Nr. 41/2009 vom 08.10.2009

Körperwunde

Von Johanna Lier

Der Apfelblütenstecher gehört zur Familie der Rüsselkäfer. Er pflegt seine Eier einzeln in die Blütenknospen der Apfelbäume zu legen. Die Larve ernährt sich in der folgenden Zeit vom Inneren der weissen Blumen, und leergefressen bleibt die Knospe geschlossen, wird braun. Es kann sich kein Apfel bilden.

Die Episode aus der erbarmungslosen Welt der Botanik dient Wanda Schmid als Metapher für die Geschichte einer Freundin, die im Text mit ihren Initialen R. St. genannt wird. «Apfelblütenstecher – Gedichte und Fragmente» heisst das neue Buch der 1947 geborenen, in Zürich lebenden Dichterin. In einer losen Folge entblättert Schmid das Schicksal eines Mädchens, das sexuell missbraucht worden ist und diesen sie von innen auffressenden Käfer ein Leben lang nie wieder losgeworden ist. Die Frau bleibt ein gejagtes Wesen, das immer schon die Gefahr riecht, auch wenn noch nicht zur Jagd geblasen wurde. Das Leben ist ein ewiges Jagdhalali, und sie überlebt als Fluchttier, rastlos, misstrauisch, destruktiv. Nie im eigenen Körper heimisch geworden, gelingt ihr das Ankommen in der Welt nicht, und so bleibt nach quälenden Jahren nur der Ausweg in den Suizid.

In lyrischen Versen wähnt man die Stimme eines Erlkönigs zu hören, verführerisches Lockmittel, das die Frau innerlich aushöhlt, korrumpiert, verwirrt und sie jegliches Gefühl für die Grenzen zwischen Ich und Du verlieren lässt. In den prosaischen Passagen sucht die Autorin in der dritten Person eine Annäherung an das Innenleben der Protagonistin. Sie lesen sich bisweilen wie der vergebliche Versuch, mögliche Interpretationen des irrationalen Verhaltens eines traumatisierten Menschen zu finden. Eine Liebeserklärung, die nicht über die Ohnmacht hinwegtäuschen mag, dass dem nicht zu helfen ist, der sich nicht selber zu helfen vermag.

Der erste Teil des Buches versammelt Gedichte der letzten Jahre: Momentaufnahmen meditativer Zustände, Reflexionen über das Einbrechen der Träume, das Verlieren der Worte, die Liebessehnsucht, die Trauer, die Wut. In schlichte Worte gefasste Strategien, die Wahrnehmung als Bändigerin des kaum Aushaltbaren einzusetzen.

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