Nr. 40/2009 vom 01.10.2009

Der Schlingel fabuliert

Urs Widmer hat ein Kinderbuch für Erwachsene geschrieben. Nachdenken über die letzten Dinge wird erträglich.

Von Paul L. Walser

«Er stand auf einem flachen, kaum ein paar Handbreit hohen Hügel aus Erde, einer Art platt getrampeltem Tumulus, über den kreuz und quer Reifenspuren führten, und sah mich, als ich nun vor ihm stehenblieb, mit jenem Indianerblick an, den ich so gut kannte und der mir bis dahin noch nie begegnet war. Unergründlich. Ich hatte den Blick oft geübt, vor dem Spiegel, aber seine Wirkung war nie sehr gross gewesen. Meine Mutter bemerkte ihn gar nicht, und Mick schaute so lange zurück, weit unergründlicher als ich, bis meine Augenlider flatterten und ich lachen musste.»

Der in Zürich lebende Basler Schriftsteller Urs Widmer weiss zu erzählen. Und er hat keine Angst vor Märchen. Er ist ein Schalk. Er flunkert glaubwürdig. Die Scherze, die er erzählt, erlaben ihn selber. Widmer ist erstaunlich treffsicher. Er schreibt eine klare, gut verständliche Prosa, die indes alles andere als anspruchslos ist. Er ist gebildet und bringt sein Wissen unterhaltsam ein. Zum Beispiel indem er zeigt, dass er Griechisch sprechen, lesen und schreiben kann. Sehr hübsch.

Widmer lässt uns nicht nur an seinem Wissen, sondern vor allem auch an seiner Fantasie und Fabulierlust teilhaben, weil er das grosse Staunen aus der Kinder- und Schlingelzeit nicht verlernt hat. Das ist sein Geheimnis. Ob er selber einstmals ein richtiger Schlingel war? Zumindest ein gescheiter Möchtegernschlingel.

Ab ins 19. Jahrhundert

Seit seiner Erfolgserzählung «Der blaue Siphon» wissen wir, dass Urs Widmer eine recht glückliche Basler Kindheit verlebt hat, in einem Haus mit Garten und einer die Kinderseele ungemein stimulierenden Umgebung. In diese Welt entführt er uns auch in seinem neuen Buch, und beileibe nicht nur an die Oberfläche. Auch in die Unterwelt, die man mit kühnen Zeitsprüngen erreicht und wieder verlässt. Er führt uns schmunzelnd an der Hand und ist nie um eine neue unerwartete Wegbiegung verlegen. Dabei gelingt ihm das Kunststück, dem Tod zu begegnen, ihn eine Zeit lang sogar zu begleiten und ihm dann, ganz am Schluss, wenn es so weit ist, zu folgen, abrupt. Der Tod zeigt sich in der Gestalt des Herrn Adamson, den der Ich-Erzähler Horst im geheimnisvollen Nachbarsgarten als Achtjähriger erstmals antrifft.

Jetzt ist Horst ein uralter Mann, der am Tag nach seinem 94. Geburtstag, am 22. Mai 2034, dem Aufnahmegerät seiner Enkelin Annie die Höhepunkte seines Lebens anvertraut. Auf die Welt gekommen ist er am selben Tag wie der Autor, ebenfalls in Basel. Horst schildert einige Abenteuer seines langen Lebens, so einen Abstecher ins 19. Jahrhundert, nach Mykene, wo gerade Heinrich Schliemann wichtige archäologische Funde macht, und später einen Ausflug nach Rock Window, Arizona, wo – so erzählt er – 1938 ein Massaker an Navajo-IndianerInnen verübt wurde. Seiner Indianerfeder aus der Kinderzeit hält der Ich-Erzähler, das Alter Ego des Autors, die Treue.

«Eine Landschaft, wie ich sie noch nie gesehen hatte und die mir tief vertraut war»: Das ist ein Schlüsselbild dieses Buchs. Bubenträume werden wahr, Wunder sind möglich; und stets ist der Tod ganz nahe und nicht zum Fürchten. Das ist Widmers Botschaft. Vor und neben dem Tod ist das Leben voller Überraschungen – auch wenn sie mitunter nur aus Büchern sind. Der Autor verfügt über eine überzeugende Fabuliersprache, die sich für die wildesten Handlungs-, Zeit- und Gedankensprünge eignet. Das Ganze gibt sich als eine Einheit fragmentarischer Geschichten, die eigentlich gar nicht zusammengehören.

Indianerlis für Erwachsene

Widmer, nunmehr 71 Jahre alt, dürfte ein idealer Vorlesegrossvater sein. Wahrscheinlich liest er dann gar nicht aus dem Buch, das er in Händen hält, sondern improvisiert munter drauflos – vielleicht aber auch nicht. Das Buch, das wir in Händen halten, ist ja auch nicht aus einer Improvisation heraus entstanden, sondern bei aller Lockerheit sehr umsichtig gearbeitet.

Mit Details nimmt es der Autor sehr genau, seien es die Strassenzüge von Basel, sei es der Patentspaten der Schweizer Armee. Auch jene, die in ihrer Jugend nie Indianerlis gespielt haben, kommen auf ihre Rechnung. Zeit- und Geografieprobleme gibt es nicht, flugs ist man auf dem Peloponnes oder in Arizona. Und immer steht in Basel der gute alte Citroën ZX vor der Tür oder in Amerika ein alter Toyota.

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