Nr. 42/2009 vom 15.10.2009

Alice im Wunderland

Von Martina Süess

«Curiouser and curiouser» sind Alices Erlebnisse im Wunderland. Dass sie dauernd wächst und schrumpft, ist noch das Harmloseste. Seltsame Kreaturen kommandieren sie herum und treiben sie mit einer verdrehten Logik beinah in den Wahnsinn. Eine verrückte Teegesellschaft nippt ununterbrochen an den Tassen, weil die Uhr auf sechs stehen geblieben ist. Eine launische Spielkartenkönigin lädt zum Croquet, das nicht mit Bällen und Schlägern, sondern mit Igeln und Flamingos gespielt wird. Eine grinsende Katze verschwindet so plötzlich, wie sie auftaucht, und hinterlässt das bizarrste Wunder, das Lewis Carroll in diese Gesichte gepackt hat: ein Grinsen ohne Katze!

Die unzähligen Verfilmungen des Kinderbuchklassikers von 1865 sind deshalb so viel schlechter als das Buch und im besten Fall etwas für Kinder, weil Alice’ Wunderwelt vor allem ein Spielplatz der Sprache ist: ein Ort, wo ihre (un)logischen Gesetze vorgeführt und ausser Kraft gesetzt werden. Wo «I mean what I say» das Gleiche bedeutet wie «I say what I mean». Wo es keinen Unterschied gibt zwischen «do cats eat bats» und «do bats eat cats». Wo leicht erklärt werden kann, warum Schulstunden auf Englisch «lessons» heissen: «because they lessen from day to day». So jedenfalls erklären es die depressive Schildkröte und der nostalgische Hummer, als sie mit ihrer Unterwasserausbildung prahlen, die sich – logischerweise – wie folgt gestaltete: «Ten hours the first day, nine the next and so on.»

Es lohnt sich, das Buch in der Originalsprache zu lesen. Bescheidene Englischkenntnisse reichen aus. Bevorzugt man Deutsch, kann man auf die legendäre Übersetzung von Christian Enzensberger vertrauen. Er hat die witzigen Verschrobenheiten kreativ in die deutsche Sprache überführt. Das klingt zum Beispiel so: «Dass Katzen Fledermäuse atzen? Dass Feldermäuse Katzen atzen? Dass Flederkatzen Mäuse atzen?» Ein Buch zum immer und ewig wieder lesen!

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