Nr. 38/2009 vom 17.09.2009

Joseph Conrad

Von Martina Süess

Die Geschichte, die Kapitän Marlow seiner Mannschaft erzählt, während sie an der Themsemündung den Wechsel der Gezeiten abwarten, wurde zu einer der bedeutendsten Erzählungen für das 20. Jahrhundert. Joseph Conrad hatte sie 1899 im fieberhaften Schaffensrausch verfasst. Seine Erfahrung als Seemann für die französische und die englische Handelsmarine, sein kritischer Blick auf den Kolonialismus und die zeittypische Faszination für die geheimnisvollen Mächte des Unterbewussten verschmelzen zu einer alptraumhaften Reise ins Innere eines dunklen Kontinents: Das «Herz der Finsternis» ist eine fremde Welt im tiefsten Urwald Afrikas sowie Ort grauenerregender Selbsterkenntnis.

Im Zentrum steht Marlows Begegnung mit Kurtz, dem selbst ernannten Herrscher dieses düsteren Reichs. Ursprünglich im Auftrag der «Internationalen Gesellschaft zur Unterdrückung primitiver Gebräuche» in den Kongo geschickt, ist er in der Wildnis nicht nur zum Elfenbeinjäger, sondern zu einem Gott und Führer der Eingeborenen mutiert. Er berauscht sich an grausamen Menschenopfern und zieht mit seinem magischen Charisma die Untertanen und Marlow selbst in seinen Bann. Als der Kapitän den kahlköpfigen Despoten trifft, ist dieser bereits vom Tod gezeichnet, und Marlow wird nicht nur Zeuge von Kurtz’ ansteckendem Wahnsinn, sondern auch seines grausigen Sterbens. «Es war seine Seele, die verrückt war. Alleingelassen in der Wildnis, hatte sie in sich hineingeblickt, und, Himmel, war darüber verrückt geworden. Und nun musste ich (...) die Qual durchstehen, selbst in sie hineinzublicken. (...) Ich sah das unvorstellbare Geheimnis einer Seele, die keine Selbstbeherrschung kannte, keinen Glauben und keine Angst, und die doch blind mit sich selber rang.»

Auf etwas mehr als hundert Seiten entfaltet Marlow den letztlich nicht zu entschlüsselnden Bericht seines Abenteuers, der unzählige literarische und filmische Werke inspiriert hat; allen voran Francis Ford Coppolas kongeniale Verfilmung «Apocalypse Now».

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