Nr. 36/2009 vom 03.09.2009

Schalt doch mal die Kuh ab

Warum die Forderungen der MilchbäuerInnen berechtigt sind.

Von Bettina Dyttrich

Am Samstag, 29. August 2009, versammelten sich um die 10 000 BäuerInnen bei der Schlachtkapelle Sempach zum «Bauernaufstand». Aufgerufen hatten die kämpferische MilchbäuerInnenorganisation Big-M, das Bäuerliche Zentrum Schweiz und die SVP. Demos dieser Art haben in der Schweiz Tradition. ­Aussenstehende nehmen sie meist nur von weitem und leicht irritiert wahr. Doch der geschichtsträchtige Ort, die Schweizerfahnen, die Treicheln und SVP-Präsident Toni Brunner am Rednerpult lenkten davon ab, dass es in Sempach um ein urlinkes Anliegen ging: die Re-Regulierung eines entfesselten Marktes.
2008 war der Milchpreis im Hoch. Das veranlasste viele ­BäuerInnen, die ­Milchproduktion ­auszuweiten. Für kurze Zeit konnten sie profitieren: Laut neuen Zahlen der Forschungsanstalt Agroscope stiegen die landwirtschaftlichen Einkommen 2008 um 5,7 Prozent. Der Milchmarkt war noch reguliert, aber das ­Bundesamt für Landwirtschaft bewilligte zusätzlich zu den Kontingenten eine Mehrproduktion im grossen Stil. Als Folge fiel ab Herbst 2008 der Preis in den Keller. Die ­Aufhebung der Kontingentierung am 1. Mai dieses Jahres ver­stärkte die Entwicklung noch. Heute ­bekommen die ­BäuerInnen noch um die sechzig Rappen pro Kilo Milch. Dafür lohnt es sich kaum, die Melkmaschine ­einzuschalten.
Seit Ende des 19. Jahrhunderts ist es nicht mehr in erster Linie die Knappheit, die die BäuerInnen der Welt bedroht, sondern die Überproduktion. Je grösser das Angebot, desto tiefer der Preis. Ein Gesetz, das für alle Märkte gilt, das sich aber in der Landwirtschaft besonders dramatisch auswirkt. Denn Lebensmittel lassen sich nicht auf Bestellung produzieren. Pflanzenbau und Tierhaltung müssen auf Jahre hinaus geplant werden. Anders als eine Fabrik lässt sich eine Kuh nicht einfach abschalten, wenn zu viel Milch auf dem Markt ist. Und natürlich kann auch ihre Besitzerin nicht von einem Tag auf den andern den Betriebszweig wechseln. Sie wird im Gegenteil versuchen, noch mehr zu melken, um mit der höheren Menge den Einkommensverlust wettzumachen. Damit beschleunigt sie den Preiszerfall weiter.
Der andere, vernünftigere Weg gegen den Preiszerfall wäre eine Mengensteuerung. Sie kann nur wirksam sein mit verbindlichen Regeln für alle, die Milch produzieren. Genau das forderten die DemonstrantInnen in Sempach: Eine privatrechtliche Organisation von MilchproduzentInnen muss die Möglichkeit haben, die ­Milchmenge festzulegen. Eine Monitoringstelle soll den Milchmarkt laufend analysieren und die Menge dem tatsächlichen Absatz anpassen. Und Absatz um jeden Preis kann es nicht sein: «Exportmärkte, die mit Billigprodukten bedient werden, würden wohl aus unserem Portfolio fallen», meinte Martin Haab von Big-M ironisch in Sempach. Inzwischen verlangen MilchbäuerInnen in ganz Europa eine solche Mengensteuerung.
Mit diesem Modell würde die Milch im Laden vielleicht einige Rappen teurer werden als heute. Doch das wäre ein geringer Preis im Vergleich zu den Kosten der Überschüsse. Diese bedrohen nicht nur die MilchbäuerInnen Europas. Noch dramatischer sind die Folgen für den Rest der Welt: Die überflüssige Milch wird als Pulver zu Dumpingpreisen auf dem Weltmarkt «entsorgt» und ruiniert so BäuerInnen in armen Ländern. Das Hilfswerk Oxfam hat die EU-Milchmarktpolitik diesen Sommer denn auch heftig kritisiert.
Die jungen Frauen, die in Sempach ein Transparent mit der Aufschrift «Fairtrade auch für Schweizer Bauern» trugen, haben verstanden, worum es geht. Die Ernährung der Menschen ist zu wichtig, um dem Risiko der globalisierten Märk­te ausgesetzt zu werden.

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