Nr. 40/2009 vom 01.10.2009

Die Hölle ist hygienisch

Von Johanna Lier

Herr Schönengel führt kein schönes Leben. Er arbeitet in der «Bude», Geld verdient er nicht, dafür bekommt er einen Kittel, eine Schachtel mit Stiften und eine warme Mahlzeit pro Tag. In der «Bude», in der alle Angestellten Herr Weisslich heissen, gibt es unendlich viele undurchschaubare Gesetze, deren Übertreten den Weisslichen schon mal an die Existenz gehen kann.

Kalte Resignation

Marie-Jeanne Urech zeichnet in «Mein sehr lieber Herr Schönengel» das Bild einer sanften, absolut hygienischen Hölle. Zuweilen glaubt man sich in die Welt eines Robert Musil oder eines Franz Kafka versetzt, und nicht zuletzt grüssen auch von weit her die grauen Männer aus Michael Endes «Die unendliche Geschichte». Es erstaunt, dass eine Autorin mit Jahrgang 1976 eine Geschichte erzählt, die das Grauen sterilisiert, die existenzielle Verzweiflung einfriert, gerade so, als sei sie in ihrem Leben schon da hingekommen, wo einen nur noch die kalte Resignation packt.

Sechzehn Etagen hoch ist diese «Bude», die exemplarisch für den alltäglichen Wahnsinn eines Angestelltenlebens stehen könnte, die oberste Etage misst sogar dreizehn Kilometer, im Keller hausen die Aufseher und eine Kuh, die Tee ausgibt. Herr Schönengel ist ein Künstler, er zeichnet für die «Bude» die schönsten Linien, die alle aufwärts streben und von absoluter Reinheit sind. So unfassbar seine Tätigkeit ist, so unfassbar gross ist auch die Kraft, die von diesen Strichen ausgeht, versprechen sie doch immerhin Reichtum und Glück.

Die nackte Fantasie

Letzteres begegnet Herrn Schönengel im Klo, wenn sich die WC-Kabine unversehens zu einem Wald hin öffnet, in dem Herr Schönengel wandeln darf. Wobei man eher von Lustwandeln sprechen muss: Mutiert doch dieser Wald durch eine unerwartete syntaktische Verschiebung zu einer Frau, deren zahlreiche Öffnungen zu ekstatischen Spaziergängen einladen – einer Frau, die mit ihrer Nacktheit die Fantasie der Weisslichen beherrscht. Es droht der Aufstand der Sinne.

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