Nr. 38/2009 vom 17.09.2009

Bedroht Franz die Natur?

Der frühere Schweizerische Bund für Naturschutz ist hundert Jahre alt. Am Samstag wird in Champ-Pittet am Neuenburgersee gefeiert. Ein Brief zum Jubiläum.

Von Bettina Dyttrich

Liebe Leute von Pro Natura

Ich schätze eure Arbeit sehr. Ich bin froh um die Landschaftsinitiative, für die ihr euch engagiert, die die Bauzonen begrenzen will. Beim Wandern freue ich mich an den Mooren, die auch dank euch unter Schutz stehen. Euer Engagement für den Erhalt der letzten Trockenwiesen finde ich wichtig.

Aber einige Fragen muss ich doch loswerden. Sie betreffen einen Bekannten von mir.

Franz* ist Älpler in der Innerschweiz. Er hat die Alp gekauft und produziert auf eigene Rechnung Käse. Ein bisschen kann er vorbeiwandernden TouristInnen verkaufen – leider wollen sie selten mehr als 200 Gramm –, den Grossteil an Lebensmittelläden im Tal. Auf die Alp führt keine Strasse. Bisher trug Franz den Käse auf dem Rücken zum Parkplatz hinunter, jeden Sommer fast zwei Tonnen. Jetzt hat er, unterstützt vom Kanton, eine einfache Transportseilbahn bauen lassen. Die Naturschützer im Tal hätten keine Freude daran gehabt, sagt Franz. Denen wäre es sowieso am liebsten, er wäre gar nicht mehr hier.

Biologen in den Felsen

Ihr von Pro Natura fordert, die Alpwirtschaft solle nur noch dort gefördert werden, wo «klare Ziele des Arten-, Biotop- oder Landschaftsschutzes festgelegt wurden». So steht es in eurem neuen «Standpunkt Landwirtschaftspolitik». «In den übrigen Landschaftskammern wird die Entstehung von sekundärer Wildnis nicht mit Staatsgeldern aufgehalten.»

«Dort oben unter den Felsen steigen sie herum, die Biologen», erzählt Franz. «Natürlich nur an schönen Tagen. Sie legen fest, wo man wildheuen sollte.» Jahrhundertelang machten die Bergbauern an den steilsten Hängen Heu, dort, wo es sogar für Rinder und Ziegen zu gefährlich ist. Und förderten damit unbeabsichtigt die Artenvielfalt. «Nichts gegen wildheuen – aber es heisst immer, die Bauern sollen grössere Höfe haben. Wann haben sie da noch Zeit, in die Wildheuplanggen zu gehen? Und dass es dort diese schönen Blumen gibt, das haben wir nicht den Biologen zu verdanken. Sondern den Vorfahren.»

Franz sagt das nicht wütend. Er wundert sich eher. Es leuchtet ihm nicht ein, dass jene, die die Blumen zählen, mehr verdienen als jene, die in harter Arbeit mit der Sense die Hänge mähen. Und dass einige das Gras nach dem Mähen verfaulen lassen, versteht er schon gar nicht.

Immer nur Tourismus

Ein grosses Anliegen ist euch Pro-Natura-Leuten ein zweiter Nationalpark für die Schweiz. Zu einem Nationalpark gehört nach internationaler Definition eine mindestens hundert Quadratkilometer grosse Kernzone ohne Nutzung.

In Franz’ Region ist ein Naturpark geplant, zu dem auch seine Alp gehören soll. Bei diesem Park wäre, anders als beim gescheiterten Nationalparkprojekt im Kanton Uri, die landwirtschaftliche Nutzung weiterhin überall erlaubt. Franz ist trotzdem skeptisch. Ihm fällt auf, dass sich bei den InitiantInnen alles um Tourismus dreht. Aber gleichzeitig dürfe die SAC-Hütte weiter oben im Tal, die schon jetzt an schönen Wochenenden an ihre Grenzen stösst, nicht ausgebaut werden. «Das sind doch Widersprüche! Jagen wird man auch nicht mehr dürfen ... Und dann werden sie wohl noch einen Wolf aussetzen.»

Kürzlich habt ihr von Pro Natura eine Umfrage zum Thema «Jagd» in Auftrag gegeben. Fast die Hälfte der Befragten will mehr Schutz- und Ruhegebiete, in denen nicht gejagt werden darf. Kein Wunder – JägerInnen findet kaum jemand sympathisch.

Franz jagt. Jeden Herbst schiesst er eine Gämse und einen Bock, später pirscht er nach Hirschen. Im Winter geht er holzen im Schutzwald.

Unverbesserlicher Querkopf?

Franz wäre eigentlich eine ideale Heldenfigur für euch. Er lebt mit und von diesem Tal und seinen Tieren, auf eine Art naturverbunden, die im Mittelland nicht mehr vorstellbar ist. Aber leider enttäuscht er euch. Er freut sich weder an Wildnis noch an Grossraubtieren, und das Produzieren von Artenvielfalt als Selbstzweck kommt ihm absurd vor. So droht er zum Feindbild zu werden, zu einem jener unverbesserlichen «Querköpfe», denen «die Einsicht fehlt» («Pro Natura Magazin», 3/2000).

Warum eigentlich? Weil der Naturbegriff von umweltbewussten StädterInnen und von Menschen wie Franz so verschieden ist, dass sie kaum noch miteinander reden können. Für StädterInnen ist die Natur ein Ideal. Franz hingegen lebt direkt von ihren Produkten. Das tun in der Schweiz gerade noch vier Prozent der Erwerbstätigen. In diesem sogenannten ersten Sektor sind die Auswirkungen des Wirtschaftens direkt an Ort sichtbar: gefällte Bäume, getötete Tiere, intensiv gedüngte Wiesen. Wir in unseren Dienstleistungsjobs wissen zwar auch über unsere Abhängigkeit von der Erde, aber wir fühlen sie nicht. Was wir so anrichten, sehen wir nicht – die Abraumhalden für die Metalle in unseren Handys, die lecken Ölpipelines für unsere Plastiksäcke, die Baumplantagen für unser Druckerpapier sind weit weg. Weil alles, was wirklich dreckig ist, in ärmere Länder ausgelagert wurde, erhalten Umweltschäden aus der Landwirtschaft (die es zweifellos gibt – über das Warum lässt sich streiten) ein enormes Gewicht.

Liebe Leute von Pro Natura, sind es wirklich Menschen wie Franz, die die Natur bedrohen? Wäre es angesichts des schwindenden Erdöls nicht angebracht, die landwirtschaftliche Nutzung schonend, aber möglichst flächendeckend aufrechtzuerhalten? Und lässt sich die Natur – wie immer wir sie definieren – überhaupt schützen, ohne ein paar grundsätzliche Fragen zu stellen? André Gorz, ein Pionier des ökologischen Denkens, hat es so formuliert: «Die Ökologie hat nur dann ihre volle kritische und ethische Kraft, wenn die Verwüstungen der Erde, die Zerstörung der natürlichen Grundlagen des Lebens als die Folgen einer bestimmten Produktionsweise verstanden werden; und wenn verstanden wird, dass diese Produktionsweise die Maximierung der Erträge verlangt und zu Techniken greift, die dem biologischen Gleichgewicht Gewalt antun.»

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