Nr. 36/2009 vom 03.09.2009

Der Jude von New York

Von Sonja Galler

«Ein eigenes Projekt zu haben, es zu entwerfen und zu verwirklichen, ist der einzige Weg, ein erfülltes Leben zu führen», schrieb einmal der russische Künstler Ilija Kabakow. Dass dem Projekt nicht nur ein Glücksversprechen, sondern auch ein Risiko des Scheiterns innewohnt, erfuhr der amerikanische Politiker und Dramatiker Mordecai Noah: Der 1825 von ihm ersonnene und bald gescheiterte jüdische Staat Ararat auf Grand Island nahe der Stadt New York gilt heute als skurrile Fussnote der Geschichte.

Dass die Unternehmung nicht gänzlich in Vergessenheit geriet, ist Mitverdienst des New Yorkers Ben Katchor: Der machte die zionistische Utopie zum Ausgangspunkt seines Comics «Der Jude von New York»: ein Porträt der Neuen Welt um 1830.

Die Story, lose gestrickt um eine Handvoll meist jüdischer Helden, ist vor allem Geschichte kühner Geschäftsideen – stets auf der Kippe zwischen Erfolg und Bankrott. Da gibt es den Importeur religiöser Artikel und fleischfarbener Seidenstrümpfe. Einen, der den Eriesee mit Kohlensäure versetzt in ein gigantisches Mineralwasserdepot umwandeln will. Sie alle sind angezogen vom ökonomischen Potenzial der Stadt. Auch suspekte Heilsversprecher lockt der Rausch der Möglichkeiten: Die Druckerpresse spuckt Dutzende moralisierende Traktate aus, von denen eine Auswahl im Comic verarbeitet ist.

Katchor selbst nennt den Comic «eine plausible Fiktion»: Erfundenes verbindet sich mit historisch verbürgten Details – gewürzt mit einem Scharfblick für das Skurrile. Denn wie es kommt, dass ein Pelzhändler und glühender Bewunderer der Schauspielkunst einer gewissen Miss Patella ausgestopft im Museum endet, sei hier nicht verraten.

Eine stringente Erzählung gibt es bei Katchor nicht, viel eher ein Konvolut verschachtelter Visionen, in dem manches Mal der Überblick verloren geht. Deutlich wird jedoch, dass dieses Genre weit mehr kann, als man ihm gemeinhin zutraut.

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