Nr. 36/2009 vom 03.09.2009

Die Blumen, hundert Jahre später

Von Bettina Dyttrich

Das Gebiet ist nicht besonders gross, auch nicht besonders abgelegen, und seine Berge erreichen kaum 1300 Meter. Und doch gibt es Leute, die nicht genug bekommen davon: von seinen verschachtelten Tälern und Tobeln, von den steilen Weiden mit ihren Terrassen aus Kuhweglein, von den Nagelfluhfelsen in warmen Rot- und Brauntönen, an denen Gämsen herumklettern, von den stiebenden Wasserfällen und dem grossen, duftenden, stillen Wald. Das Tössbergland liegt zwischen dem Zürcher Oberland und dem Toggenburg und gehört geologisch noch nicht zu den Alpen – zu Tode stürzen kann man an seinen Hängen allerdings trotzdem.

Botanisch interessant ist das Gebiet, weil die wilde Topografie ganz unterschiedliche nasse und trockene, sonnige und schattige Standorte bietet. Und weil sich hier Alpenpflanzen wie Arnika, Bewimperte Alpenrose und verschiedene Enzianarten bis weit ins Mittelland vorgewagt haben. Diese Besonderheit ist schon lange bekannt: Um 1900 schrieb der Fischenthaler Pfarrerssohn Gustav Hegi seine Dissertation darüber. Fast gleichzeitig erforschte sein Konkurrent, der Bäretswiler Lehrer Heinrich Kägi, die Pflanzen der Gegend.

Was ist hundert Jahre später aus der botanischen Vielfalt des Tössberglandes geworden? Das haben die Biologen John H. Spillmann und Rolf Holderegger untersucht. Dazu wählten sie hundert Alpenpflanzenarten aus und suchten sie an den historischen Fundorten, die Hegi und Kägi beschrieben hatten. Häufig ohne Erfolg: Fast alle Bestände sind zurückgegangen, sechzehn Arten ganz verschwunden. Die stärkere Düngung der Wiesen und Weiden ist ein Grund dafür, aber auch die veränderte Waldnutzung: Im 19. Jahrhundert wurde der Wald im Tössbergland vielerorts abgeholzt, auch an heiklen, steilen Stellen. Heute hingegen wachsen botanisch wertvolle Wiesen zu, und die Wälder werden immer dunkler und dadurch artenärmer.

Spillmann und Holderegger beschränken sich nicht auf das Blumenzählen, sondern stellen die Ergebnisse in einen grösseren Zusammenhang, gehen auf die Landnutzungsgeschichte des Gebietes ein und schlagen Massnahmen vor, um die Pflanzenvielfalt zu erhalten. Darum ist das Buch nicht nur für angefressene PflanzenkennerInnen interessant.

An den Schluss stellen die Autoren fünf Zukunftsszenarien für das Tössbergland: Was wären die Folgen von gelockerten Schutzbestimmungen und einer intensivierten Landwirtschaft? Was würde ein Ausbau des Tourismus bewirken? Wie sähe im Gegensatz dazu ein verwildertes Tössbergland aus? Und würde die Pflanzenwelt dadurch gewinnen?

Allerdings gehen alle Szenarien von den Bedingungen der Konsumgesellschaft aus. Welche Auswirkungen aktuelle und kommende Wirtschafts- und Energiekrisen auf die Region haben werden, ist eine andere Frage. Sie könnten eine Chance sein für eine angepasste, regionale Landwirtschaft (die die botanische Vielfalt des Gebietes fördern würde). Sie könnten aber auch zu Raubbau am Wald führen wie im 19. Jahrhundert.

«Die Alpenpflanzen des Tössberglandes» gehört zur Schriftenreihe der Bristol-Stiftung im Haupt-Verlag. Diese Stiftung unterstützt Publikationen zu Natur- und Umweltschutzthemen. Im letzten Jahr sind neben dem Tösstal-Buch auch noch «Biodiversität in Österreich» und «Zerschneidung der Landschaft in dicht besiedelten Gebieten» erschienen. Typisch für die Bristol-Schriftenreihe sind die sehr sorgfältige Bebilderung und die gut verständliche Sprache. Ein gelungenes Beispiel einer Fachbuchreihe, die auch für LaiInnen zugänglich ist.

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