Nr. 40/2009 vom 01.10.2009

Die Rätsel lösen sich auf

Von Eva Pfister

Die Geschichte von Jens, dessen Mutter Josefa aus dem Norden in die Schweiz eingewandert ist, hat Tim Krohn schon einmal erzählt, in seinem Band «Heimweh» von 2005. In der berührenden Erzählung «Das Meer» stammte Josefa noch aus Schweden und nennt ihren Jungen liebevoll «lilla flicka», kleines Mädchen. Jetzt ist aus dem Stoff der Roman «Ans Meer» geworden. Erschienen ist er im neuen Verlag Galiani Berlin, dessen Cheflektor Wolfgang Hörner schon bei Eichborn Tim Krohn betreute. Im Pressetext wird der Autor als Schweizer Kultautor vorgestellt, der nach «Quatemberkinder» und «Vrenelis Gärtli» jetzt ein «hochdeutsches Buch» geschrieben habe, einen bestsellerverdächtigen Roman.

Die Probleme einer Psychologin

Man soll AutorInnen nicht an den Waschzetteln ihrer Verlage aufhängen, aber «Ans Meer» macht tatsächlich den Eindruck, als wäre die Erzählung für den deutschen Markt aufgebläht worden. Josefa stammt nun aus Norddeutschland und nennt ihren Buben «lütte Deern». Neu ausgebaut hat Krohn die dramatische Vorgeschichte von Josefa, die nach dem Tod ihrer Mutter fluchtartig ihren Vater und ihre beste Freundin Anna verlassen hat.

In der Gegenwartsebene des Romans ist Anna Psychologin, will unbedingt ein Kind und schickt ihren Freund Kalle in die Wüste, als sie erfährt, dass er zeugungsunfähig ist. Das spielt aber weiter keine Rolle, denn nun verfällt Anna in Erinnerungen an ihre Freundin Joe, und prompt meldet diese am Telefon ihren Besuch in Kiel an.

Berg-und-Tal-Fahrten

In bester Enthüllungsdramaturgie kommen aus wechselnder Perspektive die ganzen Verwicklungen ans Licht. Unglücksfälle, Ehebrüche und Schuldgeständnisse durchziehen das Buch, das streckenweise spannend zu lesen ist. Weil das Interesse aber mehr der Auflösung der Rätsel gilt als dem Innenleben der Figuren, deren Gefühle rasende Berg-und-Tal-Fahrten durchmachen, ganz so, wie die Handlung es braucht, wird es rasch langweilig, wenn man die Story durchschaut hat. Statt tiefgründiger Charaktere bietet Krohn Erörterungen über das Leben an sich: «Die schlichte Wahrheit war doch, dass alle Menschen einmal glücklich waren und sich dann wieder quälten, dass sie kamen und gingen, geboren wurden, gebaren und starben ...»

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