Nr. 42/2009 vom 15.10.2009

Kämpfen hält tatsächlich gesund

Der neuste «Widerspruch» widmet sich der Frage, wie sich die Krise auf die Gesundheit auswirkt. Und präsentiert Vorschläge, wie sich das Schweizer Gesundheitssystem reformieren liesse.

Von Susan Boos

Der Beitrag beginnt mit dem spröden Titel: «Gesundheit in der Krise» – und endet mit der guten Nachricht: «Widerstand fördert die Gesundheit!» Der Text findet sich in der neusten Ausgabe des «Widerspruchs», der sich dem Thema «Krankheit/Gesundheit» widmet. Die drei deutschen SoziologInnen Karin Becker, Ulrich Brinkmann und Thomas Engel haben versucht herauszufinden, welche gesundheitlichen Auswirkungen die Krise auf die Beschäftigten hat. Ihre Befragungen brachten überraschende Ergebnisse: Die Leute arbeiten sich nicht einfach krank, aus Angst, den Job zu verlieren. Im Gegenteil: Die Erkenntnis, möglicherweise den Job zu verlieren und in naher Zukunft «wieder auf dem Markt zu sein», führe zu einem Umdenken – die Leute realisieren, dass das einzige Gut, das sie noch haben, ihre Gesundheit ist. Das Vertrauen in das Unternehmen schwinde und damit auch die Bereitschaft «einer schonungslosen Vernutzung der eigenen Gesundheit zum Wohl des Unternehmens», schreiben die WissenschaftlerInnen.

Sie kommen auch zum Schluss, dass Menschen, die sich stark engagieren – zum Beispiel in Streiks oder Betriebsbesetzungen – «selbst unter Stress seltener an Burn-out und Erschöpfung leiden». Ein solch «positiver Stress» des Aufbegehrens entfalte Wirkung, weil die Leute wieder Kontrolle über ihr Leben gewinnen, was der Gesundheit eben förderlich ist.

Die drohende IV-Revision

Trotzdem fallen immer mehr Menschen aus dem Erwerbsleben, weil sie nicht mehr mithalten können. Der Basler Mediziner Alex Schwank verfasste einen höchst lesenswerten Artikel über die Entwicklungen in der Invalidenversicherung (IV). Heute werden rund eine Viertelmillion IV-Renten ausbezahlt, ein Drittel davon geht an psychisch Kranke. Die nächste IV-Revision steht an, und es dürfte hässlich werden: Die Rechtsparteien schreien «Missbrauch bekämpfen!», und die Bürgerlichen reagieren mit der Forderung darauf, der Rentenbestand müsse reduziert werden. Auch langjährigen IV-BezügerInnen soll die Rente aberkannt werden – damit sie wieder Arbeit suchen, was sich dann Wiedereingliederung nennt.

Schwank hat grundsätzlich nichts gegen Wiedereingliederung, stellt aber fest: «Wer von einem Recht auf Wiedereingliederung ausgeht, muss dafür auch dann einstehen, wenn damit Mehrkosten verbunden sind. Gerade bei psychisch Behinderten ist möglicherweise in vielen Fällen eine Berentung billiger als eine Eingliederung.» Auf jeden Fall sei zu verhindern, dass das Prinzip «Wiedereingliederung vor Rente» dazu missbraucht werde, «Behinderten eine Rente zu verweigern, obwohl absehbar ist, dass sie keine wirkliche Chancen haben, auf dem Arbeitsmarkt eine Stelle zu finden.» Die Folgen sind absehbar: Alle, die zur Wiedereingliederung gezwungen werden, aber gar keine Jobchancen haben, werden in der Fürsorge enden – das ist erniedrigend und verschärft nur die ökonomischen Probleme der Sozialhilfe.

In zwei weiteren «Widerspruch»-Beiträgen präsentieren die SP-Nationalrätin Christine Goll und der Waadtländer SP-Regierungsrat Pierre-Yves Maillard ihre Vorstellungen, wie sich das Gesundheitssystem reformieren liesse. Goll fordert unter anderem eine persönliche Gesundheitsstelle (PGS), um die Kosten zu dämpfen. Diese Gesundheitsstelle würde aus medizinischen Fachleuten bestehen, die als Vertrauenspersonen die PatientInnen durch den wild wuchernden Dschungel der medizinischen Angebote lotsen könnten.

Maillards Vorschläge

Pierre-Yves Maillard, der die Gesundheitsdirektorenkonferenz präsidiert, macht zwei konkrete Vorschläge: Erstens solle die Krankenversicherung ähnlich wie die Arbeitslosenversicherung organisiert werden. «Es gäbe», so Maillard, «eine einzige Prämie pro Prämienzone, die Prämienzahlungen erfolgen in eine eidgenössische Kasse und die Versicherer stehen weiterhin in Konkurrenz bei der Anwerbung von Mitgliedern.» Zweitens solle das Gesundheitssystem nicht auf nationaler, sondern auf kantonaler Ebene reformiert werden: «Es ginge einfach darum, den Kantonen zu erlauben, ihre Krankenkassen selbständig zu organisieren. Dabei wäre es möglich, dass ein Kanton den jetzigen Zustand beibehält, ein anderer entscheidet sich für ein solidarischeres Modell – bis hin zur kantonalen Einheitskasse für jene, die das möchten.»

Insgesamt eine höchst lesenswerte «Widerspruch»-Ausgabe, die zum Thema «Gesundheit – Krankheit – Arbeit» Diskussionen anstösst, die sonst kaum mehr den Weg in die Öffentlichkeit finden.

www.widerspruch.ch

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