Nr. 36/2009 vom 03.09.2009

Leichen in der silbernen Stadt

Kaum ein Name aus dem Bürgerkrieg in Bosnien (1991-1995) hat sich derart ins Gedächtnis eingebrannt wie Srebrenica. Emir Suljagic hat mit seinen Erinnerungen an die Belagerung der ostbosnischen Stadt ein erschütterndes Dokument verfasst.

Von Thomas Bürgisser

Vier Jahre nach Kriegsende, 1999, kehrt Emir Suljagic erstmals nach Srebrenica zurück. Plötzlich bemerkt er, dass er auf Zehenspitzen durch die Strassen der Stadt geht, und erkennt: «Das Gefühl, über die Leichen meiner Nächsten zu gehen, war so stark, dass es physisch zu spüren war.»

Mit aller Kraft behaupten die Geister dieser Stadt im Buch des bosnischen Schriftstellers ihre Existenz in der Gegenwart. Wortgewaltig schreibt der Autor gegen das Vergessen nicht nur ihres Sterbens, sondern auch ihres Lebens an. Drei Jahre lebte Suljagic in der von bosnisch-serbischen Truppen belagerten Enklave. Srebrenica – die Silberne, wie die ostbosnische Stadt wegen ihres Reichtums an Bodenschätzen einst genannt wurde: Kaum ein Name aus dem Bürgerkrieg in Bosnien 1991 bis 1995 hat sich derart in das Gedächtnis eingebrannt. Srebrenica steht nicht nur für das grösste Kriegsverbrechen, das die bosnisch-serbische Armee an der bosniakischen Zivilbevölkerung begangen hat, sondern auch für die Passivität der internationalen Truppen, die dieses Massaker haben geschehen lassen.

Suljagics Werk, das seit kurzem in deutscher Übersetzung vorliegt, ist literarische Verarbeitung und Augenzeugenbericht zugleich. Als Sechzehnjähriger flieht er mit seiner Familie aus seinem Heimatdorf vor den serbischen Freischärlern in die Stadt, die bis im Juli 1995 für Tausende ein vermeintlich sicherer Zufluchtsort ist. Als Srebrenica im Frühjahr 1993 zur «demilitarisierten» Uno-Schutzzone erklärt wird und kanadische, später niederländische, Blauhelme einrücken, wird Suljagic von der Uno als Dolmetscher angeheuert. Bei Treffen und Verhandlungen ist der junge Mann deshalb sehr nahe an vielen massgeblichen politischen und militärischen Akteuren dran.

Die «innere Besatzung»

Oft hart, trocken und lakonisch, manchmal mit viel Pathos schildert Suljagic den Alltag in der belagerten Stadt. Er erzählt von Mut und Trotz, Widerstandswille und Selbstlosigkeit. Doch nimmt er kein Blatt vor den Mund. Von Beginn an schreibt er auch über die Missstände in Srebrenica – über die Kriminellen und Warlords, die die Macht in der Enklave an sich rissen, über die «innere Besatzung». Nach dem Untergang der alten Welt beherrschen «die letzten Typen» das Leben in der belagerten Stadt. Suljagic begeht nicht den Fehler, die Opfer des Krieges zu unschuldigen Persönlichkeiten zu stilisieren. Im Kampf um die knappen Lebensmittel, um Hilfsgüter, Brennmaterial und Zigaretten ist auch vielen Belagerten jedes Mittel recht: «Die Leute verloren zum wer weiss wie vielten Mal alle Skrupel, überschritten alle Grenzen des Anstands und verloren noch einmal ihre Würde.»

Der Autor verschweigt weder die gefürchteten Greifkommandos von Naser Oric, dem Oberbefehlshaber von Srebrenica, die wahllos Männer von der Strasse weg verschleppten, um sie an der Front zu verheizen, noch die Massaker, die die Truppen der Armee Bosnien-Herzegowinas bei ihren Gegenoffensiven unter der serbischen Bevölkerung anrichteten. Als die Soldaten der Unprofor in Srebrenica einrücken, blüht der Schwarzmarkt mit Schnaps und Prostitution erst richtig auf.

Tod, Elend, Verrat

Natürlich ist Suljagic kein «objektiver» Chronist, kein neutraler Beobachter. Er verliert im Krieg Vater, Grossvater sowie alle männlichen Verwandten und Freunde. Sie werden von serbischen Soldaten massakriert. Allein seiner Anstellung bei der Uno ist es zu verdanken, dass er als einer von wenigen überlebt. Ein Schicksal, das ihn nicht in Ruhe lässt. Obwohl er lebt, verliert er die Fähigkeit, zu leben: «Wir sind auf mehr als eine Art vernichtet worden», schreibt er, «überall hin verstreut, völlig einsam, wo immer wir auch sind, nicht bereit zu Gefühlen, weil seit dem Fall von Srebrenica alle Gefühle irgendwie verkümmert, fast eine Last sind.» Was den autobiografischen Erzähler gebrochen hat, ist nicht nur der Tod, das Elend und die Gewalt. Gebrochen hat ihn der Verrat.

Als die Truppen der Republik Srpska unter dem Kommando des berüchtigten Ratko Mladic im Hochsommer 1995 die Enklave überrennen, gewähren weder die Uno-Resolution noch das Bataillon niederländischer Blauhelme den ZivilistInnen Schutz. Die «Schutztruppe» zieht sich in ihr Camp in Potocari zurück, lässt sich von den Serben entwaffnen und überlässt die Schutzbefohlenen ihrem Schicksal. Obwohl sie wissen müssen, was nun geschieht: Die Serben sondern Männer und Junge aus den Flüchtlingen aus, rund 8000 von ihnen ermorden sie in den nächsten Tagen in der Umgebung der Stadt. Die Opfer der Massenexekutionen werden in den Wäldern verscharrt, ihre verwesten Leichen sind nun Gegenstand der juristischen und historischen Aufarbeitung des Krieges. Mit dem letzten internationalen Konvoi verlässt Emir Suljagic Potocari.

Ohne Illusionen

In den Nachfolgestaaten Jugoslawiens gibt es viele junge literarische Talente. Die alternative, nicht dem nationalistischen Kanon entsprechende Aufarbeitung des Bürgerkriegs ist eines der Hauptanliegen dieser jungen Generation, die auch den grenzüberschreitenden Austausch nicht scheut. Im Gegensatz etwa zu Miljenko Jergovics Prosasammlung «Sarajevo Marlboro», die bereits 2004 auch im deutschsprachigen Raum Erfolge feierte, kommt Suljagics Roman unerbittlich und illusionslos daher. Der Autor, der heute bei der bosnischen Wochenzeitschrift «Dani» als Korrespondent vom Kriegsverbrechertribunal in Den Haag berichtet, hält Jergovics sensibler, poetischer Melancholie publizistische Nüchternheit entgegen. Wo der eine sich in die Metaphysik rettet, bleibt beim anderen nur nackter Existenzialismus.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch