hielten Gottesdienste ab, veranstalteten Konzerte und Theateraufführungen. Die Zwiespältigkeit war ihnen bewusst: «Man tanzt nicht auf dem Friedhof», sagten die Gegner, und Sutzkever schrieb im Dezember 1942 im Gedicht «Zum Jahrestag des Getto-Theaters»: «Spielt ihr jüdischen Mimen, in Flicken, in Mauern, / wo das Leben sich krümmt wie angesengte Haare ...»

Dennoch beteiligte sich der Dichter an den kulturellen Aktivitäten, und er hörte in keiner Lage auf, selbst Gedichte zu schreiben. Wie diese entstanden, kann man in «Wilner Getto» lesen. In einem Schlupfwinkel unter einem Blechdach, wo er sich sieben Wochen versteckt hielt, obwohl er nur liegend hineinpasste, schrieb er «Gesichter in Sümpfen»: «Nacht hat unsre Gedanken grau gemacht. / Morgensonne sät glühendes Salz in die Wunden ...»

Virtuoses Spiel mit Reimen

In diesem Frühjahr ist auch im Campus-Verlag ein Band über Abraham Sutzkever erschienen. «Geh über Wörter wie über ein Minenfeld» präsentiert den «jiddischen Dante», der virtuos mit den verschiedensten Versformen, Reimen und Rhythmen spielt, umfassend: von der frühen Lyrik der dreissiger Jahre, die von den Kinderjahren in Sibirien geprägt ist, bis zu den späten, poetisch verdichteten Prosatexten.

Dass Sutzkever in Israel, wo er seit 1948 lebte, weiter das Jiddisch pflegte, war in dem jungen Staat, der die neue Landessprache des Iwrit durchsetzen wollte, nicht opportun, aber Sutzkever gelang es sogar, ab 1949 eine jiddische Literaturzeitschrift herauszugeben: «Di goldene Kejt». Darin erschienen bis 1995 seine Texte, ausserdem regte er weltweit andere AutorInnen an, jiddisch zu schreiben, darunter seinen Freund, den Maler Marc Chagall, der auch zwei seiner Werke illustrierte und mit dem ihn die Überzeugung verband, dass ein modernes jüdisches Leben nicht ohne Verbindung zu den Traditionen und Erfahrungen der Vergangenheit möglich ist.

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